Auf der Terrasse des neuen Forschungszentrums in Renningen: Bosch-Personalchef Christoph Kübel (re.) im Gespräch mit Redakteur Klaus Köster Foto: factum/Weise

Im Oktober wird Bosch das neue Forschungszentrum in Renningen eröffnen. Personalchef Christoph Kübel setzt auf vernetzte Mitarbeiter – und auf Führungskräfte, die bei neuen Formen der Zusammenarbeit vorangehen.

Stuttgart - Herr Kübel, Bosch zieht gerade mit 1700 Mitarbeitern in das neue Forschungszentrum in Renningen, um ganz neue Formen der Zusammenarbeit zu ermöglichen. Was wird in Renningen anders sein als an den bisherigen Standorten?
In Renningen arbeiten wir an Lösungen für die vernetzte Welt von morgen. Aus Ideen sollen Innovationen für die übernächsten Produktgenerationen entstehen. Dazu brauchen wir einen intensiven Austausch von Forschern und Entwicklern aller Fachrichtungen. Bisher war die Forschung und Vorausentwicklung auf mehrere Standorte verteilt, und wenn man sich treffen wollte, musste man etwa zwischen Schwieberdingen, Waiblingen und der Schillerhöhe in Gerlingen hin und her fahren. Das musste geplant werden und dauerte seine Zeit. In Renningen bringen wir die verschiedenen Fachrichtungen auf einem Campus mit zwölf Gebäuden zusammen. Dadurch haben wir dort sehr kurze Wege.
Was erwarten Sie sich davon?
Der Campus ist Ausdruck unserer Arbeitskultur, die optimale Rahmenbedingungen für Kreativität schafft und Impulse für unsere Innovationskraft liefert. Die Architektur und Arbeitsplätze sind so gestaltet, dass sich die Mitarbeiter aus den verschiedenen Fachrichtungen dort intensiv austauschen und gegenseitig voranbringen können. Auf dem Campus gibt es überall Möglichkeiten, sich zu treffen – auch ganz spontan in Lounge-Zonen oder etwa zum Fußball in der Sporthalle. Wir können sehr flexibel Teams aus Forschern und Experten eines Geschäftsbereichs bilden, die sich zeitweise eine bestimmte Aufgabe vornehmen.
Wird dadurch die Forschung an den bisherigen Standorten überflüssig?
Nein – in Renningen wird die Forschung für die übernächste Produktgeneration geleistet, an den Standorten werden diese Ergebnisse weiterhin genutzt, um neue Produkte zu entwickeln.
Bosch verändert die Zusammenarbeit nicht nur durch den Umzug nach Renningen, sondern auch durch eine neue Arbeitsorganisation. So dürfen Mitarbeiter heute frei entscheiden, wann und von wo aus sie arbeiten.
Dieser Freiraum fördert die Zufriedenheit und Kreativität unserer Mitarbeiter, aber auch eine bessere Balance von Beruf und Privatleben. Bosch ist auf dem Weg zu einer Arbeitskultur, bei der nicht mehr über Anwesenheit geführt wird, sondern viel stärker über Ergebnisse.
Leiden diese Ergebnisse nicht, wenn ein Teil der Mitarbeiter nur noch über den heimischen Rechner zugeschaltet ist?
Wir erleben etwas anderes. Und zwar, dass Mitarbeiter diese Möglichkeit pro Woche etwa einen halben bis ganzen Tag nutzen, um zum Beispiel Berichte zu schreiben, für die sie Ruhe brauchen. Den Rest der Woche nutzen sie, um am Arbeitsplatz tätig zu sein, persönliche Kontakte zu pflegen oder Kundentermine wahrzunehmen. Für Arbeiten im Labor oder in der Fertigung ist die Anwesenheit aufgabenbedingt mehr oder weniger auch notwendig.
Viele Chefs bei Bosch sind doch in einer ganz anderen Kultur aufgewachsen. Wollen die nicht lieber ihre Schäfchen um sich scharen?
Das ist schon eine Umstellung, und man kann die Menschen natürlich nicht einfach umpolen. Deshalb haben wir vor drei Jahren begonnen, die Führungskräfte für dieses Thema zu sensibilisieren und ihnen angeboten, solche Modelle für sich selbst auszuprobieren. Heute haben weltweit bereits mehr als 1000 Führungskräfte an dem Programm teilgenommen, das vorsieht, mindestens drei Monate lang mindestens einen halben Tag pro Woche von zu Hause, von unterwegs oder von sonst wo zu arbeiten. Wer das als Führungskraft selbst praktiziert, ist auch offen, wenn dies auch Mitarbeiter wünschen. Sie sind zugleich auch Rollenvorbilder, die Mitarbeiter und andere Vorgesetzte ermutigen, diese Möglichkeiten ebenfalls zu nutzen.
Wenn ich als Mitarbeiter eine Arbeit überallhin mitnehmen kann, bedeutet dies aber zugleich, dass meine Arbeit überall präsent ist. Besteht nicht das Risiko, dass manche Mitarbeiter kaum noch abschalten können?
Es ist nicht das Ziel, dass das Leben nur noch aus Arbeit besteht – das Ziel ist vielmehr, den Mitarbeitern mehr Möglichkeiten zu geben, Arbeit und Privatleben besser miteinander zu vereinbaren. Deshalb zählt die Arbeitszeit zu Hause genauso wie die im Büro – wir haben das Vertrauen, dass die Mitarbeiter ihre Arbeitszeit auch dort erfassen und ehrlich zu sich selbst sind. Zudem gelten die gesetzlichen Arbeitszeitregelungen unverändert. Unsere Erfahrung ist, dass das Modell nicht zur Selbstausbeutung führt, sondern mehr Selbstbestimmung bringt.
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