Die Hölle von Tuam: Zwei Schülerinen aus Tuam stehen vor dem Gedenkstein für die verstorbenen Kinder des St. Mary’s Mother and Baby Home in der irischen Gemeinde. Foto: AFP

Es ist ein besonders finsteres Kapitel der irischen Geschichte. In einem kirchlichen Heim für ledige Mütter starben fast 800 Kinder. Jetzt hat die Regierung in Dublin die Ausgrabung der Leichen offiziell genehmigt.

Tuam - Auf der Suche nach fast 800 Kinderleichen hat die irische Regierung systematische Ausgrabungen auf dem Grundstück eines ehemaligen Heims der katholischen Kirche genehmigt. Nonnen hatten die Mutter-Kind-Einrichtung für Unverheiratete in der westirischen Kleinstadt Tuam im County Galway von 1925 bis 1961 betrieben. Die Frauen und Kinder sollen in diesen dort wie Sklaven gehalten und viele unterernährte Babys und Kleinkinder an Krankheiten gestorben sein.

Überreste von Föten, Babys und Kleinkindern

Erste Skelette im Erdreich waren bereits vor Jahrzehnten entdeckt worden. Anwohner glaubten Berichten zufolge anfangs, dass es sich um Opfer der irischen Hungersnot im 19. Jahrhundert handelte.

Später entdeckten Experten unterirdische Kammern mit menschlichen Überresten. Es waren Föten, Babys und Kleinkinder im Alter bis zu drei Jahren. Nun soll das Grundstück systematisch abgesucht werden, wie das irische Kinderministerium am Montag in Dublin mitteilte.

Heim für „gefallene Mädchen“

Im St. Mary’s Mother and Baby Home für „gefallene Mädchen“ wurden die Frauen von den dort lebenden Nonnen gedemütigt und als Arbeitskräfte ausgebeutet. Ihre verstorbenen Kinder wurden statt auf dem kirchlichen Friedhof wie Abfall in Klärgruben, Abwasserkanälen und unterirdischen Kammern entsorgt.

Die Historikerin Catherine Corless aus Tuam hatte den Fall ins Rollen gebracht. 2012 veröffentlichte sie einen Artikel in einer Lokalzeitung, der enthüllte, dass 796 Kinder, die meisten von ihnen Babys und Kleinkinder, während der 36 Betriebsjahre im Heim gestorben waren. Aber nur für ein Kind konnte sie nachweisen, dass es beerdigt worden war.

1975 stießen zwei Kinder beim Spielen auf dem Gelände des früheren Heims auf menschliche Knochen. Ende der 1980er-Jahre fanden Arbeiter in einem ausgedienten Abwassertank des Heims ein erstes Massengrab.

Behörden und Kirche verhinderten die Aufarbeitung

Die Funde wurden von den Behörden jedoch nicht weiter verfolgt. Dies vor allem deshalb, weil der Orden der Schwestern von Bon Secours, der das Heim wie einige andere in Irland unterhielt, jede Mithilfe an der Aufklärung verweigerte. Die Begründung: Alle damaligen Schwestern seien bereits verstorben.

Tuam ist kein Einzelfall. Die Republik Irland arbeitet mit Hilfe einer Kommission landesweit die Geschichte von Heimen für ledige Mütter und deren Kinder auf. Zehntausende „gefallener Frauen“ sollen in solchen Einrichtungen untergebracht worden sein.

„Tuam ist nur die Spitze des Eisbergs“

Paul Redmond und Séan Crowe von der „Coalition of Mother and Baby Home Survivors“ („Koalition der Überlebenden der Mutter-Kind-Heime“), erklärten, der Fund in Tuam sei „nur die Spitze des Eisbergs“. Mindestens 6000 Babys und Kinder seien in neun Heimen des katholischen Pflegeordens Congregation of the Sisters of Bon Secours über Jahrzehnte umgekommen, beerdigt in „Schuhkartons und Lumpen“.

Berüchtigte Magdalenenheime

Bei dem kirchlichen Heim in Tuam handelte es sich um ein sogenanntes Magdalenenheim. Diese Einrichtungen waren „Besserungsanstalten für gefallene Mädchen“, ursprünglich gedacht für Prostituierte. Aber auch viele ledige Mütter wurden hier mit ihren Kindern festgehalten. Im 19. Jahrhundert entstanden vieler solcher kirchlichen Einrichtungen – als „Magdalen Laundries“ (Magdalenen-Wäschereien) bezeichnet – im erzkatholischen Irland.

Die ehemaligen Prostituierten und ledigen Mütter mussten dort in den Wäschereibetrieben unter sklavenähnlichen Bedingungen schuften. Bis Ende des 20. Jahrhunderts existierten auch in Deutschland solche Heime „für gefallene Mädchen“ als geschlossene Einrichtungen der Gefährdeten-Fürsorge. Meistens wurden sie wie in Iralnd von kirchlichen Trägern betrieben.

„The Magdalene Sisters“

Irland arbeitet seit 2012 mit Hilfe einer Kommission landesweit die Geschichte von kirchlichen Heimen für ledige Mütter und deren Kinder auf. Auch Filme wie „The Magdalene Sisters“ aus dem Jahr 2002, der sich kritisch mit den Magdalenen-Heime in Irland auseinandersetzt, widmen sich diesem düsteren Kapitel der irischen Geschichte.

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