Szene aus „Die beste Geschichte“ Foto: Jan Merkle

Rasant, witzig, temperamentvoll: Im Jungen Ensemble Stuttgart (Jes) wird „Die beste Geschichte“ gesucht.

Stuttgart - „Ich wollte, dass Kinder, die türkisch verstehen, einen Vorteil haben – und Kinder, die kein Türkisch verstehen, keinen Nachteil.“ Das hat sich die Regisseurin Anne Wittmiß vorgenommen, und das ist ihr bei der Inszenierung der temporeichen und witzigen Suche nach der „Besten Geschichte“ im Jungen Ensemble Stuttgart (Jes) auch gelungen. Es gibt keine Simultanübersetzung und keine Übertitel, die Sprachen wechseln sich ab, was auf Türkisch begonnen hat, wird auf Deutsch weitererzählt oder umgekehrt. Das funktioniert, und wie! Irgendwann bemerkt man den Wechsel nicht einmal mehr.

Ab acht Jahren wird das von viel Live- und von eingespielter Musik (Ögunc Kardelen) begleitete temperamentvolle Frage- und Antwort-Spiel empfohlen. Ist die beste Geschichte jene, die nicht alles verrät, was sie weiß? Oder jene, die einen in den Schlaf begleitet? Oder eine, bei der man sich so richtig schön gruseln kann? Das De-Tier schleicht hinter den Kulissen umher, und ab und zu verschwindet ein Kind aus dem Saal . . . Wer weiß, dass die Intendantin des Jes Brigitte Dethier heißt, hat noch mehr Spaß bei der schaurig-schönen mit spannungsvoller und tollen Lichteffekten unterlegten Gruseleinlage.

Wie Ping-Pong gehen die Geschichten hin und her: Damals, als ich dem GI das Peace-Zeichen gezeigt habe, damals, als meine Urgroßmutter den Bären mit einem Catch-Move bezwungen hat . . . Aufschneidergeschichten, Selbstvergewisserungsgeschichten oder auch Sparwitze werden mit viel Temperament und Spielfreude in Szene gesetzt.

Sibel Polat, Gerd Ritter und Faris Yüzbasioglu stehen auf der Bühne, die mit quadratischen Kissen im Raster an den Wänden ästhetisch ansprechend und gleichzeitig eine Wundertüte für die Schauspieler ist. Mit solchen Kissen kann man eine Schmollecke bauen, den Turmbau zu Babel nachstellen, eine Sprungbude aufbauen. Die drei Darsteller geben alles, sprühen vor Energie. Dass bei allem Spaß immer wieder klug über Sprache und die Kunst der Erzählens nachgedacht wird, ist toll. Dass diese klugen Sätze aber nie wie ein Hörspiel präsentiert werden, sondern in Bewegung und Spiel umgesetzt sind, ist noch viel toller. Vielleicht geht manches für die jungen Zuschauer ein bisschen zu schnell. Und dass die 70 Spielminuten am Ende in eine Reflexion über Heimat und Identität – wenn auch immer auf kindgerechtem Niveau! – münden, ist eine Drehung zuviel. Sei’s drum: Überforderung ist immer sehr viel besser als das Gegenteil.

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