Ralf Vendel und einige der gefährlichen Fundstücke. Foto: factum/Granville

Der Kampfmittelbeseitigungsdienst liegt idyllisch im Wald, der Leiter Ralf Vendel hat – wie seine Kollegen – sein Büro in einer Holzbaracke aus den 50er Jahren. Hier erzählt er von seiner Arbeit.

Herr Vendel, mögen Sie den Nervenkitzel? Oder was hat Sie dazu bewogen, Feuerwerker zu werden?
Als ich anfing, hat der Nervenkitzel vielleicht eine Rolle gespielt. Ich war jung. Und ich dachte: Kampfmittelräumen, das macht nicht jeder, das ist interessant. Zudem hat mein Onkel hier beim Kampfmittelbeseitigungsdienst gearbeitet. Ich habe mich also beworben – und bin genommen worden. Wir sind damals jeden Tag woanders gewesen, haben Munition gesucht und aus dem Boden geholt – es war eine schöne Zeit. Heute, als Leiter, habe ich andere Aufgaben.
Sie sagen, es war damals eine schöne Zeit – obwohl Sie sich jeden Tag in Lebensgefahr begeben haben. Wie geht man damit um?
Man darf nicht dran denken, sondern muss sich auf den Fund konzentrieren: Was ist das für eine Munitionsart, wie funktioniert der Zünder. Jeder hier ist sich bewusst, dass wir einen gefährlichen Job haben.
Den man macht, damit die Welt sicherer wird?
Richtig. Das hat ein Kollege von mir mal gesagt: Er finde es klasse, dass er die Welt ein kleines bisschen sicherer macht. Das sehen wir wahrscheinlich alle so.
Haben Sie trotzdem manchmal Angst?
Man sollte keine Angst, man sollte Respekt haben. Wer Angst hat, macht Fehler. Aber wer keinen Respekt hat, der wird leichtsinnig. Und macht dann auch Fehler.
Was war die brenzligste Situation in Ihrer ­beruflichen Laufbahn?
Da gab es einige. Vor zig Jahren hat jemand im Wald eine amerikanische Handgranate gefunden, bei der der Sicherungsbügel weg, aber das Schlagstück noch gespannt war. Das geht eigentlich gar nicht, da der Schlagbolzen durch den Bügel festgehalten wird.
Und dann?
Ich habe mir die Granate angeschaut und festgestellt, dass ein Sandkorn zwischen dem Schlagstück und der Aufnahme klemmte. Da habe ich sofort den Daumen aufs Anzündhütchen gelegt – und in dem Moment, in dem ich die Granate hochnahm, hat der Schlagbolzen auf meinen Daumennagel geschlagen. Das habe ich gleich gespürt: Die Zündnadel ist sehr spitz.
Was wäre ansonsten passiert?
Dann würde ich heute wahrscheinlich nicht mehr hier sitzen. Ich hätte nämlich nur noch drei bis sieben Sekunden Zeit gehabt, dann wäre die Granate explodiert. Das Problem war dann, dass ich sie nirgends hinwerfen konnte, denn das war in der Nähe eines Schullandheims. Aber das Problem haben wir gelöst: Wir haben sie entschärft.
Haben Sie auch schon darüber nachgedacht aufzuhören?
Die drei Feuerwerker, die 2010 in Göttingen ums Leben kamen, von denen habe ich zwei gut gekannt. Die Bombe ist damals bei der Entschärfung hochgegangen. Da überlegt man sich schon: Was machst du eigentlich? Auch meine Frau hat, als sie mich kennenlernte, natürlich lange gezögert, ob sie mich trotz meines Berufs nimmt.
Warum tragen Sie bei einem Einsatz keine Schutzkleidung?
Wenn solch eine Bombe hochgeht, bringt Schutzkleidung sowieso nichts.
Was sind die gefährlichsten Bomben?
Die gefährlichsten Bomben sind die, die mit einem Langzeitzünder bestückt sind. Diese Bomben wurden im Zweiten Weltkrieg bei Luftangriffen abgeworfen, sie hatten die Aufgabe, in den Boden einzudringen und dort zu schlummern. Sie haben eine Laufzeit von einer halben Stunde bis 144 Stunden gehabt. Nach dem Luftangriff sind die Leute aus ihren Verstecken und Bunkern gekommen, haben Verletzte geborgen, Feuer gelöscht und aufgeräumt – und dann sind in der Stadt immer wieder diese Bomben hochgegangen. Auch Tage später eben.
Oder 70 Jahre später . . .
Wenn wir heute, 70 Jahre nach dem Krieg, eine Bombe finden, die mit solch einem Zünder bestückt ist, und die ist noch nicht hochgegangen, dann haben wir ein Problem. Dann müssen wir die Zünder mit Fernentschärfungsgeräten ausbauen. Das hört sich immer toll an – man denkt, der Feuerwerker ist ja nicht an der Bombe dran.
Aber?
Das ist ein Irrtum. Wir brauchen mindestens eine Stunde, um das Fernentschärfungsgerät an der Bombe anzubringen. Und wenn die Bombe schon bewegt wurde oder einen Schlag abbekommen hat, dann laufen die Sicherungselemente im Zünder an. Meist sind wir erst einige Zeit später vor Ort – in dieser Zeit drückt die vorgespannte Zündnadel, die seit 70 Jahren auf das Anzündhütchen schlagen will – sie drückt, drückt und drückt. Die Bombe kann jederzeit hochgehen, auch während wir an ihr arbeiten.
Die Idee der Langzeitzünder ist perfide. Zweifeln Sie nicht manchmal an der Menschheit?
Heutzutage gibt es gelenkte Bomben, Bomben, die denken können – der Mensch kann nichts besser, als Munition herzustellen, ja, er ist geradezu ein Genie in der Herstellung von Munition. Schließlich ist damit das meiste Geld zu verdienen. Wir brauchen derzeit nur auf die Weltpolitik zu schauen.
Ist bei S21 ein zweites Frankfurt zu erwarten?
Wir haben bei S21 schon einige Bomben gefunden – und es könnte natürlich jederzeit wieder was zutage kommen. Schließlich sprechen wir von Stuttgart: Stuttgart wurde 80 Mal von Bombern überflogen. Es kann dort noch Munition liegen.
Was für eine Ausbildung hat ein Feuerwerker?
Man kann eine zugelassene Schule besuchen und dort die Ausbildung machen – die dauert neun Wochen.
Nur?
Hmm. Ja. Damit sind Sie berechtigt, bei einem privaten Räumdienst Bomben zu suchen und zu bergen. Wenn Sie zum staatlichen Räumdienst in Baden-Württemberg kommen, geht bei uns die Ausbildung weiter. Sie sind bei allen Bombenentschärfungen dabei, werden geschult – und können nach einem bis eineinhalb Jahren selbstständig Bomben entschärfen.
Was soll ich tun, wenn ich eine Bombe finde?
Wenn Leute Munition finden, sollen sie sie liegen lassen. Denn dort, wo sie sie hintragen, ist meist der schlechtere Ort.
Gibt es denn Leute, die sie spazieren tragen?
Ja. Wenn Leute in ihrem Garten Munition finden, bringen sie die gerne raus auf den Gehweg. Oder Geocacher, die Munition mitten im Wald finden, die dort seit 70 Jahren ­sicher liegt, tragen die Granate auch schon mal zu einer viel befahrenen Straße – und ­rufen dann die Polizei.
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