Immer mehr Menschen aus der Mittelschicht nutzen die Angebote der Caritas: Caritas-Direktor Uwe Hardt sieht die Entwicklung mit Sorge Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Angebote der Caritas werden zunehmend von der Mittelschicht genutzt. Hintergrund sind die enormen Wohnkosten in Stuttgart. Caritaschef Uwe Hardt fordert mehr Engagement der Politik.

Stuttgart -

Herr Hardt, stimmt es, dass die Angebote der Caritas zunehmend von Menschen aus der Mittelschicht genutzt werden?
Ja, in den vergangenen fünf Jahren hat das dramatisch zugenommen. Eigentlich wenig verwunderlich, wenn man sich den Anstieg der Mieten und Wohnungspreise ansieht. Auch in der Schuldnerberatung und in Beratungsstellen bei der Wohnraumsuche tauchen vermehrt Menschen auf, die aus der sogenannten Mittelschicht stammen – Normalverdiener mit Beruf und Familie.
Was sind deren Sorgen?
Diese Leute können aufgrund der hohen Wohnkosten ihre Familien nicht mehr richtig versorgen. Junge Familien in Stuttgart überlegen sich inzwischen ganz genau, wie viele Kinder sie sich leisten können.
Wie geraten die Menschen in eine derart prekäre Lage?
Nehmen Sie eine Familie mit zwei Kindern und einem Nettoeinkommen von etwa 2500 Euro, um gar nicht von Alleinerziehenden und Geringverdienern zu sprechen. Dann muss sie ganz schnell die Hälfte dieser Summe oder noch mehr fürs Wohnen ausgeben. Am Ende bleibt der Familie nicht mehr Geld übrig, als würde sie Sozialhilfe beziehen. Abgesehen davon, dass sich die Familien kaum noch ein Auto oder einen Urlaub leisten können, kommt da ganz schnell das Thema Bildungsungerechtigkeit und soziale Ausgrenzung ins Spiel. Es ist dann eben nicht mehr möglich, ein Instrument zu kaufen und die Kinder regelmäßig in den Musikunterricht zu bringen. Und: Probleme wie eine schwere Krankheit oder einen Pflegefall könnten sich solche Familie erst gar nicht leisten. Eine Trennung der Eltern etwa führt direkt in die Armut.
Was ist die Konsequenz daraus?
Die Situation darf so nicht bleiben. Es geht um Gerechtigkeit. Daher muss Stuttgart als Landeshauptstadt in der Wohnungspolitik deutlich mehr tun, als das bisher der Fall war. Ich habe den Eindruck, im Rathaus will man das Problem aussitzen. Es ist schlimm zu sehen, wie wenig Stuttgart im Vergleich mit München, Hamburg oder Frankfurt für den sozialen Wohnungsbau ausgibt.
Was sind die langfristigen Folgen der hohen Wohnkosten?
Es bleibt kein Geld, um fürs Alter vorzusorgen. Es bauen sich allenfalls Schulden auf. Altersarmut ist vorprogrammiert, wenn man dann noch eine niedrige Rente bezieht. Wenn eine Familie im Monat nur wenige Hundert Euro zur freien Verfügung hat, kann sie keine private Vorsorge betreiben, was aber nötig wäre. Speziell die Frauen, die in der Zeit der Familiengründung beruflich oft zurückstecken, sind dann die Gelackmeierten. Die zu hohen Kosten für das Wohnen sind daher einer der stärksten Faktoren, der Menschen in die Altersarmut treibt.
Die Immobilienpreise und Mieten werden mit den überdurchschnittlichen Einkommen in der heimischen Industrie gerechtfertigt. Geht diese Rechnung auf?
Das ist Quatsch. Natürlich werden von einigen Firmen gute Löhne gezahlt. Aber ich bin davon überzeugt, dass sich viele Betriebe schon heute schwertun, Mitarbeiter zu finden, da die Bewerber sich in Stuttgart auch mit einem ordentlichen Gehalt keine Wohnung leisten können.
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