Ohne den Humus des Lebens würde keine Pflanzen gedeihen, würden weder Tier noch Mensch Nahrung finden, wäre kein Leben möglich. Foto: dpa

Durch Raubbau, Versiegelung und Verschmutzung wird unser kostbarstes Gut immer knapper. Der Weltbodentag bringt die Bedeutung der natürlichen Ressource Boden in Erinnerung.

Stuttgart - Er ist unter uns, unter den Feldern, die uns Nahrung schenken, unter dem Gras, auf dem wir laufen, unter den Bäumen, die unsere Atemluft filtern. Er scheint unerschöpflich und seit Urzeiten vorhanden. Die Rede ist vom Boden. Seit der Tagung der Internationalen Bodenkundlichen Union (IUSS) am 5. Dezember 2002 in Bangkok ist dieses Datum als jährlicher Weltbodentag vorgesehen.

2015 hatten die Vereinten Nationen zum Internationalen Jahr des Bodens erklärt. Aus Sorge um den bedenklichen Zustand der dünnen Schutzhülle und verletzlichen Haut der Erde. Der Mensch tritt den Boden mit Füßen, behandelt ihn wie Dreck, missbraucht ihn als Mülldeponie. Er wird vergiftet und versiegelt, er erodiert und wird weggeschwemmt.

Zerstörung der Ressource Boden

Während die Weltbevölkerung rasant wächst – bis 2050 könnten rund zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben –, wird die weltweite Fläche, auf der Nahrung, Futtermittel und nachwachsende Rohstoffe gedeihen, immer kleiner. Jedes Jahr gehen durch falsche Nutzung gut 224 Milliarden Tonnen fruchtbarer Boden verloren.

Allein in Deutschland werden pro Tag mehr als 70 Hektar mit Fabrikhallen, Häusern und Straßen zugepflastert. Das sind über 100 Fußballfelder. Weltweit summiert sich der Verlust auf unvorstellbare zehn Millionen Hektar. Zum Vergleich: Die gesamte als Ackerland genutzte Fläche in Deutschland beträgt 11,9 Millionen Hektar.

Geologie der Erde

Geologisch betrachtet ist die Erde aus drei Schalen aufgebaut: dem Erdkern, dem Erdmantel und der Erdkruste. Knapp 71 Prozent der Oberfläche des Blauen Planeten sind von Wasser bedeckt. Der Rest ist – wie ein Kuchen mit Puderzucker – mit einer Bodenkruste überzogen. Einer wenigen Millimeter bis einige Meter dünnen Schicht, die Geologen auch als Pedosphäre bezeichnen (von griechisch „pédon“, Erdboden). Sie breitet sich überall dort zwischen der Gesteinsschicht (Lithosphäre) und Biosphäre aus, wo nicht nackter Feld zutage tritt.

Der griechische Naturphilosoph Empedokles (495-435 v. Chr.) nahm in seiner „Vier-Elemente-Lehre“ an, dass alles Sein aus den vier ewig existierenden und unveränderlichen Grundsubstanzen Feuer, Wasser, Luft und Erde besteht, die durch Mischung die Vielfalt der Stoffe bilden.

So bahnbrechend und genial seine Kosmologie und ihre Deutung der Naturkräfte auch war, in einem Punkt irrte sich dieser antike Denker fundamental: Weder Wasser und Luft noch Boden sind unerschöpflich, sondern endliche Ressourcen. Wie gefährdet die Erde unter unseren Füßen tatsächlich ist, wird den meisten gar nicht bewusst. Und genau da liegt das Problem.

Humus des Lebens

Ohne den Humus des Lebens würde keine Pflanzen gedeihen, würden weder Tier noch Mensch Nahrung finden, wäre kein Leben möglich. Von fruchtbaren Ackerböden hängt die Erzeugung von Nahrungs- und Futtermitteln ab. Ohne Waldböden könnte kein Baum gedeihen. Fast die gesamte Vegetation benötigt den Boden für die Versorgung mit Wasser, Nährstoffen und zum Wachsen.

