Die Plakate der Werbekampagne von Jung von Matt sind derzeit zum Beispiel an der Stadtbahnhaltestelle am Schlossplatz zu sehen. Foto: Cedric Rehman

Die Werbeagentur Jung von Matt will auf die schwierige Jobsuche von Asylbewerbern aufmerksam machen. Doch manche finden Kampagne misslungen.

Stuttgart - In der Signatur von Matthias Hess gibt es eine zusätzliche Zeile. Jung von Matt ärgert Nazis, heißt es da. Der Empfänger einer Mail des Kreativdirektors kann darunter einen Link anklicken. Es öffnet sich ein grauer Hintergrund. Darauf erscheint ein Logo: Soft Skills can come the hard way – aus dem Englischen übersetzt: Soziale Kompetenz kommt manchmal auf die harte Art.

Dieser Spruch ist derzeit etwa an Stadtbahnhaltestellen auf Plakaten zu lesen. Vier Flüchtlinge aus Sierra Leone, Eritrea, Afghanistan und Syrien sind abgebildet. Jedem von ihnen ist ein Softskill zugeordnet. Naser A. aus Afghanistan nennt sich zum Beispiel belastbar, weil er an der Grenze zur Türkei drei Tage ohne Essen ausharren musste. Zeray G. aus Eritrea beansprucht für sich Teamfähigkeit, denn er war während der Flucht mit 85 Personen auf einem Schlauchboot unterwegs.

Die Plakate stellen einen Zusammenhang her zwischen den Erlebnissen auf der Flucht und sozialen Kompetenzen, die für Unternehmen interessant sein könnten. Der Flüchtlingsbeirat Baden-Württemberg sieht das kritisch. „Wir haben uns bisher nicht öffentlich zu der Aktion geäußert, aber intern darüber diskutiert“, sagt Seán McGinley vom Flüchtlingsbeirat. Seine persönliche Meinung zu der Kampagne ist eindeutig. „Ich finde sie geschmacklos“, sagt er. Belastende Erlebnisse würden als wirtschaftlich verwertbar dargestellt, kritisiert er. Außerdem seien die Aussagen seiner Meinung nach nicht von der Realität gedeckt, meint er. „Was Unternehmen unter Teamfähigkeit verstehen, hat nichts damit zu tun, was Menschen im Überlebenskampf auf einem Flüchtlingsboot erleben“, sagt der Flüchtlingshelfer.

Flüchtlingshelfer äußert sich ablehnend

Die Agentur mit Sitz an der Neckarstraße sei sich bewusst, dass die Plakate provozieren können. Das sei nötig, damit sie auffallen und zu einer Diskussion anregen, sagt der Kreativdirektor Hess. Jung von Matt habe die Kampagne gemeinsam mit dem Außenwerbungsunternehmen Ströer unentgeltlich lanciert, um das Münchner Sozialunternehmen Social-Bee zu unterstützen. 2200 Plakate hängen derzeit in verschiedenen deutschen Großstädten.

Betrachter sollen Film anschauen

Die Firma Social-Bee ist nach eigenen Angaben ein von Stiftungen finanziertes, nicht kommerziell arbeitendes Unternehmen. Es stellt Flüchtlinge im Zeitarbeitsverhältnis an. Ziel sei es, Firmen die bürokratischen Hürden abzunehmen bei der Anstellung von Asylbewerbern und diese so in eine Festanstellung zu vermitteln, erklärt Social-Bee auf seiner Internetseite.

Auf den von Jung von Matt entworfenen Plakaten ist ein Internetlink zu sehen. Er führt zu Internetbeiträgen, die Teil der Werbekampagne ist. „Wir hoffen, dass Menschen, denen die Plakate auffallen, sich auch im Internet die Filme anschauen“, sagt Hess. Denn sie erklärten, wie das Münchner Unternehmen arbeite und was das Anliegen der Aktion sei, die oft erfolglose Jobsuche von Flüchtlingen, meint Hess.

Die Kampagne soll ein Zeichen setzen gegen Ressentiments, fügt er hinzu. „Es gibt Hass im Internet. Das zeigt, dass es einen großen Informationsbedarf gibt“, sagt der Kreativdirektor. Er will die Plakataktion nicht verstanden wissen als Aufruf an Firmen, Flüchtlinge nur als wirtschaftliche Ressource zu betrachten. Vielmehr ginge es darum, für Offenheit bei Arbeitgebern zu werben trotz bürokratischer Hürden und verbreiteter Vorbehalte.

Dass eine Flucht traumatisiere, wolle die Plakataktion gleichfalls nicht in Abrede stellen. Die vier abgebildeten Männer würden derzeit für Social-Bee arbeiten. Er habe sie persönlich kennengelernt, meint Hess. „Die Geflüchteten, die wir kennengelernt haben, wollen nicht bemitleidet werden. Sie sind mit diesen Erfahrungen starke Persönlichkeiten.“, sagt er.

Der in Stuttgart lebende syrische Journalist Mahmoud Ali findet, dass die Plakate ihr Ziel verfehlen. Denn letztlich geht es aus seiner Sicht eben doch um einen Appell an das Mitgefühl der Betrachter. Wichtiger wäre es aus seiner Sicht gewesen, klarzumachen, dass Menschen mit unterschiedlichem beruflichen Erfahrungen nach Deutschland geflohen sind. „Ich glaube nicht, dass so Arbeitgeber überzeugt werden können, mehr Flüchtlinge anzustellen“, sagt Mahmoud Ali.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: