Demnächst geht er als Theaterchef nach Berlin, aber noch führen ihn seine Wege durch die Katakomben des Stuttgarter Schauspielhauses: Klaus Dörr Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Am Wochenende findet in Berlin ein Kongress zur Zukunft der legendären Castorf-Bühne statt. Mit dabei: Klaus Dörr, der künftige Chef des Theaters am Rosa-Luxemburg-Platz, der derzeit noch als stellvertretender Intendant das Stuttgarter Schauspiel leitet.

Stuttgart - Nicht viele Theater werden zu Kultstätten. Die Berliner Volksbühne hat es unter Frank Castorf geschafft und wurde weltberühmt – bis sein Nachfolger Chris Dercon binnen weniger Monate alles zerstörte, was in den fünfundzwanzig Jahren zuvor aufgebaut worden war. Dercon trat im April zurück, sein Nachfolger wird der vom Stuttgarter Schauspiel kommende Klaus Dörr. „Ich werde das Castorf-Theater nicht klonen“, sagt der neue Chef im Vorfeld des großen Kongresses, der sich am Wochenende mit der Zukunft des Kulttheaters befasst.

Herr Dörr, wie sehen Ihre Pläne für die Volksbühne aus?
Seit Anfang Juni weiß ich, dass ich als Intendant das Programm für die nächsten beiden Spielzeiten bis Sommer 2020 verantworten werde. Parallel dazu gibt es einen Beteiligungsprozess, der am Wochenende mit dem Kongress in der Akademie der Künste beginnt. Dazu sind Gruppen und Einzelpersonen eingeladen, um ihre Positionen darzustellen, auch ich als kommisarischer Volksbühnenintendant.
Der Kongress trägt im Titel ein Warnschild vor sich her: „Vorsicht Volksbühne! Das Theater, die Stadt und das Publikum.“
Dass ich eine schwierige Aufgabe übernommen habe, ist mir klar. Wir müssen das Theater zunächst wieder auf Kurs bringen, um überhaupt sinnvoll über die Zukunft nachdenken zu können. Über das Schicksal entscheidet letztendlich der Berliner Kultursenator, der einen neuen Intendanten oder Intendantin finden muss. Ich schätze, dass der Findungsprozess bis Ende des Jahres abgeschlossen ist.
Dass Sie über das Interim hinaus Intendant bleiben, ist das ausgeschlossen?
Diese Frage stellt sich nicht. Ich vermute, dass wie im Fall Castorf wieder ein Künstler das Theater übernehmen wird, vielleicht auch mehrere in einem paritätischen Modell. Darin als Moderator und Koordinator zu fungieren, als Figur im Hintergrund, könnte ich mir dagegen vorstellen.
Wäre das nicht das Stuttgarter Modell?
Nein, das lässt sich nicht auf die Volksbühne übertragen. In Stuttgart arbeiten die drei Sparten Schauspiel, Oper und Ballett unabhängig voneinander. Die zur Verfügung stehenden Ressourcen sind, moderiert vom Geschäftsführenden Intendanten Marc-Oliver Hendricks, klar zugeteilt. In einem Einsparten-Haus wie der Volksbühne indes würde sofort ein Konkurrenzkampf entstehen. Aber das sind Fragen, die auf dem Kongress sicher erörtert werden.
Unterdessen planen Sie Ihre Spielzeiten.
Ja. Zunächst startet die Volksbühne aber mit Projekten, die noch Chris Dercon und seine Programmdirektorin Marietta Piekenbrock verabredet haben. Dass ich gegenüber Künstlern nicht vertragsbrüchig werde, habe ich von Anfang an betont. Zunächst gibt es im Rahmen des Festivals „Tanz im August“ Produktionen und danach eine Uraufführung von Anne Teresa De Keersmaeker. Anfang November werde ich fürs Programm verantwortlich sein.
Wie sieht es aus?