Die Böden filtern das Regenwasser, regulieren das Klima und sind Garant der Biodiversität - der Artenvielfalt. Nach den Ozeanen und noch vor den Wäldern ist die dünne Haut des Planeten ihr größter Kohlenstoffspeicher. Böden speichern rund 1500 Milliarden Tonnen Kohlenstoff – die doppelte Menge, die als Kohlendioxid in der Erdatmosphäre vorhanden ist.

Kostbare Erdkrume

Woraus sich der Boden unter unseren Füßen zusammensetzt

Die durchschnittliche Erdkrume besteht etwa zur Hälfte aus mineralischen Substanzen wie Sand , Schluff oder Ton, zu je knapp einem Viertel aus Luft und Wasser sowie zu fünf bis zehn Prozent aus organischem Material wie Wurzeln, Kleinlebewesen und Humus (toter organischer Substanz). Bis sich aus festem Gestein und lockerem Sediment Boden bildet, braucht es Tausende von Jahren.

In menschlichen Zeiträumen gemessen, sind Böden keine regenerative Ressource. In den oberen 30 Zentimetern eines Quadratmeters fruchtbaren Bodens leben mehr Lebewesen als Menschen auf der Erde – rund 100 Billionen Mikroorganismen, Algen, Bakterien und Pilze. Sie machen 80 Prozent der Bodenfauna und -flora aus. Daneben wimmelt es in diesem „unsichtbaren Ökosystem“ von Regenwürmern, Asseln, Spinnen, Milben und anderem Getier.

Bodenatlas

Laut dem „Bodenatlas“, den die Heinrich-Böll-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Potsdamer Forschungsinstitut IASS, dem BUND und Le Monde Diplomatique im Jahr 2015 herausgegeben hat, gelten 20 bis 25 Prozent aller Böden weltweit als degradiert.

Damit ist Folgendes gemeint: Die Verschlechterung der Bodeneigenschaften durch Erosion oder trockene Sommer ist ein natürlicher geologischer Vorgang. Doch durch Überweidung, Entwaldung, Intensiv-Landwirtschaft sowie Straßen- und Siedlungsbau wird dieser Prozess so stark beschleunigt, dass unsere Lebensgrundlage ernsthaft in Gefahr gerät.

Um den wachsenden Bedarf an Nahrung zu decken, müsste die Produktion bis 2050 um rund 70 Prozent wachsen. In den Entwicklungsländern wäre wegen des stärkeren Bevölkerungswachstums sogar eine Verdopplung nötig. Tatsächlich geht aber immer mehr Ackerland durch Verstädterung, Raubbau, Industrialisierung, Versteppung, Versalzung und Bodenerosion verloren.

Die Folgen der grünen Revolution

Dank der grünen Revolution stieg die globale Nahrungsmittelproduktion zwischen 1965 und 1997 um etwa 60 Prozent. Dies war das Ergebnis der Entwicklung moderner landwirtschaftlicher Hochleistungs- und Hochertragssorten, die erfolgreich auch in den Entwicklungsländern verbreitet wurden. Seitdem ist es mit dem rasanten Wachstum aber weitgehend vorbei. Auch die Gentechnik dürfte nur ein Teil der Lösung sein, um die Krise zu entschärfen.

Die Zerstörung des Bodens

Degradation der Böden

Fakt ist: Alle Fortschritte werden durch das unbegrenzte globale Bevölkerungswachstum und die anthropogen bewirkte Degradation der Böden – also die Verschlechterung der Bodenfruchtbarkeit – zunichte gemacht. Bodendegradation verschlechtert dem „Bodenatlas“ zufolge inzwischen jedes Jahr eine Fläche in der Größe Österreichs.

Am schlimmsten betroffen ist Asien, wo bereits rund 40 Prozent der Böden schwere Mangelerscheinungen aufweisen. Besonders betroffen sind auch Trockengebiete, die 40 Prozent der Landfläche der Erde ausmachen und zu gut 70 Prozent geschädigt sind.

