Die kanadische Fahne weht über dem Informationszentrum von Cheticamp, Provinz Neu-Schottland, auf der Insel Cape Breton Foto: Zentralbild

Kanada ist ein traditionelles Einwanderungsland. Der Staat wirbt gezielt um Zuwanderer.

Calgary - Kanada ist ein traditionelles Einwanderungsland. Der Staat wirbt gezielt um Zuwanderer - und kennt keine Integrationsprobleme. Eine Punktesystem hilft bei der Auswahl benötigter Fachkräfte, die man nicht als Gefahr oder als Bittsteller sieht, sondern als eine Bereicherung.

Shoaib Khan hat lange auf diesen Tag gewartet. Er hat sich seinen feinen Anzug angezogen, in der Hand hält er eine rote-weiße Flagge mit einem Ahornblatt darauf. Khan steht auf einem Picknickplatz, hinter ihm leuchten ein tiefblauer See und die schneebedeckten Gipfel der Rocky Mountains hell in der Sonne. Khan erhält an diesem Tag mit 51 anderen Männern und Frauen seine Einbürgerungsurkunde. Die prächtige Kulisse ist kein Zufall: Kanada will sich von seiner besten Seite zeigen, wenn es seine Neubürger begrüßt. Schließlich tritt eine Richterin in einer schwarzen Robe vor Khan. Sie sagt: "Es gehört viel Mut dazu, sein Heimatland zu verlassen. Wir freuen uns, dass Sie sich für Kanada entschieden haben." Die Richterin gratuliert und Khan bekommt den neuen Pass und ein Ticket für eine Bootsfahrt im Banff Nationalpark ausgehändigt. Ab jetzt ist er ein echter Kanadier.

Vor neun Jahren ist der gebürtige Pakistani nach Kanada gekommen. Er hat Geologie und Maschinenbau studiert. Seine Fähigkeiten sind auf den Ölfeldern im Westen Kanadas sehr gefragt. "Ich wollte einen guten Job und ein gutes Leben für mich und meine Töchter", sagt er. "Hier in Kanada habe ich beides gefunden." Khan ist einer von etwa 250.000 Zuwanderern, die Kanada jedes willkommen heißt. Als traditionelles Einwandererland wirbt das Land gezielt um Immigranten mit guter Ausbildung und gutem Beruf. Die Kanadier sehen die Neubürger nicht als Gefahr oder Bedrohung. Sondern als eine Bereicherung und als eine Chance auf mehr Wohlstand für das Land. Die Hälfte der Kanadier glaubt sogar, man lasse zu wenige Immigranten ins Land. Dabei hat Kanada schon heute eine der höchsten Zuwandererquoten weltweit. Etwa jeder fünfte Bürger ist außerhalb des Landes geboren. In Vielvölkermetropolen wie Toronto ist es sogar jeder zweite. Der Telefon-Notruf dort bietet seine Dienste in 150 Sprachen an. Ein Viertel der Kanadier hat eine andere Muttersprache als die beiden offiziellen Landessprachen Englisch und Französisch.

Ein Polizist aus Deutschland

Zu ihnen gehört auch Eric Urban. Der 34-Jährige kommt aus einem kleinen Dorf bei Baden-Baden. Er ist der erste deutsche Polizist, der in Calgary Streife fährt. Urban ist vor drei Jahren ausgewandert, er hatte zuvor lange bei der Bundespolizei gearbeitet. Die Kanadier hatten gezielt im Ausland nach Nachwuchs gesucht. Urban bewarb sich. Seine Arbeitserlaubnis bekam er innerhalb von fünf Tagen mit der Post. Die Behörde hat ihm alle nötigen Fortbildungen bezahlt. "Man war sehr zuvorkommend und hilfsbereit", berichtet er. Heute verdient Urban doppelt so viel wie in Deutschland und hat sich gerade mit seiner Frau in einem Vorort von Calgary ein Haus gekauft. "Wir hatten nie das Gefühl, Ausländer zu sein und wurden auch nie als solche behandelt", sagt Eric. Unlängst haben die beiden die kanadische Staatsbürgerschaft beantragt. Sie finden, das gehört dazu, wenn man sich in seiner neuen Heimat voll integrieren will.

