Margot Käßmann hat viel Begeisterung in Wittenberg erlebt. Foto: dpa

Der 31. Oktober solle jedes Jahr ein bundesweiter Feiertag sein, fordert Margot Käßmann. Schließlich präge die Reformation bis heute die Bundesrepublik, meint die Reformationsbotschafterin. Das Jubiläum verteidigt sie gegen Kritik.

Stuttgart - Das Reformationsjubiläum habe die Gemeinsamkeit von katholischer und evangelischer Kirche gestärkt und den Glauben im säkularen Umfeld präsentiert, sagt Margot Käßmann (59). Die frühere Ratsvorsitzende der EKD weist Kritik an den Feierlichkeiten zurück und blickt gelassen ihrem kommenden Ruhestand entgegen.

Frau Käßmann, ist der 31. Oktober noch ein Festtag für Sie oder das Datum, nach dem der Stress endlich vorbei ist?
Das ist natürlich ein Festtag für mich. Ich darf morgens beim normalen Gemeindegottesdienst in der Schlosskirche in Wittenberg predigen, nachmittags folgen dann der Festgottesdienst und Empfang. Es ist ein Feiertag in ganz Deutschland, und das sollte immer so sein.
Wie begründen Sie diesen Wunsch?
Deutschland will ein innovatives Land sein. Dazu gehört aber auch, die eigenen Wurzeln zu kennen und Traditionen zu pflegen. Zudem hat der Deutsche Bundestag 2011 selbst festgehalten, dass es sich beim Reformationsjubiläum nicht um eine rein kirchliche Veranstaltung handelt, sondern dass die Reformation Bedeutung für Europa, ja für die ganze Welt hatte. Luther hat dazu beigetragen, eine gemeinsame Sprache in Deutschland und damit ein Nationalbewusstsein zu entwickeln. Die Entstehung der Berufe hängt mit Luther zusammen, der zeigte, dass das weltliche Leben genauso viel wert ist wie das Leben im Kloster, so wurde das Handwerk aufgewertet. Es entstand ein Sozialwesen, die Bildung wurde ausgebaut. Die Reformation prägt die Republik bis heute, so ist etwa der deutsche Rechtsbegriff von Gnade auf die Reformation zurückzuführen.
Die Wirtschaft wird sich kaum mit einem weiteren Feiertag anfreunden.
Bayern hat die meisten Feiertage, ist aber wirtschaftlich das erfolgreichste Bundesland. Vielleicht stärkt es die Menschen, wenn sie mehr Zeit zum Nachdenken ­haben.
Was feiern Sie am 31. Oktober?
Wir können den Abschluss eines sehr erfolgreichen Reformationsjubiläums feiern. Die EKD hat vor vielen Jahren entschieden, was das Jubiläum prägen soll: Erstens: Wir feiern nicht gegen andere, also ökumenisch und nicht antikatholisch. Das ist trotz der anfänglichen Skepsis gegenüber diesem Ansatz so gut gelungen, dass Kardinal Walter Kasper sogar geurteilt hat, 2017 sei ein Kairos, also ein herausragender Moment, ein Glücksfall für die ökumenische Bewegung. Zweitens sollte es ein internationales Fest werden. Wer Wittenberg im Sommer erlebt hat, sah Menschen aus Korea, Brasilien, Tansania, Europa und vielen anderen Ländern.
Was war für Sie die größte Überraschung als Reformationsbotschafterin?
Mich hat erstaunt, wie hoch das Interesse im säkularen Umfeld gewesen ist. Beim Deutschen Richtertag oder beim Deutschen Tag der Schmerzmedizin war ich ebenso zum Referieren geladen wie bei mehreren Wirtschaftskongressen.
Welche größte Enttäuschung mussten Sie hinnehmen?
Mich hat enttäuscht, wie schwach die „Weltausstellung Reformation“ in Wittenberg angelaufen ist. Die ersten Wochen waren schwer, weil viel weniger Besucher kamen als erwartet.
Am Ende haben die Zahlen gestimmt?
Ja, in etwa. Nach Wittenberg sind insgesamt rund 500 000 Gäste gekommen. Für die Weltausstellung wurden 294 000 Karten verkauft. Das hätten natürlich mehr sein können, aber darüber bin ich nicht enttäuscht. Es gab viele schöne Erlebnisse wie das Pfadfinderlager oder das Konfirmandencamp, zu dem 15 000 Jugendliche gekommen sind und das wir auch weiterführen werden in den nächsten Jahren. Es kam auch zu einem tollen Miteinander in der Stadt, und es wurden Diskussionen über den Glauben ausgelöst.
