Im Theaterhaus wird Judith Holofernes auch die Gitarre auspacken. Foto:  

Man kennt sie als Sängerin von Wir sind Helden und Solo-Musikerin. Am 17. April spricht Judith Holofernes in der neuen Talk-Reihe „Sprechstunde im Theaterhaus“ über Künstlerpech und Künstlerstress.

Stuttgart – Aus der Ferne gesehen, ist Pop-Star ein Traumberuf mit etlichen Privilegien. Doch aus der Nähe betrachtet, sagt die Sängerin Judith Holofernes, verliert manches seinen Glanz.

Frau Holofernes, den Alltag eines Popstars stelle ich mir so vor: Man gibt abends ein Konzert, geht danach was essen und trinken, übernachtet in guten Hotels und schläft am nächsten Morgen aus. Was ist daran stressig?
Der Stress in unserem Beruf besteht in der Hauptsache darin, dass wir keine Regelmäßigkeit haben. Bei mir sieht jede Woche anders aus. Montags mache ich eine Planung für die Woche. Aber das ist natürlich auch das Schöne an meinem Beruf: Es wird einem nie langweilig.
Sie werden im Theaterhaus als Stressexpertin auftreten. Hat das damit zu tun, dass Sie selbst dem Burn-out oft nahe waren?
Vielleicht. Aber mir hat die Anfrage auch einfach gefallen, weil mich interessiert, was mein Kollege Heinz Rudolf Kunze dazu sagt, der den Job ja schon länger macht als ich. Ich kenne ihn noch nicht persönlich, weiß aber, dass er ganz unterschiedliche Sache macht und künstlerisch wie ich viele Haken schlägt. Aber auch ich kann etwas zu dem Lebensthema Stress erzählen, weil ich mich schon mit Achtsamkeitspraxis und Meditation beschäftigt habe.
Haben Sie Ihre Auftritte als Musikerin jemals als stressig empfunden?
Die Auftritte selbst eher nicht. Der Stress besteht darin, dass man für Bühnen-Shows unheimlich fit sein muss. Also empfindet man jeden Schnupfen, der in der Familie kursiert, bereits als massive Bedrohung.
Leiden Sie als Künstlerin unter Produktionsdruck?
Nein, ich kann damit eigentlich ganz gut umgehen. Ich kenne aber etliche Kollegen, die es anstrengt, dass sie immer kreativ sein sollen, die darunter wirklich regelrecht leiden. Ich bin eh so ein Luftelementtyp, der aufpassen muss, dass er sich genug fokussiert und nicht die Übersicht verliert.
Erzeugt Erfolg Stress?
Auf jeden Fall. Hinzu kommt, dass der Musikmarkt im Vergleich zu früher aus finanzieller Sicht nur noch einen Bruchteil hergibt. Du musst heutzutage als Musiker unheimlich viel tun, um überhaupt wahrgenommen zu werden.
Vom CD-Verkauf kann kaum noch jemand leben. Deshalb gehen Musiker auf Tour.
Stimmt, aber da viele gemerkt haben, wie wichtig das Live-Business ist, herrscht in dem Bereich ein gewaltiges Gedränge. Wenn man da in einem Club in Ostdeutschland auftritt und feststellt, welche artverwandten Bands dort in nächster Zeit gastieren, dann gibt einem das zu denken. Vor allem für Bands, die für ein junges, studentisches Publikum spielen, ist das bitter. So viel Geld haben die Leute doch gar nicht, um all die Konzerte zu besuchen.
Könnte man sagen, im Vergleich zu früher lassen Sie es ruhigen angehen?
Klar, wenn Sie auf die Helden-Jahre anstimmen, trifft das natürlich zu. Das hat wahnsinnig Spaß gemacht und war schön. Aber das Leben hatte auch eine hohe Amplitude. Man fühlte sich wie ein Rennfahrer, der rauschhaft schnell durchs Leben rast – aber sobald man das Steuer nur etwas verreißt, landet man an der Betonwand. In den letzten Jahren habe ich mich bewusst dafür entschieden, es ruhiger angehen zu lassen – und natürlich auf ein bestimmtes Maß an Erfolg verzichtet. Es gibt im Musikerleben nur einen sehr schmalen Wohlfühlbereich. Wenn du sehr viel Erfolg hast, belastet das die Seele. Wenn du wenig Erfolg hast, kannst du deine Band nicht bezahlen.
Ihr Mann Pola Roy, mit dem Sie zwei Kinder haben, ist auch Musiker. Ist das für die Bewältigung des Alltags ein Vor- oder ein Nachteil?
Der Musikerberuf ist nicht auf Kinder ausgerichtet. Wenn man zusammen mit seinem Partner auf der Bühne steht, ist das mit Kindern schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Der Job funktioniert eigentlich nur, wenn man einen Partner hat, der sich um die Kinder kümmert. Ich habe mich sechs Jahre lang als Rockstar in einer 70-Prozent-Stelle versucht. Das war alles andere als einfach. Oft bekam ich zu hören: „Wie schaffst du das eigentlich alles zusammen?“ Da dachte ich mir: Wer sagt euch eigentlich, dass ich das schaffe. Wenn die Leute wüssten, wie viel Sachen ich nicht machen kann, die kinderlose Kollegen tun können.
Auch im Popgeschäft sind Kinder ein Hemmnis für die Karriere?
Klar, das hängt schon damit zusammen, dass man für kurzfristige Anfragen kaum zu haben ist. Inzwischen haben mein Mann und ich uns anders sortiert, er arbeitet als Produzent. Insofern haben wir einen anderen Rhythmus, das macht die Dinge einfacher. Ich weiß es zu schätzen, dass ich mit jemandem verheiratet bin, der die Mechanik und die Herausforderungen meines Berufs versteht. Wenn der Partner Bescheid weiß, wiegt das vieles auf.
Familienleben und Beruf unter einen Hut zu bringen ist auch für Leute in bürgerlichen Jobs nicht einfach.
Selbstverständlich. Ich will das überhaupt nicht kleinreden, es geht nur darum, den Unterschied klar zu machen. In den ersten Jahren hatten wir auf Tour einen Babysitter dabei. Das ist ein Privileg. Die Freiheit von Künstlern bringt einen speziellen Stress mit sich. Wir müssen Entscheidungen treffen, die weit in der Zukunft liegen. Ich plane gerade den September und bin mir sicher, dass ich Zusagen zu Veranstaltungen mache, die ich später bereue. Mir fällt es nach wie vor schwer, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie voll eine Woche am Ende sein wird.
Sie werden im Theaterhaus auch singen?
Ja, das hoffe ich sehr. Vielleicht werde ich sogar ein paar Lieder vortragen, die etwas mit dem Thema des Abends zu tun haben. Wenn sie bis dahin fertig sind.
Mit dem Stress-Forscher Martin Bohus und dem Musiker Heinz Rudolf Kunze tritt Judith Holofernes am 17. April, 19.30 Uhr, im Theaterhaus auf. Karten für den Talk „Stress ist nicht gleich Stress“ der AOK Baden-Württemberg gibt es unter: www.sprechstunde-im-theaterhaus.de.
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