Jürgen Aldinger im Umkleidebereich des Waiblinger Feuerwehrhauses in der Kernstadt. Foto: Gottfried Stoppel

Der Waiblinger Jürgen Aldinger engagiert sich seit seiner Jugend bei der Feuerwehr – so wie schon sein Vater. Nach 15 Jahren verabschiedet er sich von seinem Posten als Stellvertretender Kommandant der Gesamtstadt.

Waiblingen - Es gab Zeiten, in denen Jürgen Aldinger das Vorlesen einer Gute-Nacht-Geschichte für seine Kinder mittendrin abbrechen musste, weil er wegen seines „nicht planbaren Hobbys“ zu einem Einsatz rasen musste. Als sein Nachwuchs etwas älter war, gab es im Hause Aldinger für die Fälle, in denen der Papa während des Mittagsschlafs ausrücken musste, ein handgezeichnetes Blaulicht. Das hängte Jürgen Aldinger an die Tür, damit seine Lieben wussten, wo er steckt: bei der Feuerwehr. Zeichnen und skizzieren – das ist noch heute Jürgen Aldingers Ding. Sein Skizzenbuch hat der Innenarchitekt stets dabei. „Wenn ich unterwegs bin, mache ich kein Foto, sondern male eine Skizze“, sagt der Mann, den der Waiblinger Oberbürgermeister Andreas Hesky kürzlich als „die personifizierte Feuerwehr“ bezeichnet hat.

Die „personifizierte Feuerwehr“

Bei Einsätzen der Freiwilligen Feuerwehr wird der 58-jährige Waiblinger auch weiterhin dabei sein – allerdings nicht mehr als Stellvertretender Kommandant der Gesamtstadt Waiblingen. Für diese Position hat er nun, nach 15 Jahren, nicht mehr kandidiert. „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, denn die Freiwillige Feuerwehr Waiblingen ist in einer sehr stabilen Phase“, sagt Jürgen Aldinger über seinen Abschied vom Führungsposten bei der Feuerwehr, die rund 20 Prozent der gesamten Einsätze im Landkreis übernimmt.

In der Feuerwehr engagiert sich Jürgen Aldinger bereits seit 40 Jahren, seit drei Jahrzehnten ist er in Führungspositionen tätig: „Ich bin familiär vorbelastet, mein Vater war schon stellvertretender Abteilungskommandant in Beinstein.“

Vieles hat sich in den vergangenen Jahren verändert, etwa das Verhalten mancher Mitmenschen. So heißt es bei Unglücken für die Feuerwehrleute zuallererst einmal: Sichtschutz aufbauen. „Bei Unfällen passieren heute unglaubliche Dinge“, sagt Aldinger. Eltern, die ihre kleinen Kinder auf die Schultern heben, damit diese einen guten Ausblick auf die Unfallstelle haben. Autofahrer, die mit der Handykamera voll drauf halten. „Man muss den Leuten klar machen, dass da Szenen fotografiert werden, die pietätlos sind.“ Und manchmal läuft das Filmchen vom Brand schon im Internet, wenn das erste Feuerwehrauto am Unglücksort eintrifft.

Feuerwehr ist viel Improvisation

Auch die Feuerwehr selbst ist nur allzu oft im Bild, steht unter genauer Beobachtung und wird manches Mal wegen vermeintlicher Fehler kritisiert. „Feuerwehr ist viel Improvisation und Kreativität. Bei uns geht es oft um schnelle Entscheidungen“, sagt Jürgen Aldinger – Entscheidungen, die man im Nachhinein ab und zu vielleicht anders getroffen hätte, aber „Fehler passieren überall“.

Auch die Zahl der Einsätze sei in den vergangenen 15 Jahren stark angewachsen, von rund 100 auf um die 400 im Jahr. „Das heißt: an jedem Tag mindestens ein Einsatz, für eine Freiwillige Feuerwehr ist das eine echte Nummer“, betont Aldinger. Die höheren Einsatzzahlen haben mit der wachsenden Einwohnerzahl, aber auch mit den höheren Sicherheitsstandards in Firmen zu tun. „Brandmeldeanlagen generieren Einsätze und auch Fehlalarme“, sagt Aldinger. Ähnliches gilt für Rauchmelder in Wohnhäusern. Die seien eine gute Sache und sehr hilfreich, „aber sie bringen mehr Arbeit“. Ähnlich wirke sich die alternde Gesellschaft aus, berichtet Jürgen Aldinger: Regelmäßig muss die Feuerwehr ausrücken, weil Pflegedienste sie alarmieren, um Wohnungen zu öffnen, weil ein Senior gestürzt ist.

Zahl der schweren Unfälle niedriger

Was die Zahl der Einsätze ebenfalls erhöht, das fasst Jürgen Aldinger unter „abnehmende Selbsthilfefähigkeit“ zusammen: „Wenn vor 15 Jahren ein Papierkorb gebrannt hat, dann hat man beim Nachbar geklingelt und gesagt, er soll einen Eimer Wasser bringen.“ Heutzutage hat jeder ein Handy in der Tasche, kennt oft den Nachbarn gar nicht – und ruft im Falle eines Falles halt die Feuerwehr.

Damit für solche Einsätze niemand vom Arbeitsplatz weggeholt werden muss, hat die Stadt Waiblingen inzwischen einen kleinen Stab an hauptamtlichem Personal aufgebaut. Was die Bereitschaft und Fähigkeit zur Selbsthilfe angehe, da müsse die Feuerwehr künftig dran arbeiten, sagt Jürgen Aldinger: „Die beste Feuerwehr ist die, die nicht ausrücken muss.“

Manches ist auch besser geworden. Die Zahl der schweren Verkehrsunfälle habe beispielsweise dank mehr Sicherheit bei den Autos und der Fahrzeugtechnik abgenommen, sagt der Feuerwehrmann.

Ein Unglück, das ihm besonders schwer zu schaffen gemacht hat, war jenes im April 2008: Zwei Jungen erlitten damals durch eine Verpuffung bei einem Kinderuni-Kurs an der Familienbildungsstätte Waiblingen schwere Brandverletzungen. „Eigentlich wollte ich meinen Sohn damals für den Kurs anmelden, hatte es aber vergessen. Als dann an dem Tag der Alarm aus der FBS kam, da hat es mir die Füße weggezogen.“ Dass Einsatzkräfte nach einem Einsatz bisweilen schlaflos im Bett liegen und nicht mehr zur Ruhe kommen, wird es wohl auch weiterhin geben. Aber immerhin gibt es für sie inzwischen eine Notfallseelsorge.

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