Judith Holofernes war mit Gisbert zu Knyphausen und Robert Gwisdek in Stuttgart zu Gast Foto: Getty

Sie leben im selben Berliner Kiez, sind zwischen dreißig und vierzig Jahre alt und treffen mit ihrer Musik den Nerv ihrer Generation: Judith Holofernes, Gisbert zu Knyphausen und Robert Gwisdek waren bei der „Song Conversation“-Reihe der Ludwigsbruger Schlossfestspiele im Kunstmuseum Stuttgart zu Gast.

Stuttgart - Erstmals sind drei deutsche Musiker bei der Carte-Blanche-Reihe „Song Conversation“ der Ludwigsburger Festspiele am Start: die Sängerin Judith Holofernes von der nicht mehr existierenden Band Wir sind Helden“, der Theater- und Tatort-Schauspieler Robert Gwisdek, der sich als Käpt’n Peng die Seele aus dem schmalen Leib rappt, und der wunderbare Song-Poet Gisbert zu Knyphausen. Die drei leben im selben Berliner Kiez, sind zwischen dreißig und vierzig Jahre alt und gehören zur Generation Maybe. Deren Nerv treffen diese drei „Klassensprecher“ mit ihren Texten und ihrer Musik auf Anhieb. Glamouröses Outfit findet man peinlich, man sieht erfrischend normal und gerade deshalb ziemlich gut aus.

Das Konzert, berichtet Ulrike Groos, die Direktorin des Museums, sei komplett ausverkauft, und es wären auch zehnmal so viele Tickets weggegangen. Festivalchef Thomas Wördehoff kündigt an, das Publikum werde ebenso viel Spaß haben wie die kleine Band selbst, aber leider werde die sich nach ihren zwei Festivalauftritten wieder auflösen. Er sollte Recht behalten, denn das über zweistündige Konzert, das ohne Pause über die Bühne geht, erweist sich als eine Sternstunde des Adult Pop, der erwachsen gewordenen deutschen Popmusik. (Ein kleiner Trost für alle, die keine Karte mehr ergattern konnten: Im Auftrag der Band wurde ein Live-Video gedreht, das in ein paar Wochen auf Youtube zu sehen sein wird.)

Ganz toll: Holofernes und zu Knyphausen singen Nick Caves „Henry Lee“

„Ich spiel ein Lied, du spielst ein Lied“, rappt Käptn Peng, der bärtige Sohn von Corinna Harfouch und Michael Gwisdek. „Ich mag deinen Musikgeschmack.“ Judith Holofernes, die Frau mit dem drastischen Künstlernamen, steigt ein: „Und bäuchlings vorm CD-Regal kriegen wir uns in die Haare. Was soll’s, in dieser Stellung sind wir beide Missionare.“ Tatsächlich können die beiden Lieder miteinander sprechen. Im Meer der Popmusik rudern die drei Musikanten von einer Themeninsel zur nächsten. Ganz toll gerät das Duett von Holofernes und zu Knyphausen aus der Abteilung „verstörende Lieder“. Als sie „Henry Lee“, eine Mörderballade von Nick Cave intonieren, füllen Jubelschreie den Saal.

Die Liebe kommt natürlich nicht zu kurz. „Ich fall in deine Arme“ singt der bärtige Herr zu Knyphausen mit wohlklingender Stimme und begleitet sich virtuos auf seiner akustischen Gitarre. Auch die Vergänglichkeit der Liebe wird thematisiert – wie einst in barocken Gedichten. Doch jetzt kommt die Lyrik eher schmucklos, wie beiläufig daher und spricht damit die Menschen umso mehr an. Zu den gemeinsam interpretierten Lieblingsliedern gehört auch Bob Dylans leider immer noch aktueller Song „Masters of War“, ein träge schaukelnder Walzer von Conor Oberst und „If I Had A Boat“ von Lyle Lovett. Die drei wunderbaren Musiker aus Kreuzberg stellen eigenes Liedgut vor wie Holofernes‘ Antikonsum-Song „Danke, ich hab schon“, von Knyphausen performt „Liebes Leben“ von Gwisdek, und der Wortakrobat mit der Cargohose und der Strickmütze rappt barfuß seine „Sockosophie“, einen aberwitzigen Dialog mit seinem sprechenden Socken. Am Ende Beifallsstürme, mehrere Zugaben und lauter glückliche Gesichter.

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