Judith Holofernes bietet in Stuttgart ein wummerndes Programm mit dem Titel „Ich bin das Chaos“. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Im Theaterhaus wackeln die Wände: Judith Holofernes rockt mit ihrer Band und pfeift dabei auf Perfektion. Offen ist sie bis zur Albernheit und behauptet, eine Vollmeise zu haben.

Stuttgart - Kurz nach 21 Uhr ist es, Judith Holofernes steht mit ihrer Band also seit einer Stunde auf der Bühne, da sagt die Sängerin schon: „Mit unserer Setlist sind wir durch.“ Schlimm ist das nicht wirklich für die rund 450 Fans, die den großen Saal des Theaterhauses am Sonntagabend knapp zur Hälfte füllen, denn nun folgen 30 Minuten an Zugaben – aber Judith Holofernes entschuldigt sich dennoch. Zu unerfahren noch, sagt sie, sei ihre Band mit dem neuen Material. Das zweite Soloalbum von Holofernes erschien jedoch schon vor mehr als einem Jahr.

Nach Stuttgart kam sie schon öfter, unter anderem 2014, damals mit einem Programm, das sich intim gab, seltene Instrumente präsentierte, Songs aus amerikanischen Sumpfländern, Country-Vorlieben auch, und das sich Zeit ließ. 2018 nun scheint Judith Holofernes in die andere Richtung davon zu sprinten. Sie spielt temporeich, schmutzig, laut, hat sich dem Garagenrock verschrieben, pfeift auf die Perfektion, steigt auch einmal falsch ein in einen Song, entschuldigt sich wieder, lacht und beginnt von vorne.

Quallenartige Lichtflächen

Am Einlass warnen Schilder vor hoher Lautstärke und Stroboskopeffekten. Das Publikum bekommt, was die Schilder versprechen: die Ohren wummern, Blitze zucken, quallenartige Lichtflächen breiten sich auf der Bühne aus. Der Klang wirkt etwas übersteuert – aber auch dies könnte Absicht sein. Judith Holofernes zweites Solowerk heißt außerdem ja: „Ich bin das Chaos.“ Weshalb also nicht.

Holofernes war ein Feldherr, Judith eine gottesfürchtige Frau, die ihm mit seinem eigenen Schwert den Kopf abschlug. Judith Holofernes heißt eigentlich Judith Holfelder-von der Tann und war bis 2012 die Sängerin der Band Wir sind Helden, die sich offiziell nie auflöste. Seither lockt die Berlinerin mit wildem Pippi-Langstrumpf-Charme ihr Publikum fort von den Pfaden der kommerziellen Popmusik, zelebriert die Offenheit manchmal zielbewusst bis hin zur Alberei, strahlt dabei selbstredend übers ganze Gesicht.

Vollmeisen und Grooves

In Stuttgart trägt sie einen Jumpsuit, der anmutet wie ein dunkles Jackson-Pollock-Gemälde, springt in schwarz-roten Turnschuhen über die Bühne, geht in die Knie, federt, groovt, und freut sich maßlos. Ein kleines Hörspiel gehört zu ihrem Auftritt, das Publikum, schlägt sie vor, möge dazu tanzen, bitte expressiv. Ihre Band – Gitarre, Schlagzeug, Bass und eine Keyboarderin, die auch famose Backgroundsängerin ist – macht Geräusche. Judith Holofernes liest: „Ich hab eine Vollmeise. Du hast keine – voll scheiße. Ich meine: eine Halbmeise haste, höchstens, und das weißte.“

Zu anderen Liedern der Frau, die sechs Tage zuvor ihren 42. Geburtstag feierte, lässt sich vortrefflich tanzen. Holofernes greift gerne selber zur pfefferminzfarbenen Gitarre, schickt knatternde Riffs auf die Reise durch fröhlich-frech verschrobene Songs, spielt neue Stücke, alte, eigene und fremde, singt auch sehr zart manchmal, jammt zuletzt gar ein wenig mit ihren Musikern. Ein bestuhltes Konzert bleibt dies nicht lange; der Saal des Theaterhauses wackelt. Judith Holofernes verabschiedet sich, mehrmals: „Tausend Dank!“ ruft sie. „Tschüss!“ und: „Ich möchte euch alle einzeln kennen lernen!“

Die Setlist

Oder an die Freude / Nichtsnutz / Danke ich hab schon / Die Konkurrenz/The Geek / Hasenherz / Ich wär so gern gut / Sara sag was / Der Krieg ist vorbei / Bist du nicht müde / Pechmarie / Analogpunk / Charlotte Atlas / MILF / Ist das so / Feuer frei / Ich bin das Chaos / Ein leichtes Schwert / Der letzte Optimist

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