“Die Katalanen sind ein Volk“, sagt Puigdemont in Sindelfingen. Foto:  

Der katalanische Ex-Präsident fordert in Maichingen ein souveränes Katalonien. Es hapert zwar an der Übersetzung, die Besucher feiern ihn trotzdem.

Sindelfingen - Kurz vor 11 Uhr in der Nacht steht Carles Puigdemont im Bürgerhaus in Maichingen, einem Vorort von Sindelfingen, und macht die letzten Selfies mit Besuchern. Er sieht müde aus, lächelt trotzdem unbeirrt in die Kameras, hört zu, was die Leute zu sagen haben. Als „Stargast“, wie er angekündigt worden war, ist der ehemalige Präsident von Katalonien zu einer Diskussion der Jugendorganisation „Junge Europäer“ (Jef) angereist. Von Anfang an gleicht die Veranstaltung einem Fanclub-Treffen.

Drei Stunden vorher drängen sich in Maichingen die Besucher vor der Eingangstür. Viele sprechen Katalanisch und haben eine gelbe Schleife an ihren Kragen geheftet als Unterstützung für die katalanischen Minister, die im Madrider Gefängnis sitzen. „Ich will sehen, wie Senyor Puigdemont auf die Menschen wirkt“, sagt Angels. Ihren vollen Namen will die 60-Jährige Katalanin nicht in der Zeitung lesen aus Angst vor Repressionen. Als Mitglied im katalanischen Verein in Stuttgart steht sie an Infoständen in Fußgängerzonen. Nicht selten werde sie von Spaniern auf der Straße beleidigt und bedroht, erzählt sie. Als sie vor 30 Jahren nach Deutschland ging, sagte ihre Mutter zu ihr: „Die Demokratie beginnt hinter den Pyrenäen.“ Seither wohnt sie in Tübingen und hofft, dass Katalonien sich eines Tages von der „spanischen Diktatur“ befreit.

Die Stimmung ist gedrückt

Es ist ruhig geworden in Deutschland um Carles Puigdemont. Vor zwei Jahren ließ er das katalanische Parlament die Unabhängigkeit ausrufen. Es folgte die größte Krise der spanischen Demokratie. Die Regierung in Madrid ließ das Regionalparlament auflösen. Puigdemont floh vor der Justiz nach Belgien, er tourt seither als Exilant und Katalonien-Botschafter durch Europa. Wenn in wenigen Wochen die spanischen Gerichte über die damaligen Unabhängigkeitsbestrebungen urteilen und manche Separatisten für bis zu 30 Jahre ins Gefängnis sperren, könnte der Konflikt wieder gehörig aufflammen.

Im Saal hängen europäische und katalanische Fahnen, auf der Leinwand wird ein Gespräch mit dem „Präsidenten“ angekündigt, obwohl Puigdemont seit zwei Jahren Barcelona nicht betreten hat. Jeder Platz ist besetzt. Vor dem Beginn spielen Musiker traurige Gitarrenklänge. Die Stimmung wirkt so, als sei einem Bekannten etwas Schreckliches zugestoßen.

„Pre-si-dent“

Dann betritt Puigdemont die Bühne. Die Zuschauer klatschen frenetisch Beifall, rund die Hälfte der Leute erheben sich und skandieren „Pre-si-dent“. Dieser hebt höflich die Hand und setzt sich.

„Mit Besorgnis nehmen wir stärker werdende nationalistische Tendenzen innerhalb Europas wahr“, schrieben die Organisatoren im Vorfeld der Veranstaltung. Mit Blick auf Katalonien sei es keine Lösung, dass sich einzelne Regionen Europas von ihren Nationalstaaten lösten. Davon ist in der Diskussion wenig zu hören.

Puigdemont spricht von „Global Spain“, von einem „spanischen Propaganda-Apparat“, der überall Fakenews verbreite und Unwahrheiten streue. Er spricht von einer demokratischen Bewegung in Katalonien, die über ihre eigene Zukunft entscheiden wolle. Von einer „klaren Mehrheit“ der Katalanen, die die Sezession fordere. Er spricht auch über die spanische Verfassung, die eine solche Abstimmung verbietet. „Laut dem UN-Zivilpakt hat jedes Volk eine Selbstbestimmung“, sagt er. Ein solches sei natürlich auch Katalonien mit seiner eigenen Sprache, Geschichte und einem Territorium.

Man spricht vom netten Senyor Puigdemont

Es sind keine neuen Sätze, die Puigdemont den Zuschauern auf Katalanisch anbietet, er hat die komplizierten historischen und juristischen Details wohl schon Hunderte Male wiederholt und rattert sie wie ein Funkschreiber herunter. Sie sind selbst für die Übersetzerin zu schwierig. Minütlich ringt sie um Worte. „Versuchen Sie, prägnanter zu sprechen, Herr Puigdemont“, sagt die Jef-Moderatorin Irene Schuster. Auch das misslingt. Ein Zuschauer setzt sich schließlich aufs Podium und übersetzt. Bis auf die bekannten Schlagworte bleiben Puigdemonts Sätze aber unverständlich.

„Am Ende scheitert vieles an der Sprache“, sagt nach dem Schlussapplaus ein junger Zuschauer. Da steht Puigdemont für Selfies bereits parat. „Wir wussten ja schon, was er sagen will“, sagt die Katalanin Angels. Auf sie wirke Puigdemont sehr sympathisch. Auch andere sprechen vom netten Senyor Puigdemont.

* Korrektur: In einer vorherigen Version stand, dass die Anreisekosten für die Übersetzerin vom Büro von Puigdemont getragen wurden. Das war falsch. Die Kosten trug die Übersetzerin selbst.

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