Nach der knapp drei Millionen Euro teuren Renovierung jetzt ein Schmuckstück: Die Stettener Glockenkelter als neues Veranstaltungszentrum der Remstalgemeinde Kernen. Klicken Sie sich durch die Bilder. Foto: Max Kovalenko

Kernener wollen Nutzung der Glockenkelter einschränken – Verhandlung vor Verwaltungsgericht.

Kernen - Etliche Gemeinden in der Region Stuttgart haben in den vergangenen Jahren historische Gebäude, insbesondere Weinkeltern, zu schmucken Veranstaltungsorten ausgebaut. Doch oft befürchten Nachbarn Remmidemmi im Dorf und setzen sich juristisch zur Wehr– wie derzeit im Remstal.

Verwaltungsrichter Wolfgang Sachsenmaier hatte ein nicht gerade alltägliches Ziel. Unterhalb der vom Weingut Herzog von Württemberg genutzten Rebflächen inspizierte er in der Hindenburgstraße die frisch sanierte Stettener Glockenkelter. Mit dabei: Kernens Bürgermeister Stefan Altenberger sowie Nachbarn aus dem dortigen Wohngebiet. Weil das Treffen nicht öffentlich war, gab es anschließend weder vom Richter noch vom Schultes nähere Auskünfte.

Der Hintergrund der Stippvisite aus Stuttgart ist jedoch klar: Es geht um die für knapp drei Millionen Euro sanierte Kelter – und um jenen Lärm, den die Nachbarn durch die Besucher der neuen Veranstaltungsräumlichkeiten erwarten. Zwar hat die Gemeinde in einer vorläufigen Benutzungsordnung diverse Einschränkungen festgelegt. Doch das geht der eigens gegründeten Interessengemeinschaft Lärmfreie Glockenkelter nicht weit genug. Sie will, dass Veranstaltungen grundsätzlich bis spätestens 22 Uhr beendet sind – während die Gemeinde für 23 Uhr und am Wochenende gar für 24 Uhr plädiert. Umstritten ist auch, dass entsprechend der Gesetzeslage zehn besondere Ereignisse im Außenbereich erlaubt sein sollen, die bis 6 Uhr dauern können.

„Von Anfang an wurde unser berechtigtes Anliegen seitens der Gemeinde bagatellisiert“

„Wir werden hier vor allem im Sommer einen Tumult bis in die frühen Morgenstunden bekommen“, orakelt Anwohner Hans-Peter Winkelhock bereits seit Monaten. „Von Anfang an wurde unser berechtigtes Anliegen seitens der Gemeinde bagatellisiert“, sagt Jörg Reiser aus der Hindenburgstraße. Die Nachbarn fürchten, dass „am ruhigsten Eck von Stetten“ dauerhaft eine „Lärm-Lawine“ hochschwappt. Reiser besteht darauf: Die Zahl der Veranstaltungen muss begrenzt werden, die zehn seltenen Ereignisse kommen nicht infrage, um 22 Uhr muss Schluss sein. Die bisherigen 22 Veranstaltungen seien nur zum Teil ruhig gewesen. Mal habe es Krach gegeben, als bei einem Geburtstag um 23 Uhr noch Fußball gespielt wurde oder als bei einem Feuerwehrfest noch um 4 Uhr Betrieb herrschte.

Bürgermeister Stefan Altenberger hält die Befürchtungen der Nachbarschaft für unbegründet. Er verweist auf die 80 Zentimeter dicken Mauern, die Doppelfenster, den Windfang und das hochgedämmte Dach – deshalb sei alles, was drinnen geschieht, draußen nicht zu hören. „Wir hatten bisher keinerlei Beschwerden über mögliche Schallemissionen.“

Das bekomme er zudem hautnah selber mit, weil er nur wenige Hundert Meter von der Glockenkelter entfernt wohne. Allenfalls noch Verbesserungen werde es beim Parkkonzept geben – die Besucher sollen am Stettener Friedhof ihr Auto abstellen und dann einige Hundert Meter zur Kelter laufen. „Doch bei etwa 150 Besuchern sind das 40 bis 50 Autos – so etwas wird man sicher in den Griff kriegen.“

Exakt 2,94 Millionen Euro hatte der Umbau der Glockenkelter gekostet

In den beiden Ortsteilen Rommelshausen und Stetten zumindest ist das Interesse an dem wiederbelebten Kleinod groß. Zum Tag der offenen Tür im April strömten 2000 Besucher in die Glockenkelter. Exakt 2,94 Millionen Euro hatte der Umbau gekostet, wobei die Gemeinde (15 300 Einwohner) abzüglich der Fördergelder mit 1,8 Millionen Euro dabei ist. Der Umbau war nicht einfach: So musste etwa, weil es Probleme mit der Statik gab, das Dachtragwerk mit 2,4 Tonnen Stahl verstärkt werden.

Schon vor der Eröffnung hatte Altenberger die Nachricht erhalten, dass die Denkmalstiftung Baden-Württemberg das sanierte Vorzeigebauwerk zum Denkmal des Monats Februar auserkoren hatte. „Das alte Gebäude erstrahlt nun wieder in sichtbarem Glanz“, so die Jury. „Die Lage der Glockenkelter unmittelbar am Fuße der Y-Burg direkt an den besten Weinlagen drängt eine maßvolle Nutzung geradezu auf.“

Der Hinweis auf die maßvolle Nutzung ist für viele der etwa 120 Anwohner entscheidend. Sie halten diese für nicht gegeben. Reiser setzt auf eine Regelung, wie sie im benachbarten Fellbach mit der Alten Kelter gilt. Dort gebe es zwar öfter als in Stetten Veranstaltungen. „Aber es ist stets um 21.45 Uhr Schluss“, sagt Reiser. Den Vergleich mit Fellbach hält wiederum der Bürgermeister für Unsinn. „Da passen 2000 Besucher rein, bei uns maximal 180 Leute, man sollte doch die Kirche im Dorf lassen“ – in jenem Dorf, das Stetten heißt und in dem etliche Bürger auf einen salomonischen Richterspruch hoffen. Altenberger und seine Kontrahenten treffen sich jedenfalls am Freitag dieser Woche erneut – diesmal direkt im Verwaltungsgericht. Die Sitzung im Gebäude in der Augustenstraße 5 beginnt um 11 Uhr und ist nach Angaben der Gerichtssprecherin öffentlich.

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