Fabel zum Thema Hunger in Afrika: Das Magnet Theatre mit „Tree/Boom/Umthie“ Foto: Mark Wessels

Neun Tage lang hat das Theaterfestival „Schöne Aussicht“ Menschen diesseits und jenseits der Bühne zu wundervollen Theatererlebnissen zusammengeführt. Zentrale Frage des Festivals war: Wie muss Theater auf globale Umbrüche reagieren?

Stuttgart - Stuttgart - Wir leben, also spielen wir – die flämische Gruppe Studio Orka setzte das inoffizielle Motto des am Wochenende zu Ende gegangenen internationalen und baden-württembergischen Kinder- und Jugendtheaterfestivals „Schöne Aussicht“.

Geleitet vom Elementartrieb zu spielen, führte das Spiel in jeglicher Form neun Tage lang Menschen diesseits und jenseits der Bühne zu wundervollen Theatererlebnissen zusammen. Die zentrale Frage dieses Festivals, wie Theater auf globale Umbrüche reagieren muss, beantworteten am überzeugendsten jene Produktionen, die jenseits des gesprochenen Wortes mit Humor, Kraft und Sinnlichkeit Herzen und Hirne erregten.

Es war das Schicksal der Menschen im Flüchtlingscamp Za’azhari in Jordanien, das Nalle Laanela, Stacey Sacks und Rupesh Tillu von The Mircale Nuts aus Schweden zu ihrer Produktion „Flugo“ (Regie: Pelle Hanaeus) inspirierte. Durch eine Kette aneinander gefesselt, torkeln die drei Clowns auf die Bühne, orksen sich mit ihrer Fantasiesprache ans Publikum heran, bis das Geräusch der Schwingen einer fliegenden Gänseschar zum Träumen verführt. „Flugo“ wollen auch sie, frei sein. Das Publikum muss mitspielen, das Kettenschloss wird geknackt.

Mehr Poesie geht nicht

Mit Pantomime, gespielt kindlicher Raffinesse, Akrobatik, begleitet von einer traumhaft schönen Musikcollage und Lichtchoreografie, boxen sich die Drei in ihren zauberhaften Tüll- und Seidenkostümen zum vermeintlich Glück verheißenden Ort: einem goldenen Käfig. „Du nicht!“ – die ersten beiden, die es geschafft haben, schließen den dritten aus. Endlich doch alle drin, wird es zu eng. Aber als die Zeit des Träumens vorbei ist (auf eine Leinwand werden farbige Schmetterlinge projiziert), rütteln sie an den Stäben, verfallen in eine Heulattacke, die signalisiert: „Wir schaffen es niemals!“ Und wieder muss das Publikum helfen. Menschenunwürdiges Leben wird in „Flugo“ in zarte, komische, sinnliche Bilder umgesetzt: Mehr Poesie geht nicht.

Hunger ist ein zentrales Problem in Afrika. Das Ensemble von Magnet Theatre, mit seiner Regisseurin Jennie Reznek aus Südafrika angereist, wählt eine Fabel für die Adaption des Themas. Die Inszenierung „Tree/Boom/Umthie“ lebt von der starken physischen Präsenz der Schauspieler. Weil ein Mann Hunger hat, wünscht er einen Pfirsichbaum. Er setzt einen Kern in die Erde. Eingebunden in den Jahreszeitenlauf, entwickeln sich Kern, Trieb, Baum, Früchte. Tiere der Savanne kommen und gehen und werden wie der beseelte Baum von den Akteuren gespielt, eingebunden durch ihren mehrstimmigen traditionellen Gesang.

Nicht enden wollender Applaus auch nach der Vorstellung der ugandischen Gruppe The Tiny Free. Das Ensemble mit seinem Choreografen Abdul Kinyenya erzählt in seiner Geschichte die Anekdote zweier Jungs, die vor dem National Theatre in Uganda Mais verkauften, um die Schulgebühren für ihre Geschwister zahlen zu können. „Un-Gerecht/III-Legitimate“ kommt hitzig als Breakdance über die Bühne, verbunden mit Elementen des traditionellen ugandischen Tanzes.

Neue Kontakte wurden geknüpft, alte aufgefrischt

Sehnsucht und Wut sind elementare Gefühle, die keine Worte brauchen. Fast hätte der Auftritt der drei Tänzer auf zwei Akteure reduziert werden müssen – es fehlte ein Visum. „Doch das gehört wohl ebenso zu den Festivalaufregungen wie der Schreck, den wir alle hatten, als der Container der Clowns-Truppe The Miracle Nuts für kurze Zeit auf der Strecke hängenblieb“, erzählt eine meist strahlend aufgelegte Festival-Chefin Brigitte Dethier. An welchen Orten die Ensembles auch spielten – Nord, Rampe, Tribüne, Jes, Fitz, unter freiem Himmel am Schloss Solitude –, das Interesse des Publikums reichte über den Schlussapplaus hinaus: neue Kontakte wurden geknüpft, alte aufgefrischt.

Für einen aber wurde das Festival zum ganz besonderen Erleben: Jameel. Der in Stuttgart lebende Flüchtling aus Syrien hat wie andere seiner Mitbewohner aus der Flüchtlingsunterkunft Haus Martinus an der Festivalbar geholfen, Blumen an die Schauspieler verteilt, in der Werkstatt gearbeitet, Vorstellungen kostenlos besucht. „Ramadan hat begonnen, aber ich habe immer dann den Hunger nicht gefühlt, wenn ich im Theater war“, sagt er. „Es war das erste Mal, dass ich so eine Form von Theater erlebt habe, ich habe Neues gesehen, neue Gedanken gefunden und neue Freunde.“

Quo vadis Kinder- und Jugendtheater? Ob die Tendenz zur Wortlastigkeit, die baden- württembergische Kinder- und Jugendtheaterproduktionen prägen, auch in Zukunft Bestand haben wird, darf in Frage gestellt werden – aufgrund von Zuwanderung, aufgrund von Nationalitäten- und Sprachenvielfalt.

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