Wenn der Magen schmerzt, ist meist das Bakterium Helicobacter pylori der Übeltäter. Foto: Fotolia

Die meisten, die den Magenkeim Helicobacter pylori in sich tragen, spüren nichts davon. Dennoch rät der Mediziner Peter Malfertheiner zur Behandlung mit einem Antibiotika-Mix.

Stuttgart – - Herr Malfertheiner, man weiß mittlerweile, dass das Bakterium Helicobacter pylori Folsäure synthetisiert. Außerdem nehmen Allergien, Asthma und Zöliakie zu, seit Mediziner es mit Antibiotika bekämpfen. Könnte es sein, dass es gesünder ist, den Magenkeim im Menschen leben zu lassen?
Es gibt epidemiologische Studien, in denen es so aussieht, als ob Kinder, die mit Helicobacter pylori infiziert sind, weniger häufig Allergien und Asthma entwickeln. Allerdings haben wir gerade mit einem internationalen Konsortium von Wissenschaftlern alle Studien untersucht, und es ist keinesfalls erwiesen, dass die Infektion diesen positiven Effekt hat. Und selbst wenn die Helicobacter-pylori-Infektion für den Jugendlichen einen positiven Effekt hätte – beim Erwachsenen sieht das ganz anders aus.
Nämlich wie?
Jeder Erwachsene, bei dem Helicobacter nachgewiesen wird, hat eine chronische Magenschleimhautentzündung. Es ist eindeutig erwiesen, dass diese die Hauptursache des Magengeschwürs ist – dafür gab’s 2005 den Nobelpreis. Das Risiko für ein Magenkarzinom erhöht sich mit Helicobacter um das 20-Fache. Das sind die sicheren Fakten.
Aber nicht jeder, bei dem Helicobacter nachgewiesen wird, hat Symptome?
Etwa 30 Prozent der Erwachsenen sind in Deutschland infiziert. Es gibt allerdings große regionale Unterschiede. 80 Prozent der Infizierten haben keine Symptome. Trotzdem haben diese Menschen eine Infektionskrankheit – die Bakterien besiedeln die Magenschleimhaut und lösen eine chronische Entzündung aus. Warum manche Menschen Symptome haben, andere nicht, ist nicht bekannt. Aber wenn man Helicobacter bei einem 40-Jährigen feststellt, dann weiß man nicht, ob derjenige mit 65 eine Komplikation bekommen wird. Die Folgen der Infektion kommen spät im Leben.
Menschen, bei denen eine Infektion nachgewiesen ist, sollten sich in jedem Fall behandeln lassen?
Ich empfehle das. In der Behandlung gibt es nach den neuen Leitlinien eine Änderung. Früher haben wir einen Säurehemmer und zwei Antibiotika gegeben. Aber gegen das eine, Clarithromycin, gab es zunehmend Resistenzen, deshalb ist der neue Standard in Regionen mit Clarithromycin-Resistenz die Quadruple-Therapie. Das bedeutet: Zusätzlich zu dem Säurehemmer, der unverändert verabreicht wird, geben wir das Element Wismut sowie zwei Antibiotika, die heute kaum noch zur Bekämpfung anderer Infektionen benutzt werden und gegen die es deshalb kaum Resistenzen gibt: Tetracyclin und Metrodinazol. Diese neue Therapie hat eine Erfolgsrate von 90 Prozent.
Sollte man angesichts vieler Menschen, die ohne Symptome mit Helicobacter pylori infiziert sind, die ganze Bevölkerung screenen?
Das ist in den neuen Leitlinien nicht vorgesehen. Aber wenn Sie zu einer Risikogruppe zählen, dann ist es sinnvoll, sich testen zu lassen. Wer zum Beispiel regelmäßig Schmerzmittel wie Aspirin oder Diclofenac schluckt, hat, falls er zusätzlich mit Helicobacter infiziert ist, eine vier- bis sechsfach höhere Wahrscheinlichkeit, an einem Magengeschwür zu erkranken und eine Blutung zu erleiden, als mit einem gesunden Magen. Auch Menschen, bei denen Verwandte ersten Grades ein Magengeschwür oder -karzinom hatten, sollten sich auf Helicobacter testen lassen. Der Atem- oder Stuhltest ist völlig ausreichend und mit 95 Prozent Treffsicherheit genauso gut wie eine Gastroskopie mit Biopsie.
Aber es gibt doch auch eine Gastritis ohne Helicobacter.
