Jerg Ratgeb hat Karnöffel-Karten gemalt, ein zu seiner Zeit beliebtes Spiel. Foto: Staatsgalerie

Die Staatsgalerie Stuttgart hat den berühmten Altar von Jerg Ratgeb und die Herrenberger Stiftskirche wieder vereint – zumindest virtuell.

Stuttgart - Für einen Künstler ist es eine bittere Bilanz. Da arbeitet man Monate, gar Jahre an einem künstlerischen Großprojekt, stellt es der Öffentlichkeit schließlich vor – doch schon bald verschwindet das Werk im Nirgendwo. Jerg Ratgeb kamen die ganz großen Ereignisse der Geschichte in die Quere. Vor genau 500 Jahren schuf er seinen Altar für die katholische Stiftskirche in Herrenberg. Keine 15 Jahre später wurde in Württemberg die Reformation eingeführt. Im Furor des reformatorischen Bildersturms wurden die Kirchen leergefegt, und Ratgebs Meisterwerk wurde kurzerhand abgebaut und eingemottet.

Seit 2013 hat der Herrenberger Altar seinen festen Platz in der Staatsgalerie Stuttgart, nachdem er in früheren Jahrhunderten die meiste Zeit irgendwo eingelagert war und die Herrenberger ihn 1890 nach Stuttgart verkauften für 5000 Mark. Nun haben die Staatsgalerie Stuttgart und die Stiftskirche in Herrenberg ein schönes Projekt initiiert und sich digital verbunden, damit Ratgebs Bilder wieder dort zu sehen sind, wofür sie gemalt wurden. In der Kirche ist der Altar derzeit digital präsent, während eine Livekamera im Gegenzug den Blick in die Herrenberger Kirche direkt in den Ausstellungsraum in der Staatsgalerie holt. Die Museumsbesucher haben den Eindruck, mitten im Chor der Kirche zu stehen zwischen dem hölzernen Gestühl. Wenn die Herrenberger Gottesdienst feiern, wird dieser live in die Staatsgalerie übertragen.

Die Staatsgalerie liefert digital Einblicke in Leben und Werk Ratgebs

Es herrschten raue Sitten im 16. Jahrhundert – und manches Gesicht auf Ratgebs Herrenberger Altar scheint mehr von seinen Zeitgenossen zu erzählen als von den Akteuren der Passionsgeschichte und dem Leben Marias, die hier dargestellt sind. Die Ordensgemeinschaft der Brüder vom gemeinsamen Leben beauftragten Jerg Ratgeb mit dem Altar, doch die expressive Malweise kam nicht sonderlich gut an. An einem interaktiven Terminal in der Staatsgalerie kann man nun viele Details des Altars studieren – etwa die Spielkarten, die Ratgeb auf einer der Tafeln wie beiläufig aus einer Tasche hat rutschen lassen. Sie gehören zu Karnöffel, einem damals beliebten Kartenspiel, das durchaus subversiv war, weil die höchste Karte die des Landsknechts ist und hier mehr Wert hat als die Karten von Kaiser und Papst. Ist es eine versteckte Botschaft des Künstlers?

Jerg Ratgeb hielt sich in seinem Leben nicht immer an die Standesregeln und war mit einer Leibeigenen des Herzogs von Württemberg verheiratet, die er freikaufen wollte, was ihm allerdings nicht gelang. Später gehörte er zu jenen Männern, die mit den Beteiligten des Bauernaufstands verhandeln sollten, er wechselte aber die Seiten und schloss sich dem Aufstand an. Deshalb hat Ratgeb zumindest nicht mehr miterleben müssen, dass man seinen Altar aus der Herrenberger Stiftskirche entfernte. 1526 wurde der talentierte Kirchenmaler wegen Hochverrats gegen den württembergischen Herzog hingerichtet. Dass man ihn vierteilte, wie immer wieder behautet wurde, ist aber nicht belegt.

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