Kanada sucht gezielt nach Menschen wie Eric Urban. Jedes Jahr vergibt Kanada mehr als 50.000 Visa für Fachkräfte, dazu kommen Visa für Familienangehörige und Investoren. Denn demografisch steht das Land vor ähnlichen Herausforderungen wie Deutschland: Die Geburtenzahlen sind niedrig und die Bevölkerung wird immer älter. Dank seiner Neubürger hat Kanada mit etwa fünf Prozent im Jahr die höchste Bevölkerungszunahme aller G-8-Industriestaaten. Das Land wählt seine Zuwanderer anhand eines Punktesystems aus. Dabei spielen Bildung, Alter, Sprachkenntnisse, Berufserfahrung, Job und Integrationsfähigkeit eine Rolle. Einen Bonus bekommen diejenigen, die bereits einen Arbeitsvertrag oder eine Jobzusage haben. Wer die nötige Punktzahl erreicht muss einen von etwa 30 Berufen erlernt haben, die auf einer Bedarfsliste geführt werden. Zum Beispiel Koch oder Zahnarzt. Oder er muss 800.000 Dollar mitbringen, die in die Wirtschaft investiert werden.

Das System ist flexibel. Je nach wirtschaftlicher Lage werden die Anforderungen verändert. Ein Teil der Bewerber wird von den Provinzen ausgewählt, die etwa den deutschen Bundesländern entsprechen. Damit will man sicher stellen, dass auch regionale Besonderheiten zum Tragen kommen und die Neubürger in jene Regionen ziehen, wo es einen Bedarf gibt. Seit etwa dreißig Jahren kommen die meisten Zuwanderer nicht mehr aus Europa sondern aus Asien und Afrika. Multikulturalismus ist kein Schimpfwort. Im Gegenteil. Er ist er in Kanada offizielle Politik, seit 1985 hat er sogar Verfassungsrang. Die kanadischen Gesetze bejahen ethnische Vielfalt, betonen Chancengleichheit und lassen Raum für Unterschiedlichkeit. Im zweitgrößten Land der Erde leben 200 Volksgruppen, etwa jeder fünfte Kanadier ist nicht weißer Hautfarbe. Der Staat ist verpflichtet, Jobs für Minderheiten zu schaffen.

Keine Diskriminierung erlebt

Sherman Kong und Sophia Hassen sind ein Musterbeispiel für gelungene Integration. Er kam vor neun Jahren mit seinen Eltern aus Hongkong, sie floh vor fünf Jahren aus Äthiopien nach Kanada. Beide haben es in ihrer neuen Heimat zu etwas gebracht: Er ist 25 Jahre alt und arbeitet in der Computerbranche, sie ist 24 und Dozentin an der Uni. "Ich habe mich in Kanada schnell zu Hause gefühlt", sagt Hassen. "Hier findet jeder seinen Platz." Beide sagen, dass sie in all den Jahren keine offene Diskriminierung erlebt haben. Das ist nicht selbstverständlich. Denn Kong und Hassen waren Flüchtlinge, als sie in Kanada ankamen. Zwei von rund 25.000 Asylanten, die Kanada jedes Jahr ins Land lässt. 

Nicht alle Flüchtlinge sind so erfolgreich wie Kong und Hassen. Auch in Kanada gibt es Ressentiments und Ablehnung. Während der Wirtschaftskrise etwa wurden die Neuankömmlinge oft als erste entlassen. Farbige Minoritäten haben es schwerer als Weiße, einen guten Job zu finden. Die Arbeitslosenquote bei Migranten liegt etwa doppelt so hoch wie im Landesdurchschnitt. Doch es gibt in Kanada einen Grundkonsens pro Zuwanderung. Und das trotz einer Arbeitslosenquote von derzeit acht Prozent. Nur etwa ein Viertel der Kanadier glaubt, dass das Land zu viele Immigranten aufnimmt. Das hat auch damit zu tun, dass der Staat die Integration seiner Neubürger aktiv unterstützt. Regierung und Provinzen geben etwa eine halbe Milliarde Dollar im Jahr für Integration aus. Die meisten Einwanderer nehmen die Angebote dankend an. Dazu gehörten Kurse zur Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt, Sprachunterricht oder Programme zur allgemeinen Lebensberatung. In Ottawa gibt es dafür ein eigenes Ministerium für Multikulturalismus.

Auch Era Wegad ist zu einer solchen Beratungsstelle gegangen. Der gelernte Versicherungskaufmann stammt aus Indien. "Das Programm hat mir geholfen Selbstvertrauen zu tanken und an meine Fähigkeiten zu glauben", meint Wegan. Nun hat Wegand einen Job. Auch sonst hat er bislang überwiegend gute Erfahrungen in seinem neuen Heimatland gemacht. "Kanada war gut zu mir", sagt er und hofft, dass dies auch so bleibt. Dann wird auch er vielleicht irgendwann auf dem Picknickplatz am Seeufer vor den Bergen stehen und stolz mit einer kleinen rot-weißen Flagge wedeln.

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