Judith Williams schickt den Busfahrer Karlheinz Hölle (Mi.) zusammen mit Jonas Kaufmann (li.) auf die Bühne. Foto: ZDF und André Kowalski

Heul, schluchz, und weiter geht’s: „Mein Lied für Dich“mit Judith Williams im ZDF setzt voll auf Emotionen. Aber gelingt das auch?

Stuttgart - Falls es irgendwo im Land einen prima Lehrer oder eine tolle Lehrerin gibt, möge er oder sie von ihren Schülern bitte heftiger gefeiert werden als Frau Lange im ZDF. Gute Pädagogen haben das verdient. Ob dann allerdings ein Kamerateam der Show „Mein Lied für Dich“ dabei sein sollte? Im Einspielerfilm darf das Publikum miterleben, wie die ganze Schule zusammen mit dem Popsternchen Giovanni Zarrella der zurückhaltenden Lieblingslehrerin ein Dankeschön entgegenschmettert – und puff: Konfettiregen. „Oh Gott, wer räumt das wieder auf“, sei ihr erster Gedanke gewesen, erzählt Sabine Lange dann im Studio.

Während man das als Zuschauer eben noch lustig finden will, dröhnt es von der Seite aber schon: „Danke, dass ihr meine Gäste wart!“ Gefühlte 0,08 Sekunden hatten Frau Lange, eine Schülerin und Zarrella auf dem Sofa gesessen. So wenig Würdigung hat keiner verdient.

Mut und Lampenfieber aus allen Poren

Und so geht es immerzu weiter. Wenn die in Deutschland lebende US-Amerikanerin Judith Williams beim Teleshopping-Kanal ihre Beautylinie verkauft oder in der Vox-Show „Höhle der Löwen“ in neue Produkte investieren soll, macht die Unternehmerin das gern mit diesem „Crazy-American-Übertriebenen“. So hat sie das jedenfalls selbst einmal genannt. In ihrer neuen Show geht es aber nicht darum ein faltenfreies, frisches Erscheinungsbild zu versprechen, sondern menschliches Schicksal mitzufühlen. Wie das gehen soll, muss Williams von ihren Moderationskarten ablesen. „Ich freue mich!“, sagt sie – auf den Karton schielend, wie um zu gucken, ob das denn wahr sein kann.

Mut und Lampenfieber aus allen Poren schwitzen ihre Gäste, die angetreten sind, um live singend einem für sie besonderen Menschen Dank und Liebe auszudrücken: ob Töchter, die ihre ausgewanderte Mutter musikalisch überraschen wollen, ein singender Busfahrer, der auf der großen Bühne stehen darf, oder eine Frau, die nach dem Verlust von Tochter und Enkelin wieder Lebensmut durch ihren neuen Partner gefunden hat.

„Wow“ – und immer wieder „Wow“

Unterstützung bekommen sie von prominenten Paten wie Tenor Jonas Kaufmann, Schlagerikone Bernhard Brink oder Popstar Christina Stürmer. Alles berührende Geschichten, die den Zuschauer allerdings knapp verfehlen. Weil sie zu wenig Raum bekommen auf dem Sofa, das in Wirklichkeit ein Schleudersitz ist. Im Akkord knallt der Holzhammer auf die Tränendrüse, und weil auf einer der Stichwortkarten vermutlich der gar nicht so gute Tipp steht, dass „Wow“ eine gute Vokabel ist, um Empathie auszudrücken, hallt dieses Wort im entsprechenden Rhythmus aus Judith Williams heraus.

Das ZDF, das neuerdings ja zuständig ist fürs Fernsehen mit Herz, hat mit den beiden Sendungen „Mit 80 Jahren um die Welt“ und „Sorry für alles“ gezeigt, wie Anrührendes tatsächlich gelingen kann. Erst recht, wenn der Moderator Steven Gätjen heißt. „Mein Lied für dich“ mit Judith Williams reicht bei Weitem nicht an diese Herzlichkeit heran. Oder, um es mit Worten aus dem Williams-Kosmos zu sagen: Die Unternehmerin müsste hier viel mehr Gefühl investieren. Und auch ein bisschen Kosmetik reicht nicht, um diese Show geschmeidiger zu machen. Da müsste dann vielleicht doch gleich ein Schönheitschirurg ran.

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