Der ukrainische Autor Juri Andruchowytsch Foto: picture alliance/Erwin Elsner

Juri Andruchowytsch stellt im Stuttgarter Literaturhaus seinen jüngsten Roman vor: „Die Lieblinge der Justiz“. Das geht natürlich nur per Video-Schaltung. Aber voller Überraschungen wird es trotzdem.

Stuttgart - Wie sieht’s bei einem europäischen Intellektuellen daheim über dem Sofa aus? Der ­ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch präsentiert sich am Freitagabend in seiner galizischen Heimatstadt Iwano-Frankiwsk vor herrlich unordentlich befüllten Bücher-und-Krimskrams-Regalen. Per Videozauber kommt das Bild pfeilschnell über alle verschlossenen Corona-Grenzen hinweg ins Stuttgarter Literaturhaus gesaust, wo die Tübinger Slawistin Schamma Schahadat und der Deutschlandfunk-Redakteur Jörg Plath zum Gespräch bereit sitzen. Ihr gemeinsames Thema: Andruchowytschs jüngster Roman „Die Lieblinge der Justiz“.

In der Geschichte Osteuropas, der sich der mittlerweile 60-jährige Ukrainer über sein gesamtes bisheriges Werk so intensiv verbunden fühlt, geht es ja ähnlich unübersichtlich zu wie in manchem Bücherregal. Auch wenn sich das so mancher neue Volksführer anders wünschen mag und zu Recht denkt: Ob das Schicksal der Völker wirklich von Helden und ihren weisen Entscheidungen oder zumindest siegreichen Schlachten geprägt ist oder nicht doch eher von den großen Verbrechern oder kleinen Halunken – das kann man so oder so sehen. Wer das Werk von Andruchowytsch aus Romanen, Erzählungen, Gedichten und Essays nur ein klein wenig kennt, der weiß: Dieser Mann interessiert sich viel mehr für Abgründe und dunkle Schächte als für Gipfel und Sonnenaufgänge. Er bewegt sich eher auf den kleinen Straßen voller Pfützen und Schlaglöchern als auf den großen Alleen der Heerschauen und Militärparaden.

Ein Meister des Desinformation

Und so präsentiert sich eben auch sein aktuelles Werk: „Die Lieblinge der Justiz“, das sind lauter Verbrecher, Halunken, Kanaillen, Räuber, Aufschneider, Scheusale, deren abenteuerliche und zumeist höchst gewalttätige Geschichten über manche Jahrhunderte hinweg erzählt werden, was sich schließlich zusammenfügt zu einem, so der Untertitel, „parahistorischen Roman in achteinhalb Kapiteln“. Sein Schauplatz: der Osten des Kontinents. Und doch auch zumindest ein Teil seines Herzens. Dass es achteinhalb Kapitel und nicht sieben oder neun wurden, ist eine Reminiszenz an Federico Fellinis gleichnamigen Spielfilm, erfährt das Publikum in Stuttgart. Der Hinweis auf das Historische beschreibt dagegen sowohl den Anspruch des Erzählers als auch das Glatteis, auf das er den Leser wieder so gern führt. „Juri ist ein Meister in der Technik der Desinformation“, beschreibt es Schahadat treffend. „Seine Texte sind voller Anachronismen, voller Zeitvermischungen.“ Damals, später, heute – alles immer schon beisammen. „Und dazu dann die Ironie, die ohnehin alles Sichere wieder infrage stellt.“

Es ist sein erster Roman seit den Maidan-Protesten

Andruchowytschs „Lieblinge“ sind eine Zäsur in seinem Werk. Der Autor war im Winter 2013/14 Teil der Maidan-Protestbewegung. Das Ganze endete bekanntlich in einem Gewaltausbruch, und der Autor gab hernach zu Protokoll, nunmehr bis auf Weiteres keine Romane mehr schreiben zu können. Die „Lieblinge der Justiz“ sind insofern auch ein Neuanfang. Im zentralen achten Teil dieses Buches verlassen ihn dann allerdings die Stilmittel der Ironie fast vollständig: „Sansara oder Der Aufruhr der Engel“ berichtet von einer Massenhinrichtung im November 1943 eben in seiner Heimatstadt Iwano-Frankiwsk, „nur zehn Minuten zu Fuß entfernt von meiner heutigen Wohnung“, exekutiert von der deutschen Besatzung, von Gestapo und SS. Mühevoll arbeitet sich der Bericht durch das letztlich groteske Chaos der Details, wie sie die Quellen überliefern – und an die Stelle humoristischer Distanz tritt ein Bild schierer Boshaftigkeit des Scheusals namens Mensch.

Hoffnung auf bessere Zeiten

„Was mich am meisten stört“, sagt Andruchowytsch dazu via Videobild, „ist die Namenlosigkeit der Opfer. Die Täter kann ich alle beim Namen nennen. Die Opfer nicht.“ Ist das gerecht? Natürlich nicht. Aber wie sollte ein besseres Europa möglich sein, das nicht bereit wäre, ebendiese Ungerechtigkeit in Worte zu fassen? Zum Schluss des Abends hofft der Autor auf „ein echtes Wiedersehen in ein paar Monaten im postpandemischen Zeitalter“. Ja, das wäre schön. ­Sofern die Postpandemie nicht ähnlich chaotisch wird wie der Postkommunismus.

Die Aufzeichnung ist zu hören bei Deutschlandradio Kultur: 17. und 23. Juli.

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