Kaum. Man spricht vom Abc der Gastritis – sehr wenige Menschen haben A, eine autoimmune Gastritis. 90 Prozent der Magenschleimhautentzündungen werden durch B, Bakterien, also Helicobacter pylori, verursacht. Dann gibt es noch C, die chemische Gastritis durch Aspirin oder Medikamente gegen Rheuma oder zu starken Gallereflux in den Magen. Alles andere kann man vergessen. Wenn der Pathologe in der Biopsie mehr Lymphozyten findet als im Durchschnitt, dann diagnostiziert er eine „milde, Helicobacter-pylori-negative, inaktive Gastritis“. Aber ein Patient mit dieser Diagnose kann sicher sein, dass daraus keine ernsthafte Erkrankung wird.
Wie infiziert man sich mit Helicobacter?
In unseren Breitengraden wird die Infektion meistens von der Mutter aufs Kind übertragen – durch oral-oralen Kontakt. Aus dem Magen können Keime in den Mund gelangen. Wenn infizierte Mütter dem Kind die Speisen vorkauen oder mit dem gleichen Löffel probieren, mit dem sie füttern, infizieren sie ihre Kinder. Das fällt nicht weiter auf, denn Kleinkinder haben ohnehin oft Blähungen und Erbrechen, was auch die Symptome einer Helicobacter-Erstinfektion sind. In unterentwickelten Ländern wurde der Keim auch in Wasserquellen nachgewiesen. Helicobacter nimmt dann eine Form an, die ihm kurzzeitig das Überleben außerhalb des menschlichen Körpers ermöglicht. Wegen mangelnder Hygiene beträgt die Durchseuchung in den Entwicklungsländern zum Teil 70, 80 Prozent. Aber bei uns ist die einzige Infektionsquelle der menschliche Magen.
Kann man sich durch Küssen anstecken?
Die Wahrscheinlichkeit, sich als Erwachsener noch mal anzustecken, ist minimal – selbst, wenn der Partner positiv ist, dazu sind die übertragenen Mengen viel zu ­gering.
Aber dass eine Mutter ihrem Kind so viel mehr Speichel einflößt, als zwei Menschen beim Küssen austauschen, erscheint auch schwer vorstellbar.
Wir wissen nicht, wie viele Bakterien es beim Kind für eine Infektion braucht, vielleicht bedeutend weniger als beim Erwachsenen.
Würden Sie versuchen, ein Kind so aufzuziehen, dass es vor einer Helicobacter-pylori-Infektion geschützt ist, also nicht mit dem gleichen Löffel essen und Ähnliches?
Nein, die Kinder müssen in ihrem normalen Umfeld und in engem Kontakt zur Mutter aufwachsen. Die Eltern können den Löffel ohne Bedenken ablecken. In der Kindheit macht die Infektion nichts. Im Erwachsenenalter muss man sie ­be­handeln.
Kinder behandelt man gar nicht?
Es ist paradoxerweise genau umgekehrt wie beim Erwachsenen. Die Kinderärzte sagen: Magenspiegelung machen und nur dann therapieren, falls dort ein Geschwür gefunden wird. Weil man heute der Meinung ist: Bloß keine Antibiotika geben, während sich die Darmflora der Kinder ausbildet.
Besteht nicht auch bei Erwachsenen die Gefahr, dass durch die Antibiotikagabe die gesunde Darmflora zerstört wird?
Die gibt es bei jeder Antibiotikatherapie. Bei der Triple-Therapie hat man solche Effekte, also Durchfälle, im Durchschnitt bei 15 Prozent, bei der neuen Quadruple-Therapie seltener. Aber es ist ja eine kurzfristige Nebenwirkung. Einen langfristigen Effekt hat eine zehntägige Antibiotikagabe selten, die Darmflora ist sehr stabil.
Schon der Steinzeitmensch Ötzi trug Helicobacter in sich – vielleicht ein Hinweis, dass das Bakterium doch nützlich sein könnte?

Die Menschen sind zu Ötzis Lebzeiten nicht alt geworden. Ich durfte bei ihm die Magenspiegelung vornehmen, und mit der Biopsie haben wir in seinem Magen neben dem genetischen Material von Helicobacter pylori auch Entzündungsproteine nachweisen können. Dies findet man auch bei Menschen, die heute mit Helicobacter infiziert sind. Der Ötzi mag damals, in seinen Vierzigern, noch nichts von der Infektion gemerkt haben, aber vielleicht hatte er Magenschmerzen – wer weiß. Und mit 65 hätte Ötzi vielleicht ein Karzinom bekommen.

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