In der Version der Schüler belügt das Ärtzetrio die fiktive Jenufa auf dem Stuhl über den Verbleib ihres unehelich geborenen und plötzlich verschwundenen Babys. Foto: Sybille Neth

Bei einem Projekt im Großen Haus werfen Jugendliche einen Blick hinter die Kulissen und interpretieren ein Stück. Diese Möglichkeit bietet sich ihnen im Rahmen eines Workshops der Jungen Oper.

S-Mitte - Dass sie selbst Theaterspielen wird, damit hat Julia Exner nicht gerechnet. Die 17-jährige Schülerin am Heidehof-Gymnasium hat am Montag zusammen mit Mitschülern ihrer Schule sowie mit Jugendlichen vom Hölderlin-Gymnasium und vom Königin Olga-Stift an einem Workshop für Schüler der Jungen Oper teilgenommen. Einen Tag lang setzten sich die 40 Schüler mit dem tragischen Schicksal der Jenufa in Leoš Janáceks gleichnamiger Oper aus dem Jahr 1890 auseinander, die in Stuttgarts heutiger tschechischer Partnerstadt Brünn uraufgeführt wurde und den Komponisten über Nacht berühmt machte.

Von Liebe, Eifersucht, Gewalt und verlorener Ehre

Zu Beginn stand die Inhaltsangabe: Das Mädchen liebt den jungen Steva, aber dessen Halbbruder Laca liebt sie ebenfalls. Laca ist eifersüchtig auf den oberflächlichen Steva, der nur Jenufas Schönheit schätzt. Deshalb zerschneidet er das Gesicht des jungen Mädchens. Die Schönheit ist verloren, Steva verliert das Interesse an ihr und sucht sich eine andere. Jenufa jedoch ist von ihm schwanger. Die Küsterin und Ziehmutter Jenufas versucht vergeblich, Steva zu überreden, die junge Frau zu heiraten. Schließlich entführt die Küsterin heimlich das Neugeborene und tötet es, um so Jenufas Ehre zu retten.

Freiraum für Interpretationen von beiden Seiten

Die Schüler haben die Schlüsselszenen unter der Anleitung ihrer Coaches von der Jungen Oper improvisiert. Zu den Aufgaben, die ihnen der Musiktheaterpädagoge Tobias Fischer gestellt hatte, gehörte beispielsweise die Szene, in der der schlafenden Jenufa das Baby weggenommen wird – und zwar in einer Interpretation, wie dies heute wäre. „Das finde ich sehr interessant“, sagt Maximilian Weber vom Königin-Olga-Stift. „Wir wollten, dass die Zuschauer selbst weiter denken“, erklärt der 18-Jährige. Deshalb ließ seine Gruppe in der Interpretation offen, was mit dem Kind tatsächlich geschehen ist. Eine andere Gruppe instrumentalisierte das Ärzteteam der Entbindungsstation für die schaurige Tat. Das Ärtzetrio eröffnete der fiktiven Jenufa, das Baby sei bei der Geburt gestorben. In einer anderen Gruppe jedoch sagte eine der Schülerinnen sehr forsch und modern: „Ich würde mir einfach einen anderen Vater für das Kind suchen.“

„Wie würdet ihr mit der Schuld umgehen, wenn ihr die Küsterin wärt“, fragte Fischer in die Runde. „Würdet ihr die Wahrheit sagen oder könntet ihr eine Lüge erzählen?“ Für ihre Spielszenen erhielten die Schüler knappe Regieanweisungen auf kleinen Zetteln. Der Rest war Improvisation. „Jeder muss mal spielen“, betonte Fischer eingangs, als sich noch niemand so richtig traute, sich für eine Rolle zu melden.„Die Schüler brauchen schon eine gewisse Zeit, bis sie auftauen“, sagt Joachim Wendebourg. Er ist Musiklehrer am Heidehof-Gymnasium.

Workshop soll die Schüler für die Oper sensibilisieren

In der kommenden Woche besuchen alle zusammen die Aufführung der Jenufa im Opernhaus. „Der Workshop ist die Vorbereitung darauf“, sagt er. Für einige die Zehntklässler ist es auch der fulminante Abschied vom Musikunterricht, denn für die Jahrgangsstufe müssen sie sich zwischen Musik und Kunst entscheiden. „Der Workshop nimmt den Jugendlichen die Schwellenangst vor der Oper“, freut sich der Musiklehrer. „Die Schüler sind erstaunt, wenn sie erfahren, dass sie eine Karte schon für zehn Euro bekommen. Vielleicht treffen sich dann doch mal ein paar und schauen sich gemeinsam was an.“

Mark Michels vom Heidehof-Gymnasium war schon öfter im Opernhaus, aber häufig im Ballett und erst einmal in der Oper. „Ich finde das sehr interessant“, sagt der 16-jährige. „Die Stimmen sind etwas sehr eigenes. Das ist nicht mit der Musik zu vergleichen, die Jugendliche hören.“ Während der Zehntklässler und die anderen Schüler seiner Workshopgruppe die verzweifelte Arie der Küsterin mit der fast bedrohlich wirkenden Musik anhören, ist die andere Hälfte der Schüler hinter den Kulissen den Opernhauses unterwegs: Sie werfen einen Blick in die Garderoben, den Kostümfundus und die Werkstätten und treffen auch den einen oder anderen Künstler. Nach der Mittagspause setzten sie ihre Erfahrungen zu verschiedenen Themen rund um eine Opernproduktion um.

Seit 20 Jahren veranstaltet die Oper solche szenisch-musikalischen Workshoptage für Schüler. „Wir sind die Pioniere gewesen“, betont Thomas Koch von der Kommunikationsabteilung der Oper. „Es gibt heute in Deutschland kaum noch ein Haus, das dies nach unserem Vorbild anbietet.“ Nach den ersten beiden erfolgreichen Jahren der Schülerworkshops wurde 1997 wegen der großen Nachfrage die Junge Oper gegründet. Ihre Inszenierungen mit Schülern sind seither regelmäßig am Kammertheater zu sehen. „Erst im Oktober haben wir für das neue Stück 35 Nixen gecastet“, berichtet Julian Kämper von der Dramaturgie. Das Jugendstück „Nixe“ für Zuschauer von zehn Jahren an hat am 16. April Premiere.

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