Unter den Bewohnern des Zelts in Kirchberg sind viele Familien. Foto: Gottfried Stoppel

Die ersten Flüchtlinge sind in die Zeltunterkunft bei Kirchberg an der Murr eingezogen. Das Provisorium wird wohl für drei bis vier Monate bestehen, dann werden die Familien in ein Gebäude gegenüber umziehen.

Kirchberg - Kinderstimmen in verschiedenen Sprachen schallen durch das Zelt. Eine Freiwillige hält die Kids mit einem Tablett voller Süßigkeiten bei Laune, während deren Eltern ihre neue Wohnstätte beziehen. „Überraschungseier gehen immer“, sagt sie und lächelt.

Die Gemeinschaftsunterkunft in dem großen Zelt unterhalb von Kirchberg ist im Rems-Murr-Kreis die erste ihrer Art. „Bislang haben wir versucht, Zelte zu vermeiden, aber jetzt geht es nicht mehr anders“, sagt Martina Nicklaus vom Landratsamt. Das Zelt auf dem Gelände einer Reinigungsfirma soll eine Übergangslösung sein: In drei bis vier Monaten hofft man, ein richtiges Gebäude fertig hergerichtet zu haben.

Knapp 100 Flüchtlinge sind angekündigt

Die ersten 50 Bewohner sind am Dienstagmorgen in das Provisorium eingezogen, insgesamt hat das Landratsamt 96 Flüchtlinge angekündigt. Der erste Bus aus Meßstetten bringt Menschen aus Syrien, dem Irak und aus Osteuropa – vor allem Familien steigen aus. „Darum hatten wir das Land gebeten“, sagt Nicklaus.

Über den Köpfen von Helfern und Asylbewerbern spannt sich eine weiße Plane, in der Mitte verläuft ein dicker Schlauch – die Heizung. Draußen sind Container mit Sanitäreinrichtungen und Küchen aufgestellt. Die Wohnräume sind durch mit Planen abgehängte Bauzäune voneinander getrennt. Zwei Helfer stellen Kinderbettchen in die Abteile. Die werden gebraucht: Viele Bewohner sind noch sehr jung. Auch hinter dem 20-jährigen irakischen Kurden Rzgar Muhammad, der vor zwei Monaten in Deutschland angekommen ist, spielen zwei Kinder, seine Geschwister. Die Eltern haben versucht, durch das Umstellen der Metallspinde etwas Privatsphäre zu schaffen. Was Rzgar von dem Zelt hält? Er zuckt mit den Schultern, will nicht klagen.

Kirchberg: Großer AfD-Erfolg, aber auch ein personalstarker Arbeitskreis Asyl

Zwei andere Iraker, 16 und 20 Jahre alt, laufen mit einem mit Milchtüten gefüllten Karton durch den Mittelgang der Unterkunft. Auch sie sind über Meßstetten vor zwei Monaten nach Deutschland gekommen, jetzt helfen sie den Mitgliedern des Kirchberger Arbeitskreises Asyl, Lebensmittel zu verteilen – „das, was eben nötig ist, bis die Flüchtlinge selbst einkaufen können“, erklärt eine Helferin.

Bei den Landtagswahlen am Sonntag haben rund 22,5 Prozent, also mehr als jeder fünfte Kirchberger, die rechtspopulistische AfD gewählt. Beim Einzug der Flüchtlinge ist von Fremdenfeindlichkeit nichts zu spüren: Der frisch gegründete Arbeitskreis Asyl hat rund 100 Mitglieder, einige davon empfangen die Neuankömmlinge. Der Kirchberger Bürgermeister Frank Hornek ist zuversichtlich, was den Frieden im Ort angeht: „Der Kirchberger weiß zwar, wie er ausdrückt, wenn ihm etwas nicht gefällt. Aber er weiß sich auch zu benehmen.“

Während sich die Erwachsenen einrichten, setzen sich Freiwillige mit den Kindern an die Tische, wo Hello-Kitty-Malbücher ausliegen. Um die Mittagszeit beginnt es draußen zu schneien. „Hoffentlich wird es hier drinnen wärmer, wenn die Türe einmal länger zu bleibt“, sagt eine Helferin.

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