Nicht aus Stein, sondern aus Schokolade: Der Rolling Stone Keith Richards, wie ihn der österreichische Konditor Alex Neumayer sieht. Foto: APF

Damit hätte wohl niemand mehr gerechnet: 23 Jahre nach seinem letzten Alleingang „Main Offender“ legt der Stones-Gitarrist tatsächlich noch ein drittes Solo-Album vor. Wie es klingt? Exakt so, wie man es von ihm erwartet!

Das stimmungsvolle Schwarz-Weiß-Foto, welches das Artwork von „Crosseyed Heart“ (Virgin) ziert, spricht Bände. Es zeigt den 71-Jährigen so, wie er ist: Ein Rock’n’Roll-Zombie mit tiefen Gesichtsfurchen, die von wüsten Exzessen und geballter Lebenserfahrung zeugen. Aber auch mit einem echten, einem herzlichen Lachen. Nichts ­Gestelltes, nichts Falsches, sondern „the real thing“. Das gilt im selben Maße für die ­Musik, die erneut mit den X-Pensive Winos, einer Band um Koryphäen wie Steve Jordan, Ian Neville sowie Waddy Wachtel, entstanden ist: Da zieht Richards das komplette ­Register, bietet Akustik-Blues, dreckigen Garagen-Rock, herzerweichende Balladen, einen Hauch von Reggae und Jazz bis hin zum urtypischen Stones-Rock. Alles schön dreckig, ruppig und rau gehalten, mit kratzigem Reibeisengesang, souligen Backingvocals und sogar einem richtigen Chor.

Wobei der gebürtige Brite, der mittlerweile in Weston, US-Bundesstaat Connecticut, residiert, immer dann am stärksten ist, wenn er ganz simplen, traditionellen Blues ­anstimmt. Sei es im Titelstück, zugleich der Opener, oder im Leadbelly-Cover „Goodnight Irene“. Da lebt er seine Begeisterung für die Urform der afroamerikanischen Musik aus: „Sie hat eine unglaubliche Kraft“, sagte Richards unlängst dem Magazin „Mojo“, „und sie hat alle ­modernen Genre beeinflusst – also selbst Sachen wie Rap. Deshalb ist sie die Basis für alles.“ Die aber nur wenige derart verinnerlicht haben wie „der beste schlechteste Gitarrist der Welt“, wie ihn sein Freund und Mentor Alexis Korner einst nannte.

Die Stones planen auch ein neues Album

Und selbst wenn Richards mit den Jahren deutlich ­zurückhaltender geworden ist, was den Konsum von harten Drinks und noch härteren Drogen betrifft: Ohne Zigaretten, ohne Orangensaft mit einem kräftigen Schuss Wodka und ohne morgendlichen Joint geht es bei dem vierfachen Vater und fünffachen Großvater dann doch nicht. „Es gibt einfach nichts Besseres als eine gute ­kalifornische Mischung zum ersten Kaffee“, lacht er. „Man liegt im Bett, genießt das Gras und beginnt den Tag ganz ruhig und entspannt. Ich liebe das.“

Eine Routine, die er nicht aufzugeben ­gedenkt. Genauso wenig wie die dienstälteste Rockband der Welt, die unverwüstlichen Rolling Stones, die inzwischen im 53. Dienstjahr sind und längst nicht ans Aufhören denken. Im Gegenteil: Nach der aktuellen US-Tournee wollen die Steine wieder ins Studio ­gehen, um den Nachfolger von „A Bigger Bang“ anzugehen, der immerhin von 2005 ­datiert. „Mick hat lange offengelassen, ob er überhaupt noch einmal ein Album ­machen will. Aber jetzt hat er wieder richtig Lust ­darauf. Was ein gutes Zeichen ist. Ich meine, ich für meinen Teil könnte schon morgen loslegen – wenn man mich nur ließe.“

Ob er indessen auch ein paar Solo-Shows für „Crosseyed Heart“ spielt, lässt er offen: „Wenn es mein Terminplan zulässt, dann gerne. Ansonsten bringe ich halt ein paar Songs während der Stones-Shows.“

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