Ein Mann und sein Schwert: Matthias Breugl, Trainer im Esaka Dojo Stuttgart. Foto: Baumann

In Deutschland gibt es sieben Dojos für Iaido. Bei dem japanischen Schwertkampf geht es nicht darum, einen Gegner auszuschalten – man kämpft gegen sich und sein Ego.

Stuttgart - Die Stille in der Flotowhalle in Stuttgart-Wangen ist fast greifbar. Dann wird sie durchbrochen von wenigen japanischen Worten. Schwerter zischen mit schnellen, geschmeidigen und präzisen Bewegungen durch die Luft und gleiten lautlos in die Scheide zurück. Ausgeführt werden die Übungen von acht Männern und einer Frau, die in ihren schwarzen Gewändern an Mönche erinnern. Doch sie tragen keine Kutten, sondern einen Hosenrock, den sogenannten Hakama, eine Jacke (Gi) mit Unterhemd (Hadagi) und einen breiten Gürtel (Obi). Und bei der Vorführung handelt es sich nicht um eine spirituelle Handlung, sondern um eine Trainingsstunde in einem Lehrgang der besonderen Budo-Sportart Iaido. Das bedeutet so viel wie der Weg des Schwertziehens. Dahinter steckt die Kunst, ein Schwert mit hoher Geschwindigkeit aus der Scheide zu ziehen und praktisch im selben Moment den Gegner mit einem vorgeschriebenen Hieb außer Gefecht zu setzen.

Iaido entstand im 15. Jahrhundert und wurde in Japan als Verteidigungskunst der Samurai praktiziert. Damals entstand die Philosophie, dass ein Sieg schneller durch ein überraschendes Losschlagen als durch einen ermüdenden langen Schwertkampf erzielt werden kann. Heute wird die Kampfkunst nicht mehr betrieben, um einen Kontrahenten auszuschalten. Man kämpft vielmehr gegen sein eigenes Ego.

Der Schwerpunkt des Trainings liegt in der Eleganz der Bewegungen sowie der mit den Übungen verbundenen inneren Ruhe und der Disziplin. Dabei kommt es vor allem auf die Einheit von Körper, Geist und Schwert und damit auf die Ganzkörperbeherrschung an. „Das sieht einfach aus, ist aber schwer umzusetzen“, sagt der stellvertretende Bundestrainer Martin Peters, der den Lehrgang leitet. Der Schwertkampf besteht aus zwölf Grundformen, die je eine bestimmte Schritt- und Schwertfolge beschreiben. Jede Kata beinhaltet vier Elemente: Ziehen des Schwertes, Schnitt, Schwert reinigen und Schwert wegstecken. „Der Weg zur immer präziseren Ausführung stellt für mich den Reiz des Iaido dar“, sagt Matthias Breugl, Trainer im Esaka Dojo Stuttgart, das an den MTV Stuttgart angeschlossen ist. Er kam über Aikido zur Schwertkunst und ist Träger des vierten Dan. Die Waffe hat sich seit 1000 Jahren nicht verändert. „Es gibt sonst kein Schwert, mit dem diese Technik möglich ist“, sagt Breugl. Inspiriert wird der Anwalt von den Vorgaben des japanischen Meisters Esaka Sensei. Esaka ist eines von nur sieben Dojos in Deutschland mit rund 120 Mitgliedern.

Das Schwertziehen hat sich jedoch eingerichtet in dieser eher exklusiven Nische. Dabei ist der Spaßfaktor beim Iaido am Anfang recht begrenzt. Die Kampfkunst ist auch nicht so spektakulär wie Kendo. Partnerübungen gibt es selten, jeder übt für sich allein, das muss man mögen. Das bestätigt auch Brigitte Lehner, die einzige Frau in der Gruppe, die seit drei Jahren bei Matthias Breugl zweimal die Woche je zweieinhalb Stunden lang trainiert. Zunächst gibt es 40 Minuten lang ausgiebiges Stretching, wobei vor allem die Handgelenke gedehnt werden, es folgen Fußarbeit und Techniktraining.

Begonnen hat Brigitte Lehner dabei mit einem Holzschwert – und die PR-Frau brachte die Eigenschaften mit, die man für diesen Sport braucht: Geduld, Disziplin und den Willen, sich ständig zu verbessern. Irgendwann hat die gebürtige Österreicherin dann die Stufe erreicht, bei der man nicht mehr so viel überlegen muss, bei der die Automatismen greifen. „Man lernt, entspannt zu sein, vergisst alles um sich herum, bekommt Abstand vom Alltag “, sagt Brigitte Lehner. In ihrem Beruf profitiert sie wiederum von einer neuen Ausgeglichenheit und einer erweiterten Wahrnehmung.

Verbandstrainer Martin Peters verbessert die Teilnehmer an diesem Vormittag ständig. „Man darf die Korrekturen nicht persönlich nehmen, sie sind als Hilfe gedacht“, sagt Brigitte Lehner. Inhalt und Intensität der Wiederholungen sind gewaltig. Bis zur Mittagspause haben die Kämpfer das 980 Gramm schwere, aber stumpfe Schwert aus verzinktem Aluminium rund 600-mal aus der Scheide gezogen und wieder weggesteckt. Eine enorme Anstrengung – aber eine, die sich lohnt. Für Körper und Geist.

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