Dem rasanten Wachstum der Weltbevölkerung stehen schwindende Anbauflächen gegenüber, deren Böden immer mehr ausgelaugt werden. Ursachen für diese besorgniserregende Entwicklung sind: Vernichtung der Vegetationsdecke durch Abholzung, Brandrodung oder Überweidung; Misswirtschaft durch den Anbau von Monokulturen und den massiven Einsatz von Kunstdünger; Verschmutzung mit Abfällen; und schließlich die Zerstörung der Bodenstruktur durch Maschinen und große Nutztierbestände, die den Boden verdichten, so dass er nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Wasser versorgt wird.

Mehr Menschen – höherer Konsum

Die UN-Ernährungsorganisation FAO rechnet bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts fast mit einer Verdoppelung der Welt-Fleischproduktion von rund 250 auf 463 Millionen Tonnen. Vor allem Schwellenländer wie China heizen die Nachfrage nach hochwertigen Nahrungsmitteln an. Der Pro-Kopf-Fleischverbrauch ist dort seit 1980 von 20 auf 50 Kilogramm pro Jahr gestiegen (Deutschland: 60,5 Kilogramm, USA: 125 Kilogramm).

Heute werden Rinder, Schweine und Hühner für den Weltmarkt mit Getreide und Soja gemästet. Während etwa 33 Prozent der weltweiten Anbauflächen für die Produktion von Viehfutter genutzt werden – in der Europäischen Union landen sogar 60 Prozent der Getreideernte in Tier-Mägen –, muss fast eine Milliarde Menschen hungern.

Globale Landfläche

Die globale Landfläche umfasst nach Angaben des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung rund 13 Milliarden Hektar Land. Davon sind etwa 3,2 Milliarden Hektar potenzielles Anbauland, wobei de facto knapp die Hälfte für die Landwirtschaft zur Verfügung steht.

Laut der Welthungerhilfe müsste bis 2030 die verfügbare landwirtschaftliche Fläche um mehr als 500 Millionen Hektar wachsen, um eine ausreichende Versorgung der Weltbevölkerung zu gewährleisten. Diese gewaltige Fläche könne aber nur zur Hälfte durch ungenutzte landwirtschaftliche Areale und optimierte Produktionsbedingungen gedeckt werden.

Die Zukunft der dünnen Haut der Erde

Eine Welt ohne Bodendegradation – eine Utopie

Eines der größten globalen Probleme ist die große Landgier – das „Land Grabbing“. Staaten und private Investoren kaufen oder pachten riesige Agrarflächen in Entwicklungsländern, wo sie Nahrungsmittel und Energiepflanzen für den Export und die Versorgung der eigenen Bevölkerung anbauen. Boden wird zu einem Spekulationsobjekt, was zur Folge hat, dass er für Kleinbauern kaum noch erschwinglich ist und die Preise für Agrargüter exorbitant steigen.

Auf Rio+20, der Konferenz der Vereinten Nationen über nachhaltige Entwicklung, die 2012 in Rio de Janeiro stattfand, wurde beschlossen, eine Welt ohne Bodendegradation zu schaffen. Ohne den Schutz der Böden sind alle anderen internationalen Ziele wie Klimaschutz, Erhaltung der Artenvielfalt und ausreichende Nahrung zum Scheitern verurteilt.

Es bedarf allerdings nicht einer weiteren UN-Konvention zum Schutz der Böden, die ohnehin nur Papier bleiben würde, sondern der Einsicht jedes Einzelnen, dass der Boden unter unseren Füßen die Basis für alle anderen Ökosysteme und damit für das Überleben der Menschheit ist.

Öko-Landbau – ein Weg aus der Krise

Ein Weg dorthin führt über den Öko-Landbau – im globalen Stil. Das bedeutet: verstärkter Fruchtwechsel für den Schutz der Artenvielfalt, mehr organische Düngung für Humusbildung und eine Regeneration der Böden, weniger Viehwirtschaft und Monokulturen.

Auch als Verbraucher kann man viel tun, um den Boden zu schützen – etwa durch den Kauf regionaler Produkte oder einen geringeren Fleischkonsum. „Es lohnt sich“, heißt es im „Bodenatlas“, „beim täglichen Einkauf immer häufiger auch an den Schutz der Böden zu denken.“

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