In vielen Familien muss genau gerechnet werden. Foto: dpa

13 Prozent der Minderjährigen in Stuttgart gelten offiziell als arm. Hilfsvereine gehen aber von einer viel höheren Zahl aus – und fordern weitere Maßnahmen.

Stuttgart - Marvin (Name geändert) erinnert sich noch gut an seinen ersten Schultag. Das wäre eigentlich ein schöner Tag gewesen, auf den er sich gefreut hatte. Doch dann ging zu Hause der alte Kühlschrank kaputt. Seine alleinerziehende Mutter, die sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt, musste das letzte Geld in die Reparatur stecken. Für den schönen Schulranzen, den sich der heute Neunjährige gewünscht hatte, blieb nichts übrig. Seine Sachen nahm er in einem Plastikbeutel mit zur Schule.

Es sind diese kleinen Dinge, die oftmals den Unterschied machen. Zwischen Reich und Arm. Zwischen Normal und Irgendwie-anders. Kinderarmut nennt die Gesellschaft das Phänomen, dass auch im wohlhabenden Deutschland eine große Zahl Minderjähriger schlechtere Startbedingungen hat als andere. Im vergangenen Jahr hat der Kinderschutzbund Zahlen veröffentlicht. Sie sind erschreckend. Bundesweit leben gut zwei Millionen Kinder und Jugendliche in Familien, die Leistungen nach dem zweiten Buch Sozialgesetzbuch (SGB II) beziehen. Sie gelten offiziell als arm. Zählt man weitere Leistungsarten hinzu, kommt man auf etwa drei Millionen. Der Kinderschutzbund schätzt die Zahl aber auf 4,4 Millionen. Weil Eltern aus Scham keine Leistungen beziehen. Oder von staatlichen Hilfen gar nichts wissen. Stimmt diese Zahl, wäre fast jeder dritte Minderjährige betroffen.

„Wir sprechen generell von Kindern, die wenig Chancen auf Teilhabe oder Bildung haben“, sagt Roman Jung. Er hat vor zwei Jahren den Verein Children First gegründet, der sich um benachteiligte Kinder in Stuttgart und der Region kümmern will. Derzeit arbeitet er an einer Internetplattform, die Bedürftige, Einrichtungen, Veranstalter und Unterstützer zusammenbringen soll. „Wir reden viel über Kinderarmut, aber das ist für viele nicht greifbar. Da ist auch bei der Politik zu wenig Druck dahinter.“

Leben an der Kante

Auch wenn die Hilfen in der Landeshauptstadt gut sind, sieht der 34-Jährige, dass es schnell gehen kann mit den Problemen. „Viele betroffene Familien kommen mit dem Geld gerade so hin. Aber es gibt keine Rücklagen für die Kinder. Dann muss zum Beispiel die neue Winterjacke für 30 Euro auf den nächsten Monat verschoben werden“, berichtet er. Und dass die Stadt zum Beispiel Nachhilfe erst bezahlt, wenn Kinder versetzungsgefährdet sind, ärgert ihn: „Man müsste viel früher eingreifen.“

Jung macht eine Rechnung auf, denn er glaubt, dass auch im reichen Stuttgart viel mehr Minderjährige betroffen sind, als in der offiziellen Statistik auftauchen. Die hat Ende vergangenen Jahres 13 384 Kinder und Jugendliche in SGB-II-Familien verzeichnet. Das sind 13,4 Prozent aller Minderjährigen. Die Zahl ist in den vergangenen Jahren wegen der hohen Flüchtlingszugänge gewachsen. Fast die Hälfte der Betroffenen lebt laut Sozialamt in Familien Alleinerziehender. Jung nimmt diese Zahlen und die bundesweiten Berechnungen des Kinderschutzbundes als Grundlage – und kommt damit auf eine Größenordnung von rund 30 000 Betroffenen. Das wäre auch in Stuttgart fast ein Drittel. „Man muss Wege finden, sie alle zu erreichen“, sagt der Vereinsgründer.

Aussagekräftig ist auch eine sehr spezielle Statistik. Denn im reichen Stuttgart schaffen es immer mehr Leute nicht mehr, die hohen Wohnkosten zu stemmen. Sie verlieren ihre vier Wände. Allein zwischen 2013 und 2016 hat sich die Zahl der Menschen, die die Stadt in Sozialunterkünften unterbringen muss, mehr als verdoppelt – darunter viele Kinder. Und der Trend setzt sich fort. Jedes Jahr sind es Hunderte. Aktuell sind die Unterkünfte oft ausgelastet.

Wohnungspreise als regionaler Knackpunkt

„Wir gehen davon aus, dass auch in Stuttgart die Zahl der bedürftigen Kinder deutlich höher ist als die offizielle Zahl“, bestätigt Annika Matthias. Die Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes sieht das zentrale Problem im Thema Wohnen. „Es wird in der Stadt viel getan. Aber das größte Hemmnis ist das Wohnen. Familien brauchen Platz. Oft müssen sie weit über die Hälfte ihres Einkommens dafür ausgeben.“ Der Verein fordert bundesweit die Einführung einer Kindergrundsicherung und eine Vereinfachung der Antragstellung für Leistungen. „Auch ein für Kinder kostenloser öffentlicher Nahverkehr in Stuttgart wäre ein Ansatz“, sagt Matthias. „Es ist traurig, dass in einer reichen Stadt nicht noch mehr getan wird.“

Die Berechnungen will man beim Jugendamt nicht kommentieren. „Es ist aber klar, dass viele Minderjährige belastet sind, gerade aus Familien mit Alleinerziehenden“, sagt die Amtsleiterin Susanne Heynen. Infrastruktur und Netz für Bedürftige seien in Stuttgart auch im bundesweiten Vergleich gut. Doch wenn sich Betroffene aus Scham oder anderen Gründen nicht zu erkennen gäben, werde es schwierig. Und Knackpunkt bleibe schlicht der teure Wohnungsmarkt.

17 000 Minderjährige unterstützt

Immerhin: Über das sogenannte Bildungs- und Teilhabepaket werden in Stuttgart mittlerweile rund 17 000 Kinder und Jugendliche gefördert. Die Zahl steigt stetig. Dazu gehören Unterstützung bei Schulessen, Klassenfahrten oder Sportangeboten. 9,4 Millionen Euro hat die Stadt sich das im vergangenen Jahr kosten lassen.

„Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander“, klagt Roman Jung. Marvin zumindest hat inzwischen einen Schulranzen. Der Plastikbeutel ist Geschichte. Doch das Leben bleibt schwierig.

Informationen über Beratungszentren, Bonus- oder Familiencard und andere Hilfen finden sich unter www.stuttgart.de.
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