Was sehen Sie als größten Erfolg an?
Ich freue mich, dass wir über den christlichen Glauben sprechen konnten im sehr säkularen mitteldeutschen Umfeld. Das war ja ein Experiment, und es wurden viele Ideen entwickelt, etwa kleine spirituelle Angebote auf dem Marktplatz oder schlicht Einladungen zum Gespräch über Gott und die Welt bei Kaffee oder einem Essen. Das war auch für Menschen, die der Kirche nicht nahestehen, offenbar ein gutes Angebot. Und innerkirchlich zeigten sich viele begeistert von den vielen Ideen und Projekten, die sie zum Teil für die Arbeit in ihren Gemeinden nutzen wollen. Die Wittenberger Christen sagen, es habe ihnen gutgetan, derart öffentlich präsent zu sein.
Welche Fehler wurden beim Reformationsjubiläum gemacht?
Die einen kritisieren, es sei viel zu intellektuell ausgerichtet gewesen. Die anderen halten den Eventcharakter für zu stark. Die einen rügen die ökumenische Ausrichtung, die anderen die Konzentration auf Martin Luther. Das gehört wohl zu einem solchen Großereignis. Irgendeiner weiß es am Ende immer besser. Ich habe jedenfalls viel Begeisterung in Wittenberg erlebt. Dazu gab es rund 10 000 Veranstaltungen in Kirchengemeinden. Der Fernsehfilm über Luthers Frau Katharina von Bora hatte eine riesige Einschaltquote an einem Mittwochabend. Die mediale Aufmerksamkeit war ohnehin groß. Ich sehe keinen Grund zur Klage.
Sie haben selbst gesagt, dass in Wittenberg die Zahlen nicht ganz erreicht wurden. Das gilt auch für den Kirchentag. Hätte man die Erwartungen niedriger schrauben sollen?
Wenn Sie Gelder brauchen, Veranstaltungen organisieren, Plätze buchen wollen, dann müssen Sie Zahlen nennen, das ist ja beispielsweise auch für Sicherheitskonzepte notwendig, und gerade die wurden im Vorfeld sehr kritisch beäugt. Ich persönlich hatte keine derartigen Erwartungen. Denn etwas Vergleichbares wie dieses Jubiläum hatte es noch nie gegeben.
Bleibt am Ende ein Defizit von der Weltausstellung bei der Kirche hängen?
Das können wir noch nicht sagen, aber es kann sein. Die Schlussrechnung erfolgt im März nächsten Jahres. Sollte da wirklich ein Fehlbetrag stehen, werden wir mit den Landeskirchen darüber reden. Das wird unsere Kirche aber bewältigen können angesichts des momentan hohen Kirchensteueraufkommens.
Was antworten Sie auf die Kritik von Friedrich Schorlemmer, die Krise des Glaubens sei nicht offen thematisiert worden?
Ich verstehe nicht, dass die Kritik fünf Tage vor dem Ende der Weltausstellung kam, an der Friedrich Schorlemmer ja beteiligt war. Inhaltlich kann ich seinen Einwurf nicht nachvollziehen. Die Frage, wie wir den Glauben in säkularer Zeit, in säkularem Umfeld weitergeben können, hat uns ständig beschäftigt. Und genau das haben wir ja mit experimentellen Formaten versucht.
Es heißt oft, das Jubiläum habe die Ökumene vorangebracht, doch außer schönen Gesten gab es offiziell kaum Veränderung. So sind Evangelische weiterhin nicht regulär zur katholischen Eucharistie eingeladen.
Ich hoffe, dass die eucharistische Gastfreundschaft als nächster Schritt kommt. Und Kardinal Kasper hat das auch angekündigt. Das Jubiläum hat in jedem Fall dazu geführt, dass die beiden Kirchen die Reformation nun als gemeinsame Geschichte betrachten und nicht als Spaltungsgeschichte. Die katholische Kirche hat Luther wertgeschätzt, sie war beim Jubiläum präsent, und es hat Versöhnungsgottesdienste gegeben. So ist zwischen den Kirchen viel Vertrauen gewachsen.
Sie gehen zum 30. Juni offiziell in Ruhestand. Wie gestalten Sie den?
Ich werde viel Zeit mit meinen Enkelkindern verbringen, ein Buch schreiben über das Altwerden und ab 15. Mai keinen öffentlichen Termin im Jahr 2018 wahrnehmen – außer meinen Abschiedsgottesdienst. Ich bin sicher, dass es mir nach 35 Dienstjahren nicht langweilig wird.
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