Ein Bild aus den 70er-Jahren im Hohenecker Kinderheim St. Josef: Die Gruppenleiterin Schwester Gabriela mit den Heimkindern. Vorne rechts mit Hund im Arm ist Corinna Hofmann, hinten als Zweite von rechts sitzt Caroline Hetzel. Foto: privat

Nach einer Krisensitzung im Kloster Hoheneck soll ein externer Aufklärer die Misshandlungs-Vorwürfe aufklären. Das Münchner IPP-Institut hat bereits den Skandal an der Odenwald-Schule aufgearbeitet.

Ludwigsburg - Es war im August 1977, als Annegret M. (Name geändert) ihr Anerkennungsjahr als Erzieherin im katholischen Kinderheim St. Josef in Hoheneck angetreten hat. Vom ersten Tag an hat ihr der Umgangston dort nicht gefallen. „Wenn die Schwestern wütend wurden, wurde der Tonfall sehr harsch“, erzählt sie.

Etwa im Waschraum, wenn die Kinder laut wurden. Dann hätten die katholischen Ordensschwestern auch häufig mit einem nassen Waschlappen nach ihnen geschlagen. Als Annegret M. dies bei der Oberin monierte, wurde sie abgewimmelt. Nach zwei Monaten kündigte Annegret S. bereits wieder: „Ich habe mir damals gesagt: Gott sei dank bin ich hier wieder weg.“

Die Erzieherin, die noch heute im Kreis Ludwigsburg wohnt, ist die erste ehemalige Mitarbeiterin, die Schilderungen der früheren Heimkinder aus den 50er bis 80er-Jahren bestätigt. Diese berichten von allgegenwärtiger und teils extremer Gewalt, Lieblosigkeit, Sittenstrenge und Demütigungen in dem Kinderheim auf dem Gelände des Karmelitinnen-Klosters, das im Jahr 1992 endgültig geschlossen wurde.

Krisentagung im Kloster Hoheneck

Nach den Veröffentlichungen in dieser Zeitung ist innerhalb der katholischen Kirche und im Schwesternorden der Karmelitinnen, der Träger des Heims war, ein Aufklärungsprozess in Gang gekommen.

Am Freitag gab es eine Klausurtagung im Ludwigsburger Kloster Hoheneck, an der neben dem Dekan Alexander König die Missbrauchs-Beauftragte der Caritas in der Diözese, Gerburg Crone, teilgenommen hat. Am Ende wurde eine Erklärung abgegeben. „Die in den Medien geschilderten Vorwürfe von Schlägen mit dem Kleiderbügel, Prügel, Brüllen mitten in der Nacht und Ohrfeigen sind nicht hinnehmbar“, schreibt die Oberin Edith Riedle, „dem Recht auf eine gewaltfreie Erziehung stimmen wir uneingeschränkt zu.“ Ob es ein institutionelles Versagen des Ordens gegeben habe, könne man nicht einschätzen.

Ein renommiertes, unabhängiges Institut soll aufklären

Die wichtigste Botschaft für die ehemaligen Heimkinder ist, dass ein unabhängiger Gutachter die Vorwürfe systematisch untersuchen soll. Das renommierte Münchner Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) ist damit beauftragt worden. Es hat unter anderem den Missbrauchs-Skandal an der Odenwaldschule aufgeklärt und den Abschlussbericht für die bayerische Anlaufstelle für Heimkinder erstellt. Die Caritas-Aufklärerin Gerburg Crone schildert das Verfahren so: „Wir müssen erst einmal herausfinden, was vorgefallen ist.“ Dazu sollen möglichst viele Zeitzeugen vernommen werden.

Wenn sich dabei herausstellt, dass die Strukturen des Ordens dafür verantwortlich sind, ist für Oberin Edith Riedle sogar „zwingend“ eine Dokumentation der Heimgeschichte und des Verhaltens einzelner Schwestern notwendig.

Dazu hoffen die Ordensträger allerdings auf die Kooperation ihrer ehemaligen Schützlinge. „So lange es keine detaillierten Schilderungen durch die Heimkinder gibt, wird die Aufarbeitung möglicherweise nicht gelingen können“, sagt Schwester Edith Riedle. Bislang haben sich sechs ehemalige Bewohner an den Orden gewandt und drei an die Anlaufstelle der Caritas.

Heimkinder können sich Zusammenarbeit vorstellen

Nach Angaben der Karmelitinnen sollen sie von Leid und Unrecht, aber auch von positiven Erlebnissen berichtet haben. Andere Ex-Heimkinder wie Corinna Hofmann oder Caroline Hetzel, die von schweren Misshandlungen und einem System der Unterdrückung sprechen, lehnen es ab, mit kirchlichen Stellen zusammenzuarbeiten. Bei einem unabhängigen Experten hingegen können sie sich das vorstellen. „Ich würde meine Geschichte erzählen“, sagt etwa Corinna Hofmann. Ähnlich äußern sich auch andere.

Ob es ein Treffen von Schwestern und ehemaligen Heimkindern gibt, wie es der Dekan Alexander König angeregt hat, ist derzeit noch offen. „Wir müssen prüfen, ob es einen Wunsch dazu gibt“, sagt Gerburg Crone von der Caritas-Aufklärungsstelle. Zunächst soll die Arbeit des unabhängigen Gutachters abgewartet werden.

Unterschiedliche Versionen der Wahrheit

Auch gibt es sehr unterschiedliche Erzählungen bei den Heimkindern. Zwei ehemalige Bewohner haben sich ausdrücklich an diese Zeitung gewandt, um von positiven Erinnerungen zu erzählen. „Ich war sprachlos, als ich das gelesen habe“, sagt Felix S., „es gab ganz normale Regeln, wie es damals üblich war.“ Geschlagen worden sei er nie, vielmehr habe er in dem Heim eine Struktur und viel Förderung erhalten. Eine Frau, die von 1984 bis 1991 im Heim war, lobt explizit die inzwischen verstorbene Schwester Gabriela, die von anderen Heimkindern für Misshandlungen verantwortlich gemacht wird.

Allerdings berichten auch diese früheren Hoheneck-Kinder von Überforderung und zu großen Gruppen. „Ich stelle auch die Frage nach der Verantwortung des Jugendamtes“, sagt Felix S., „dafür waren die Schwestern nicht verantwortlich.“

Die Erzieherin Annegret M., die 1977 für kurze Zeit im Heim war, hält die Schilderungen über Missstände im Heim für glaubhaft: „Man sollte den ehemaligen Heimkindern Glauben schenken.“ Eine Szene vom Morgengebet bleibt ihr in Erinnerung: „Wer nicht richtig mitgebetet hat, bekam Schläge auf den Hinterkopf.“

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