Am Trümmerfeld erkennt der Gutachter schon, dass es eine extreme Geschwindigkeit war. Foto: 7aktuell/Simon Adomat

Wann hat der Fahrer gebremst? Wäre ein Unfall vermeidbar gewesen? Wie schnell war der Jaguar? Mit diesen Fragen beschäftigte sich ein technischer Sachverständiger.

Stuttgart - Wohl nur durch die technisierte, unwirkliche Darstellung ist am Freitag daszu ertragen gewesen, was der technische Sachverständige im Jaguar-Prozess auf die große Leinwand im Saal 1 projizierte. Er zeigte einen Trickfilm, in dem die Unfallfahrt zu sehen war – aus Sicht des 21-jährigen Angeklagten. In wenigen Sekunden sieht man in dem Film die Gebäude rechts und links am Wagen vorbeirasen, dann für einen Sekundenbruchteil den Kleinwagen, in den der 550 PS starke Jaguar rast. Dann ist es dunkel. Auch aus der Vogelperspektive zeigt der Experte die Sekunden vor dem Crash.

Der Jaguar war gemietet, am Steuer saß der damals 20 Jahre alte Stuttgarter, der sich wegen Mordes am Landgericht verantworten muss. Er soll auf bis zu 168 Kilometer pro Stunde beschleunigt haben. Bei einem Ausweichmanöver verlor er die Kontrolle und raste in den Kleinwagen, der vom Kinoparkplatz kam. Darin starb ein junges Paar.

Der Unfall ist laut einer Einlassung des Angeklagten passiert, als er einem Linksabbieger ausweichen wollte. Der bog am Abend jenes 6. März gegenüber des Ufa-Palastes in eine Seitenstraße ein. Eine zentrale Frage, die das Gutachten beantwortet, ist die, wann der Jaguar-Fahrer den entgegen kommenden Ford sehen konnte. Das sei in der lang gezogenen Rechtskurve, welche die Rosensteinstraße macht, 105 Meter entfernt der Fall gewesen. Bei Tempo 50 hätte der Anhalteweg 28 Meter betragen. Wäre der Jaguar mit der erlaubten Höchstgeschwindigkeit unterwegs gewesen, hätte er also rechtzeitig stoppen können. Auch bei 130 bis 145 Stundenkilometern wäre er noch rechtzeitig zum Stehen gekommen.

Da der Fahrer jedoch bis drei Sekunden vor dem Unfall Vollgas gab, wäre es eng geworden. Deswegen machte der Jaguarfahrer eine Ausweichbewegung nach links. All das hat ein Steuergerät, das im Jaguar für die Airbags und die Gurtstraffer aufgezeichnet. Diese Lenkbewegung führte dazu, dass der junge Fahrer die Kontrolle verlor. Beim Aufprall habe er noch mehr als 110 Kilometer pro Stunde draufgehabt, so der Gutachter. Eine erste Bremsung habe er schon vor dem Ausweichmanöver angefangen. Diese sieht der Fachmann aber in keinem Zusammenhang mit dem entgegen kommenden Auto: „An der Stelle konnte er den Wagen noch nicht sehen“, erläuterte er.

Schon in der Nacht des Unfalls, als die Verkehrspolizei ihn hinzurief, hatte er gleich den Eindruck, dass der Unfall bei einer sehr hohen Geschwindigkeit geschehen sein muss. „Darauf deuteten die Schäden und das Trümmerfeld hin“, sagte er. Das sei sein erster Eindruck gewesen. Um zu verdeutlichen, welche großen Kräfte wirkten, zeigte er Bilder, die für die Eltern der Opfer sehr hart waren: Aufnahmen der zerstörten Autos. Der Jaguar war an der Front völlig zerstört, der Motor aus der Verankerung gerissen. Ein Knick im Dachholm sei ein Hinweis, wie stark die Kräfte waren: „Moderne Autos sind so konstruiert, dass die Kräfte bei einem Frontalunfall über die Holmen nach hinten abgeleitet werden“, erklärte der Sachverständige. Verheerend sah der Citroën aus, in dem die 22-jährige Frau und der 25-jährige Mann nach der Arbeit im Kino heimfahren wollten: Die Schnauze des Jaguars war von der Seite fast bis zur Mitte in den Wagen eingedrungen.

Das Verfahren wird am 4. November fortgesetzt. Dann soll das Plädoyer der Staatsanwaltschaft vorgetragen werden.

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