Wir werden zwei Arbeiten aus Theatern übernehmen, an denen die Intendanzen enden: „Volksverräter!!“ aus Bochum sowie aus Stuttgart das „Das 1. Evangelium“ von Kay Voges. Eine erste Eigenproduktion folgt im Dezember, der Regisseur steht fest: Leander Hausmann. Bis Ende Januar kommen eine Neuproduktion von Susanne Kennedy und Gastspiele, unter anderem Heiner Müllers „Der Auftrag“ aus Hannover mit Corinna Harfouch und „Unterwerfung“ mit Edgar Selge, hinzu. Bis Spielzeitende möchten wir dann noch drei, vier Neuproduktionen herausbringen. Und in der folgenden Saison: vor allem Eigenproduktionen mit starken, widerständigen Stoffen in der Tradition der Volksbühne.
b>„Die Volksbühne sollte ihre Wurzeln nicht kappen“
Warum übernehmen Sie nicht den Stuttgarter „König Lear“ von Claus Peymann, der in Berlin ja kein Unbekannter ist. Gönnen Sie ihm die Heimkehr nicht?
Das hat nichts mit Gönnen und Heimkehr, sondern mit den Traditionen und Ästhetiken der Volksbühne zu tun.
Sind diese Traditionen denn unantastbar?
Berlin hat neben der Volksbühne noch vier weitere große Theater: das Deutsche Theater, das Maxim-Gorki-Theater, das Berliner Ensemble und die Schaubühne. Jedes dieser Häuser hat ein anderes Profil und steht für eine andere Ästhetik. Um nicht beliebig zu werden, sollte auch die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, die anders als das Stuttgarter Schauspiel nicht alle Bedürfnisse abdecken muss, ihre Wurzeln nicht kappen.
Wenn ich das recht sehen, machen Sie aus der Volksbühne wieder ein Ensemble- und Repertoiretheater.
Das ist der Wille aller Beteiligten, auch meiner. Wir bauen das Haus zurück, das von Anfang an strukturell und personell auf Ensemble und Repertoire angelegt war. Diese Strukturen wurden bei der Berufung von Dercon nicht beachtet. Aber der Rückbau bedeutet kein künstlerisches Rollback.
Also gibt es bei Ihnen auch kein geklontes Castorf-Theater mit Castorf himself, mit Pollesch, Martin Wuttke, Sophie Rois?
Kein Klon, nein. Abgesehen davon, dass die meisten Künstler mittlerweile in anderen Engagements sind, planen wir mit einer mindestens zwanzig Jahre jüngeren Regiegeneration. Sie kämpft nicht mit dem Schatten des Übervaters.
Spielt Armin Petras, der mit Ihnen Stuttgart verlässt, in Ihren Überlegungen eine Rolle?
Er spielt keine Rolle, da er als Regisseur und Autor für die nächsten drei Jahre andere Pläne hat.
Zurück zum Kongress am Wochenende: Daran nehmen auch die Aktivisten von Staub zu Glitzer teil, welche die Volksbühne im September besetzt haben, um gegen die Gentrifizierung in Berlin-Mitte zu protestieren.
Wir haben den Aktivisten gesagt, dass wir eine erneute Besetzung nicht tolerieren werden. Es wird keine Selbstermächtigungen geben. Ich sehe auch keine Möglichkeit, mit ihnen zu kooperieren. Im Übrigen: der Vorwurf, Chris Dercon habe die Gentrifizierung weiter vorantreiben wollen, ist absurd. Berlin-Mitte und der Prenzlauer Berg sind längst gentrifiziert. Mit den Künstlern kamen die Kneipen, die Attraktivität der Bezirke nahm zu: normale urbane Prozesse zur Aufwertung von Quartieren, weltweit. Im Grunde ist das erfreulich. Das Problem ist nur, dass damit auch der Wohnraum teurer wird. Aber das könnte die Politik verhindern.
Mit einer Mietpreisbremse?
Richtig.
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