„Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste“ (Heinrich Heine) Foto: Fotolia

Sie lesen gerne? Bücher, Zeitungen und eBooks? Print und Online? Dann haben sie vielleicht vom Buch des Lebens gehört. Oder doch nicht? Dann lesen sie hier nur weiter.

Stuttgart - Das Buch des Lebens? Der Begriff klingt für säkulare Ohren befremdlich. Er stammt aus dem Judentum: Mit dem zweitägigen Fest „Rosch ha-Schana“ (hebräisch für: Anfang des Jahres) beginnt im Herbst das neue Jahr. „Tischri“ ist der erste Monat des jüdischen Kalenders, in dem der Überlieferung zufolge Gott die Menschen erschaffen hat.

Jedes Jahr zur „Rosch ha-Schana“ legen gläubige Juden Rechenschaft über ihr Handeln ab und versprechen sich zu bessern. Am ersten Tag des Festes soll Gott das Buch des Lebens („Sefer ha-Chajim“) aufschlagen, in dem das Schicksal aller Menschen aufgeschrieben ist. Durch gute Werke, Reue und Umkehr kann jeder sein Leben noch zum Guten wenden.

Das Christentum hat diese uralte mythologische Vorstellung übernommen und das lateinische Wort „Liber vitae“ – das Buch mit den Namen aller Gott wohlgefälligen Menschen – geprägt. In der Geheimen Offenbarung des Johannes, der letzten Schrift des Neuen Testamentes, ist noch von einem anderen Buch die Rede: In ihm sind sämtliche Namen und Taten der Menschen verzeichnet, die niemals ausgetilgt werden und nach denen sie am Jüngsten Tag von Gott gerichtet werden. Dort heißt es (Kapitel 13, 8 und 17, 8): Von Anbeginn der Welt sind die Namen derer, die Gott auserwählt hat, in dieses Buch eingetragen.

Und was ist mit all den anderen? Mit den Anders- und Nicht-mehr-Gläubigen, den Un- und Niemals-Gläubigen? Die sich nicht zu Gott bekehren, nichts von ihm wissen oder nichts mehr von ihm wissen wollen? Gilt immer noch der Satz? „Extra ecclesiam nulla salus!“ Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil! Gemeint ist damit natürlich, dass es außerhalb der Katholischen Kirche kein Heil gibt.

Diesen viel zitierten und berüchtigten Satz hatte die Allgemeine Kirchenversammlung zu Florenz im 15. Jahrhundert als Dogma festgeschrieben: „Die heilige römische Kirche . . . verkündet, dass niemand außerhalb der katholischen Kirche — weder Heide noch Jude noch Ungläubiger oder ein von der Einheit Getrennter — des ewigen Lebens teilhaftig wird, vielmehr dem ewigen Feuer verfällt . . ., wenn er sich nicht vor dem Tod ihr (der Kirche) anschließt.“

Ein folgenschwerer Satz – und falsch dazu. Wer behauptet, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein, geht ganz sicher in die Irre. Mittlerweile hat sich auch die Katholische Kirche eines Besseren belehrt und sich in den vergangenen Jahrzehnten für andere Religionen und Weltanschauungen und ihren geistigen Reichtum weit geöffnet.

Und was ist mit dem Buch des Lebens? Es ist eine Metapher – für die mannigfaltigen und verschiedenartigen Wege, auf denen Menschen zur Wahrheit und zum Leben gelangen können. Ein Buch, das niemanden ausschließt und alle vereint. Ein Buch, das eine unendliche Geschichte erzählt.

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