Kinderschutz im Dekanat umzusetzen, ist die Aufgabe von Ursula Mühlbauer. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Die Katholische Kirche in Stuttgart gibt sich beim Thema Kinderschutz allergrößte Mühe. Stadtdekan Christian Hermes hat sogar die Vision, dass seine strengen Präventionsmaßnahmen Modellcharakter bekommen.

Stuttgart - Was tun? Wenn diese Frage auftaucht, ist es wahrscheinlich schon zu spät. Denn diese Frage hat in der Katholischen Kirche große Bedeutung: Was ist bei (Verdacht) auf Kindesmisshandlung, sexueller Gewalt oder Vernachlässigung zu tun? Eigens dazu hat die Diözese Rottenburg-Stuttgart eine 23-seitige Handlungsempfehlung herausgegeben. Doch Papier ist geduldig. Die Inhalte mögen noch so wichtig sein, für Stadtdekan Christian Hermes ist es wichtiger, dass der Kinderschutz in seinem Sprengel gelebt wird. Man könnte auch sagen: Hermes nimmt die Sache nicht nur ernst, er macht Ernst. Vor allem bei der Transparenz seiner Bemühungen auf diesem Feld.

Religionspädagogin wacht über Regularien

Zuletzt am Dienstag. Der Stadtdekan versammelte bei einem so genannten Vernetzungstreffen im Stadtdekanat alle Präventionsbeauftragten, um Tacheles zu reden. Offen und im Beisein dieser Zeitung sollte jeder sein Herz ausschütten. Was läuft gut? Was läuft schlecht? Wie gelingt es, eine Kultur der Achtsamkeit zu etablieren? Das Risiko, dass so auch unbequeme Wahrheiten ans Licht der Öffentlichkeit kommen, ging Hermes bewusst ein. „Von jetzt an dürfen wir keine Fehler mehr machen“, schärft Hermes den rund 30 geladenen Mitarbeitern und Pfarrern ein: „Ich will, dass Kinderschutz wie selbstverständlich in den Alltag kommt.“

Die Ermunterung zur Offenheit wirkt. Sie löst die Zungen. Und tatsächlich, obwohl die Stuttgarter Katholiken samt ihrer muttersprachlichen Gemeinden seit Jahren das Kinderschutzkonzept umsetzen, knirscht es hier und da leicht. „Wie sollen wir dieses rigide Konzept unseren Ehrenamtlichen vermitteln?“, fragt einer, „schließlich verursachten die Hauptamtliche überwiegend die Probleme.“ Ein anderer ergänzt: „Ja, es besteht die Gefahr, dass sich mancher Ehrenamtliche in die Schmuddelecke gedrängt fühlt.“ Am Ende stellt sich heraus: Es sind Einzelfälle. Offenbar haben die meisten die Notwendigkeit aller Schutzmaßnahmen zum Kindeswohl erkannt. Sie wissen, was ihnen Christian Hermes immer wieder einbläut: „Wir haben viel Kredit verspielt, den müssen wir uns mühsam wieder zurück erarbeiten.“

Der Wunsch des Monsignores ist es, dass sein Kinderschutzkonzept samt Umsetzung zu einem Modell für alle wird. „Sportverbände betreiben bei weitem nicht den Aufwand wie wir“, sagt er stolz. Aber er weiß auch: Wenn am Ende die engmaschige Prävention in nur einem Fall ein Schlupfloch lässt, war alles umsonst. Auch die Arbeit von Ursula Mühlbauer (55). Die Religionspädagogin wacht über all die Regularien zum Kinderschutz und schult die Ehrenamtlichen. Im Stadtdekanat sieht man sie meist mit einem dicken Ordner unterm Arm. Auf der Vorderseite ihres Kompendiums steht in dicken Lettern: „Prävention, Schutz, Orientierung, Reflexion, Achtsamkeit, Verantwortung.“

Härte und Herzlichkeit

Ursula Mühlbauer, die Kinderschutzbeauftragte, erfüllt ihren Job mit Härte und Herzlichkeit. Ausnahmen duldet sie nicht. Wer im Dekanat mit Kindern arbeiten will, muss die Auflagen des Kinderschutzkonzeptes erfüllen. Das bedeutet: Keiner kommt um eine Schulung herum. Jeder muss die Formen von Kindeswohlgefährdung kennen. Jeder muss wissen, wie sich Kinder in so einem Fall verhalten. Und jeder muss die Wege kennen, wenn es zu einer Grenzverletzung gekommen ist.

So ein Schulungsabend endet in der Regel mit der Unterschrift des Ehrenamtlichen unter ein zweiseitiges Schriftstück. „Damit bestätigt der Mitarbeiter unseren Verhaltenskodex, und er versichert zudem, dass er noch nie im Zusammenhang mit einer sexuellen Straftat verurteilt wurde“, erklärt Mühlbauer, „doch wer beispielsweise mit Jugendlichen in ein Zeltlager geht, muss sogar alle fünf Jahre ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen.“ Viel wichtiger ist für sie jedoch die „Haltung“ aller Mitarbeiter. Da ist sie mit ihrem Stadtdekan auf einer Linie: Es muss eine Kultur der Wachsam- und Achtsamkeit entstehen.

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