Rettungskräfte suchen auf der Insel Hokkaido nach Verschütteten Foto: dpa

Der japanische Staat erkennt erstmals einen Todesfall durch Strahlung in Fukushima an. Nun bebt die Erde wieder.

Tokio - In Japan ist erstmals ein Todesfall in Zusammenhang mit der Reaktorkatastrophe von Fukushima bestätigt worden. Ein 41-jähriger Kraftwerksmitarbeiter sei an Lungenkrebs gestorben, der auf die erhöhte Strahlenbelastung während der Atomkatastrophe zurückzuführen sei, teilte das Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales am Donnerstag mit. Auch die Krebserkrankungen drei weiterer Arbeitern führt das Ministerium auf ihre Tätigkeit an dem Atomkraftwerk zurück.

Der Fall hat jedoch als erster anerkannter Strahlentod durch den japanischen GAU auf jeden Fall symbolische Bedeutung. Die Diskussion über die Gefahren der Kernkraft geht in Japan weiter – zumal ein Ereignis vom Donnerstag als neue Warnung aufgefasst werden kann. Ein Erdbeben der Stärke 6,7 erschütterte in den frühen Morgenstunden die Nordinsel Hokkaido. Die Behörden meldeten neun Tote und 300 Verletzte, doch über 30 Personen werden noch vermisst.

Das nahe Kernkraftwerk Tomari wurde starken Erschütterungen ausgesetzt und erlebte einen Stromausfall wie seinerzeit Fukushima-Daiichi. Doch die Reaktoren der Anlage sind seit fünf Jahren heruntergefahren: Sie haben wegen verschärfter Sicherheitsbestimmungen infolge der Katastrophe keine Betriebsgenehmigung bekommen. Gefahr bestand also keine.

Japans Regierung will Rückkehr zur Normalität

Die japanische Regierung tut sich aus mehreren Gründen schwer damit, Strahlen­tote offiziell als Opfer des ­Fukushima-Unfalls vor sieben Jahren anzuerkennen. Als Eigentümerin des verantwortlichen Stromkonzerns Tepco muss sie Entschädigungen zahlen – und noch ist unklar, wie viele Fälle noch auftreten.

Außerdem will sie der Bevölkerung ein Gefühl der Sicherheit und Ruhe vermitteln. Auf der einen Seite hat sie die Umgebung des Kraftwerks wieder zum Wohnen freigegeben, was ebenfalls Entschädigungen spart. Auf der anderen Seite will sie vor den Olympischen Spielen in Tokio 2020 ein Gefühl der Normalität verbreiten. Krebspatienten in der weiteren Region werden fast immer Zweifelsfälle bleiben – es lässt sich nur selten mit medizinischer Sicherheit ermitteln, was die Erkrankung ausgelöst hat. Die Tepco-Mitarbeiter, die nach dem schicksalhaften 11. März 2011 auf dem Gelände arbeiteten, waren jedoch eindeutig sehr hohen Belastungen ausgesetzt.

Ein schweres Erdbeben und eine meterhohe Flutwelle hatten die Reaktorgebäude zerstört. Die Verkehrsverbindungen war unterbrochen. Ganz zu Anfang mangelte es sogar an Schutzausrüstung und guten ­Gasmasken. Wasserstoffgas explodierte, Bruchstücke verbrauchter Brennelemente wurden in die Luft gewirbelt. Der Betrieb holte einen Großteil der 750 Mitarbeiter aus der Strahlenzone. Dennoch blieben einige Dutzend Männer auf dem Gelände, um das wenige zu verhindern, was noch zu verhindern war.

Seismologen fürchten weitere Beben

Die Medien nannte sie die „Fukushima Fifty“, die sich damals erheblicher Gesundheitsgefahren aussetzten. In den Tagen danach kamen Feuerwehrleute, Spezialkräfte von Firmen wie Toshiba und weitere Hilfsarbeiter aus Tokio hinzu. Zu den Zeiten der schlimmsten Freisetzung radioaktiver Stoffe arbeiteten 580 Personen auf dem Gelände – grundsätzlich freiwillig. Der damalige Premier Naoto Kann sagte damals, die Arbeiter seien Helden, „bereit zu sterben“. Der Lungenkrebspatient, der nun gestorben ist, hatte schon seit Jahren für Tepco gearbeitet. Er gehörte zu einem Team, das Strahlenmessungen vornahm.

Die Einstufung seiner Krankheit als arbeitsbedingt folgte einem bürokratischen Automatismus: Den Aufzeichnungen über die tägliche Strahlenbelastung zufolge hatte er während seines Arbeitsleben 195 Millisievert abbekommen – das meiste davon in den Tagen der Katastrophe. Die Regeln sagen, dass die Krebserkrankung eines Mitarbeiters, der in einem Fünfjahreszeitraum einer Dosis von mehr als 100 Millisievert ausgesetzt war, als Arbeitsunfall anerkannt wird. Es ist also unklar, ob der Krebs des Mannes wirklich von Fuku­shima kommt. Und noch unklarer ist, ob nicht andere Krebsfälle, die nicht ins Raster passen, in Wirklichkeit von der Katastrophe verursacht wurden.

Seismologen befürchten für die kommenden Jahre weitere schwere Erdbeben vor der Ostküste Japans, wo mehrere tektonische Platten aufeinanderstoßen. Die Regierung unter Premier Shinzo Abe denkt daher langsam um: Statt einem Neustart der Kernmeiler und einer Rückkehr in die Atomzukunft will sie lieber eine konsequente Wende zu erneuerbarer Energie mit Wasserstoff als Zwischenspeicher einleiten. Der neue nationale Versorgungsplan vom Juli 2018 sieht erstmals eine konsequente Energiewende vor. Dennoch ist dort eine Basisversorgung von einem runden Fünftel Atomkraft bis 2030 vorgesehen.

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