Joaquin Phoenix als Joker Foto: Verleih

Anarchist mit Clownsmaske: Joaquin Phoenix ist einer der charismatischsten Schauspieler Hollywoods. Jetzt spielt er den Titelhelden im Psychothriller „Joker“, der am Donnerstag bundesweit in die Kinos kommt.

Stuttgart - Ohne seine fulminante Darstellung hätte es vielleicht keinen Preis gegeben: Der 44-jährige Joaquin Phoenixhat wesentlich dazu beigetragen, dass der von Todd Phillips gedrehte „Joker“ beim Filmfest in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen hat. Phoenix spielt den mit bürgerlichem Namen Arthur Fleck heißenden Titelhelden, der kichernd Anarchie stiftet. „Selbst am letzten Drehtag entdeckte ich noch neue Seiten an meinem Joker“, sagt der Schauspieler.

Mr. Phoenix, mit Kommerzkino oder gar Superhelden haben Sie eigentlich nichts zu tun. Waren Sie erstaunt, als das Drehbuch für „Joker“ auf Ihrem Tisch landete?

Nachdem ich einen Blick hineingeworfen hatte, nein. Diese Geschichte war anders als alles, was je ins Superhelden-Genre fiel. Aber auch anders als alles, was ich je als Drama gelesen hatte. Ich fand das Buch unglaublich mutig.

Was genau ist daran mutig?

Mich hat beeindruckt, dass diese Figur nicht nur für mich als Schauspieler eine Herausforderung darstellt, sondern auch fürs Publikum. Alle Bilder vom Joker, die man womöglich im Kopf hat, müssen hier über Bord geworfen werden. Für einen Film dieser Größenordnung fand ich das ein recht komplexes Unterfangen.

Als Figur passt Joker jedenfalls gut in die Reihe gequälter Seelen, die Sie im Lauf Ihrer Karriere schon verkörpert haben . . .

Ach, gequält: das ist so ein Wort, das ich immer nur von Journalisten höre. Ich selbst habe noch keine meiner Figuren aus dieser Perspektive betrachtet. Im Gegenteil. Bei Arthur alias Joker bemühe ich mich vor allem um seine helle Seite – oder zumindest um sein Streben nach Glück, dem Wunsch, sich zugehörig zu fühlen und Wärme und Liebe zu finden.

„Ich habe in kurzer Zeit viel Gewicht verloren“

Dass er dabei scheitert, ist aber der springende Punkt. Da tun sich psychologische Abgründe auf. Wie haben Sie sich diesem Mann genähert?

Das war kein Kinderspiel. Arthurs Persönlichkeit hat viele Facetten und eben auch Abgründe, dass ich sie gar nicht so ohne weiteres definieren kann. Der körperliche Aspekt war der erste Schritt: Ich habe in kurzer Zeit viel Gewicht verloren, 26 Kilogramm – allein dadurch entsteht ein Gefühl, als verliere man den Verstand. Ich habe auch viel über politische Attentäter gelesen – wobei ich vermeiden wollte, mich auf eine genaue Definition seiner Persönlichkeit festzulegen. Dass sich ein Psychologe das ansieht und genau sagen kann, welche Diagnose auf Arthur passt, wäre das Letzte gewesen, worauf ich es angelegt hätte.

Warum ist es Ihnen so wichtig, dass Arthur so ausgemergelt und dürr ist?

Die Idee kam mir, als ich mich mit der Wirkung von Psychopharmaka auseinandersetzte, die jemand wie er sicherlich nimmt. Wer so etwas schluckt, nimmt in der Regel sehr schnell zu oder ab. Ich schlug ersteres vor, ganz eigennützig natürlich: Ich hätte nur wochenlang jede Menge Kuchen futtern müssen. Aber der Regisseur Todd Phillips fand das Ausgemergelte für den Film die bessere Lösung.

Abnehmen ist schwieriger als Zunehmen.

Wem sagen Sie das! Und vor allem hat es Auswirkungen auf die Psyche. Ich war über Monate ein fürchterlich schlecht gelaunter Mensch, der nicht nett zu seinem Umfeld war. Natürlich wusste ich, worauf ich mich einlasse, denn ich hatte so etwas Ähnliches schon mal gemacht. Außerdem hatte ich ärztliche Betreuung. Aber ein Salat und ein Apfel pro Tag haben mich am Anfang unausstehlich werden lassen.

Wann wussten Sie: jetzt habe ich ihn, jetzt weiß ich wer diese Figur ist?

Diesen Moment gab es gar nicht. Es gab nur den Moment, an dem ich merkte, dass ich den Schlüssel zu Arthur gefunden hatte. Das war, als Todd mir Kladden in die Hand drückte und mich darauf brachte, in der Figur des Arthur Tagebuch zu schreiben. Das bedeutete jedoch nicht, dass ich dadurch die Figur als Ganze verstanden hätte. Selbst am letzten Drehtag entdeckte ich neue Seiten an diesem Mann.

„Wir waren zu einer symbiotischen Einheit geworden“

Todd Phillips hat Ihre Zusammenarbeit als Partnerschaft beschrieben, die weit über das sonst Übliche hinausgeht. Würden Sie das unterschreiben?

Absolut, schon weil unsere Arbeit nie nach Drehschluss aufhörte. Wir schrieben uns auch nachts oder am Wochenende und telefonierten, weil wir neue Ideen hatten, uns die bevorstehenden Szenen beschäftigten oder die zurückliegenden nicht losließen. Irgendwann waren wir zu einer derart symbiotischen Einheit geworden, dass wir uns fast darauf verlassen konnten, dass der eine die Gedanken des anderen aufnehmen und weiterführen würde, wenn man selbst mal einen Aussetzer hatte – fast schon beängstigend, wie häufig wir die gleichen Einfälle hatten.

Während Sie sich früher sehr rar machten, ist „Joker“ Ihr vierter Film in 18 Monaten.

Den Spaß an der Schauspielerei habe ich nie verloren. Der Rhythmus war in den letzten Jahren nur ein bisschen anders als sonst. Zwei Jahre habe ich gar nicht gearbeitet – und dann landeten vier Projekte, die ich nicht ablehnen konnte, nacheinander auf meinem Tisch. Hätte ich die Kontrolle über solche Abläufe, würde ich einen Film pro Jahr drehen und dazwischen immer ausreichend Pause haben.

Warum wäre ein Film im Jahr ideal?

Zum einen habe ich keinen Bock darauf, meine Nase ständig auf der Leinwand zu sehen, da bin ich ja sicher nicht der einzige. Zum anderen ist es mir wichtig, genug Zeit für ein normales Leben zu haben. Wenn man sich ständig von einem Film in den nächsten stürzt, kann das ganz schön ungesund sein. Das habe ich oft genug bei Kollegen beobachtet.

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