2015 war es „Die Akte Oppenheimer“, in diesem Jahr geht das Ludwigsburger Bürgertheater in die Kirchen. Foto: factum/Granville

Mit dem Stück „Urban Prayers“ sucht das Ludwigsburger Bürgertheater den interreligiösen Dialog – und geht dazu auch in Moscheen und Kirchen.

Ludwigsburg - Zumindest im Westen hatten sie viele schon totgesagt, im neuen Jahrhundert aber ist die Religion weltweit wieder auf dem Vormarsch. In ihrem Namen wird gestritten, gekämpft, getötet. Die Veranstalter des Ludwigsburger Bürgertheaters haben das 2016 zum Ausgangspunkt eines neuen Projekts gemacht. „Urban Prayer“ – so der Name eines Stückes von Björn Bicker – wurde zum Arbeitstitel, und es wird nun auch der Name des Stückes sein, das an sieben Abenden an verschiedenen Orten aufgeführt wird.

Aramäische Lieder und Sufitänze

Der Ursprungstext sei stark geschrumpft, sagt der Regisseur Axel Brauch. Die Beiträge der am Projekt beteiligten Religionsgemeinschaften sind dagegen gewachsen. Beteiligt sind neben christlichen Gemeinden die Alevitische Gemeinde sowie die Ditib-Moschee. „Da es keine jüdische Gemeinde in Ludwigsburg gibt, wird an einem Abend der jüdische Chor Trimum auftreten“, sagt Brauch. Außerdem werden auch aramäische Gesänge orthodoxer Christen zu hören sein, an deren Gotteshaus in Bietigheim-Bissingen noch gebaut wird.

Die Kontakte zu den Religionen hat der ehemalige Citypfarrer Georg Schützler hergestellt. Doch angesichts der kontroversen Reden über und von Religion, die in Bickers Text angelegt sind, blieben viele Gemeinden – auch christliche – skeptisch und sagten eine Teilnahme ab. Vieles davon geht auf Interviews mit Gläubigen verschiedener Konfessionen zurück. Die Kirchen, die nun teilnehmen werden, haben bereits vor den Sommerferien mit den Proben für ihre Aufführungen begonnen: Die Aleviten werden zum Beispiel singen, während in der Moschee eine Kindergruppe Sufitänze aufführen will.

Eine Art Tourneetheater durch die Kirchen

Das Ludwigsburger „Urban-Prayer“-Projekt ist eine Art Tourneetheater durch die Kirchen – von Samstag, 21. Oktober, bis zum Samstag, 4. November. Nur am Anfang und am Ende wird das Ensemble, zu dem professionelle Performancekünstler gehören, in der Reithalle der Karlskaserne auftreten. Dazwischen heißen die Stationen Erlöserkirche, Kirche St. Johann, Ditib-Moschee und Alevitische Gemeinde.

Für die vier Schauspieler und Tänzer haben die Proben erst in dieser Woche angefangen. Es sind Cecilia Hafiz, Alexandra Mahnke, Yahi Nestor Gahe und Corbinian Deller. „Wir haben lange darüber diskutiert, welche Kostüme die Sprecher tragen sollen“, sagt Brauch. „Aber am Ende haben wir entschieden, dass wir auf religiöse Symbole ganz verzichten werden. Es wird keine Schleier geben und keine Gebetsperlen.“

In Bezug auf die Religion ist den zwei Frauen und den zwei Männern im Ensemble nur gemein, dass sie offen für spirituelle Erfahrungen sind. Während etwa der von der Elfenbeinküste stammende und seit 2009 in Stuttgart lebende Nestor Gahe bekennt, dass er sich im Lauf seines Lebens vom Katholiken zum Muslim und zum Buddhisten gewandelt hat, um nun Atheist zu sein, erklärt Cecilia Hafiz, die ägyptische und jüdische Wurzeln hat, dass es sie in Schweigeklöster in Thailand gezogen hat.

Respekt vor dem anderen

„Wir möchten nicht, dass die Texte wie erhobene Zeigefinger rüberkommen“, sagt Alexandra Mahnke, die schon an mehreren Projekten der Tanz- und Theaterwerkstatt beteiligt war: „Ich hoffe, dass alle mitkriegen, dass wir nur mit Respekt vor dem jeweils anderen weiterkommen.“ Corbinian Deller möchte Räume öffnen. Er kritisiert, dass sich die Menschen heute mehr als in jüngerer Vergangenheit durch Milieus, Klassen, ein bestimmtes Umfeld und eben die Religion voneinander abgrenzten.

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