Viele Sozialpädagogen forderten beim Kongress auch muttersprachliche Mentoren, die Migrantenkindern erklären, wie man die Bibliothek nutzt. Foto: Stadt, Lg/Verena Ecker

Die Kinderbeauftragte Maria Haller-Kindler will die Ursachen der Kinderarmut bekämpfen: Durch den Erfahrungsaustausch mit Sozialpädagoginnen ensteht eine lange Wunschliste mit Verbesserungsvorschlägen.

Stuttgart - Auch in der reichen Landeshauptstadt gibt es 11 000 arme Kinder. Statistisch betrachtet sind das 14 Prozent der Null- bis 15-Jährigen, die in Familien aufwachsen, die vom Arbeitslosengeld II leben. Der größten Gefahr sind Kinder von Alleinerziehenden ausgesetzt. Das sind fast ausschließlich Mütter und sie verdienen wenig, haben schlechtere Aufstiegschancen und finanzielle Rücklagen sind kaum vorhanden. Die Leiterin des Jugendamtes, Susanne Heynen, präsentierte bei einem Kongress zum Thema Kinderarmut diese Zahlen aus dem Jahr 2015. Die Kinderbeauftragte der Stadt, Maria Haller-Kindler, hatte Vertreterinnen aus den Beratungsstellen und Einrichtungen in Stuttgart eingeladen sowie Vertreter des zivilgesellschaftlichen Engagements, darunter auch „Hilfe für den Nachbarn“, die Spendenaktion der Stuttgarter Zeitung.

Ziel war es, von den fast ausschließlich weiblichen Mitarbeitern Informationen aus ihrem Berufsalltag zu erhalten. „Wir wollen die vorhandenen Angebote benennten und die Lücken aufdecken“, beschrieb Haller-Kindler das Ziel der Veranstaltung mit dem Motto „Und das nicht nur zur Weihnachtszeit.“ Der Titel nimmt Bezug auf die erfolgreiche städtische Aktion Weihnachtsbaum, die nach der Strategiekonferenz Kinderarmut 2008 entstanden ist.

Informationen über Angebote fehlen

Seither werden über sie jährlich 1500 Kinder beschenkt. „Dies ist aber nicht nachhaltig und so werden die Ursachen der Armut nicht bekämpft“, merkte Haller-Kindler an. Genau darum sollte es bei der Veranstaltung gehen. Die Sozialpädagoginnen berichteten in sechs Gesprächsrunden zu den Themen Bildung, Freizeit, Kultur, Teilhabe, Gesundheit und Wohnen von ihren Erfahrungen, von Problemen bei der Vermittlung von Angeboten. Und sie präsentierten Vorschläge wie jene den Eltern schmackhaft gemacht werden könnten. Auch die Mitarbeiterinnen in den Einrichtungen selbst wünschen sich mehr Informationen über die vorhandenen Programme für Familien mit geringem Einkommen. Neben der Bonus- und der Familiencard stehen 28 Patenprogramme für Bildung und Zukunft zur Verfügung, um mehr Chancengleichheit herzustellen.

Tatsächlich aber bestehe ein erheblicher Übersetzungsbedarf – und dieser nicht nur in sprachlicher Hinsicht, klagten die Beraterinnen. Aus Scham ließen Eltern ihre Kinder nicht an Sportveranstaltungen teilnehmen, berichtete eine Teilnehmerin. Zwar gibt es die Möglichkeit, die Ausrüstung und die Mitgliedschaft gratis zu bekommen. Eltern aber wollten nicht, dass ihre Kinder im Verein als arm identifiziert werden. Vielfach wurde der Wunsch nach dem Einsatz von Lotsen und geschulten, muttersprachlichen Mentoren geäußert. Diese könnten zum Beispiel die Funktionsweise der Stadtbibliothek erklären und die geltenden Regeln für das jeweilige Angebot vermitteln. Damit Mütter überhaupt an kulturellen Veranstaltungen teilnehmen, müsste die Kinderbetreuung organisiert werden. Und damit sie ihre Sprösslinge an Ausflügen in die Natur mitkommen lassen, sollten sie selbst daran teilnehmen, um so deren Attraktivität kennenzulernen.

Arme Kinder leiden oft unter Bewegungsmangel

Gerade Kinder aus armen Familien leiden oft unter Bewegungsmangel und sind zu dick. Eine Beratung zum Thema gesund kochen für wenig Geld wäre erwünscht. Ebenso wie die Betreuung von Schwangeren durch Hebammen.

Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) war gegen Ende der Veranstaltung dazu gestoßen und erteilte der Verwaltung den Auftrag, zu prüfen, ob und wie die Vorschläge umgesetzt werden können. Und Susanne Heynen betonte, dass der frühzeitige Kontakt zu den Kindern aus armen Familien enorm wichtig sei: „Die Kinder müssen der Motor für die Veränderung sein.“

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