Hund und Kind, eine ziemlich gute Chaostruppe, bei der Lagebesprechung. Foto: Setzer

Unser Kolumnist Michael Setzer sieht sich einer Übermacht gegenüber. Der eine ein Baby, die andere eine ehemalige Straßenköterin. Zusammen: absolute Chaostruppe.

Stuttgart - Es erscheint unsinnig, Hunde als den besten Freund des Menschen zu bezeichnen. Mit meinen besten Freunden rede ich viel über Platten und solche Sachen. Mein Hund, eine ehemalige und mittlerweile häuslich gewordene Straßenköterin aus Kreta, interessiert sich überhaupt nicht für Musik. Kein Stück weit.

Als sie neu bei uns war, habe ich ihr mal „Arena“, die Liveplatte von Duran Duran, vor die Nase gestellt. Ich wollte schauen, ob vom Hund eventuell Gefahr für meine besseren Platten ausgehen könnte. Also, lieber erst mal eine miese Platte hinstellen. War ihr egal. Auch weit bessere Platten, wie „Wolverine Blues“ von Entombed rührte sie nicht an. Scheint nicht so der musische Typ, unser Hund. Um das zu unterstreichen, zerlegte sie laut und deutlich meinen Kopfhörer in ungefähr 400 Teile und schlief neben diesem Massaker ein. Und ich konnte mich entspannen, Hund ist schließlich auch gechillt.

Kind und Hund – funktioniert das?

Nervosität machte sich erst wieder breit, als klar war: da kommt bald ein Kind ins Haus. Können die sich leiden? Wenn nicht, was dann? Was, wenn der Hund Angst vor Kindern hat? Kommt da Eifersucht auf? Fängt das Kind versehentlich zu Bellen an? Besteht der Hund plötzlich auf Windeln und Pflegeprodukte von Weleda? Kann ich die beiden alleine in einem Zimmer lassen?

Wo derart viele ungeklärte Fragen im Raum stehen, hilft im Regelfall nur eines: knallharte Prokrastination. Erst mal Wein trinken oder Wohnung nass wischen oder die Schallplattensammlung nach den Vornamen der Gitarristen sortieren. Und eben hoffen. Weil hoffen immer besser ist, als gar nicht mehr zu hoffen. It’s a dirty job, but someone’s got to do it.

Es gibt Bienen und es gibt Blumen...

Hab einstweilen versucht, der Hundedame die „Sache“ mit den Babys zu erklären, doch wieder einmal zeigte sie sich wahnsinnig selektiv in ihren Interessen. Ich glaube, sie hat sogar gefurzt, als ich mich gerade mühselig zum „Also, es gibt Bienen und es gibt Blumen ...“-Erklärbär aufgeschwungen hatte.

Stimmungsbarometer im Internet zum Thema „Kind und Hund“: „Auf gar kein Fall“, „Kein Problem“, „Ich würd’s nicht machen“, „Hol dir doch eine Katze“, „Igitt, wie unhygienisch“, „Wir haben unseren Hund lieber weggegeben“ – wie immer, drüben im Bescheidwisser-Internet, ist da für jeden was dabei, außer halt für den, der tatsächlich was wissen will.

Im Zweifel: Experten fragen

Die Hebamme auf der Babystation war hilfreicher. Sie drückte mir den Strampler und allerlei vom Kind benutzte Tücher in die Hand. „Legen Sie das dem Hund zum Beschnüffeln hin“. Und ein Hundeexperte mit Kind empfahl: Hund nicht vernachlässigen und signalisieren, wie weit er gehen darf. Das Kind solle man behutsam an den Hund ranführen. Ab und an mal streicheln lassen. Wird der Hund das Kind gelegentlich anschlecken? Na klar. Na und?

Monate später stehe ich vor einer verschworenen Gang. Angefangen hat der Schlamassel eigentlich schon nach einer Woche. Ich ertappte die Hundedame, mit einer Pfote auf der Schnuffeldecke des schlafenden Kindes. Sie hat auf ihn aufgepasst. Mittlerweile sind Kind und Hund so dicke miteinander, ich befürchte, dass sie sich bald gegen mich solidarisieren und per Gewerkschaft gesetzliche Quatschmachzeiten von mindestens 14 Stunden am Tag durchboxen. Ich würde mich beugen.

Die beste Gang der Stadt

Der Kleine wirft mit Lebensmittel um sich, die Hündin sagt „Danke!“ und isst’s. Sogar die Spielsachen haben sie untereinander aufgeteilt. Abgesehen davon, dass der Kleine sie neulich fast mit einem heruntergeworfenen Becher ausgeknockt hätte – völlige Idylle. Die beiden reden sogar miteinander.

Kind: „Awaahabblablbl“ (Lass mich durch, ey)

Hund: „Wuff“ (Nö)

Kind: „Dawaaahabblada!!!“ (Ich pieks‘ dich gleich in die Seite!)

Hund: “Wuff!” (Mach doch!)

Die Hündin hatte sich im Türrahmen quergelegt und den Ausgang blockiert, damit das Kind nicht in den anderen Raum krabbelt. Herzzerfetzend. Hab’s mir überlegt: Der Hund ist nicht der beste Freund des Menschen. Familienmitglied mit sehr viel Behaarung trifft die Sache eher.

Michael Setzer ist vor Kurzem Vater geworden. Früher haben Eltern ihre Kinder vor Leuten wie ihm gewarnt. Niemand hat ihn vor Kindern gewarnt.

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