Die Streuobstwiesen sind prägend für den Raum Bad Boll. Bei einem Nachhaltigkeitsprojekt könnten Schulklassen bei deren Pflege mithelfen. Im Gegenzug dürften sie das Obst behalten. Foto: Stoppel/Archiv

Die sechs Kommunen des Gemeindeverwaltungsverbandes Raum Bad Boll haben sich zu einer Nachhaltigkeitsregion zusammengeschlossen. Es ist die zweite in Baden-Württemberg.

Gammelshausen - Nachhaltigkeit fängt vor der eigenen Haustür an. Die sechs Gemeinden des Verwaltungsverbandes Raum Bad Boll wollen damit ernst machen. Sie haben sich im vergangenen Jahr zu einer Nachhaltigkeitsregion zusammengeschlossen, der zweiten im Land. Damit die Sache nicht im Sande verläuft, wurde ein Nachhaltigkeitsbeirat gegründet, wie es ihn in Baden-Württemberg sonst nur in großen Städten gibt. Das Gremium hat bereits dreimal getagt und nun bei einem Workshop eine Vielzahl von Projekten aus seiner Ideenschmiede vorgestellt und diese mit Bürgern diskutiert und weiter entwickelt. Begleitet wird der Prozess von dem Ostfilderner Büro für nachhaltige Kommunikation „Ideen“.

Nur etwa 20 Frauen und Männer sind zu der Bürgerwerkstatt gekommen. Dafür ist ihr Interesse groß, und am Ende sind zehn bis zwölf von ihnen bereit, regelmäßig mitzuarbeiten. Der Nachhaltigkeitsbeirat, kurz N-Beirat genannt, lieferte den Bürgern im Gemeindehaus in Gammelshausen eine Steilvorlage. Die 19 Mitglieder des Gremiums, das sich aus jeweils zwei Bürgern und den Bürgermeistern der sechs Verbandsgemeinden sowie Michael Deiß, dem Geschäftsführer des Verwaltungsverbands, zusammensetzt, haben nicht nur die Ökologie und Mobilität im Blick. Im Fokus steht auch das soziale Miteinander.

Jung und Alt arbeiten zusammen

So will das Gremium, dessen jüngstes Mitglied, Julia Taubert, 16 Jahre alt ist, Projekte anstoßen, die die Nachbarschaft und das Miteinander der Generationen stärken. Jörg Hiller vom Büro Ideen, der die Bürgerwerkstatt moderierte, brachte auch eine App ins Spiel, über die sich die Bürger kennenlernen können. Dem Gammelshäuser Bürgermeister Daniel Kohl ist ein Generationentreff ein Anliegen. Sein Dürnauer Kollege, Markus Wagner, ist angetreten, junge Leute für das Ehrenamt zu gewinnen. Denkbar sei auch, mit Schulen und Kindergärten Exkursionen zu den nahen Streuobstwiesen zu unternehmen. Dort sollen die Kinder nicht nur die Natur erleben, sondern auch erfahren, wie diese Wiesen bewirtschaftet werden. Eine andere Idee ist, dass die Kinder selbst brachliegende Streuobstwiesen pflegen und dafür das geerntete Obst behalten dürfen.

Neben solchen überschaubaren und recht schnell realisierbaren Projekten wurden auch weiterreichende Denkansätze diskutiert, etwa jener, wieso jede Gemeinde eine eigene Feuerwehr und einen eigenen Bauhof brauche. Geradezu gedrängt standen Beiräte und Bürger um die Stellwände zu den Themen Wirtschaft und Arbeit. Dort ging es auch um Mobilität.

Eine Vielzahl an Vorschlägen

Anknüpfungspunkte gibt es in den Gemeinden schon. Das Bürgerauto Lorenz, das im gesamten Verbandsgebiet verkehrt, könnte nach Vorstellung des Beirats auch für einen Lieferservice oder ein mobiles Rathaus genutzt werden. Ein großer Wurf wäre eine Wiederbelebung des Boller Bähnles, das einst Göppingen und einen Teil der Verbandsgemeinden verband. Simon Scherrenbacher, der für Zell im Beirat sitzt, regte darüber hinaus an, die Bahnlinie bis Kirchheim zu verlängern. Damit das Angebot auch genutzt werde, forderte der Bürgermeister von Bad Boll, Hans-Rudi Bührle, einen Shuttledienst zu den Bahnhöfen. Eine Expressbuslinie von Aichelberg zum Flughafen in Echterdingen steht ebenfalls auf der Agenda. Gedacht wird auch an ein „Mitfahrbänkle“, eine Mitfahrzentrale und eine „Elektrifizierung“ der Fahrzeugflotte der Diakonie.

Den Artenschutz hat Hans Hohlbauch aus Gammelshausen im Auge. Wenigstens im eigenen Garten sollten die Bürger auf Pestizide und Glyphosat verzichten. Weitere Themen waren eine Stärkung der Direktvermarktung, ein Ausbau des Radwegenetzes und eine Verringerung des Flächenverbrauchs. Der N-Beirat soll mit Unterstützung von noch zu gründenden Arbeitsgruppen all diese Vorschläge in ein Nachhaltigkeitskonzept gießen, über das dann die Verbandsversammlung am 28. November entscheidet.

Der Weg zur Nachhaltigkeit

Der Gemeindeverwaltungsverband Raum Bad Boll mit den sechs Voralbkommunen Aichelberg, Bad Boll, Dürnau, Gammelshausen, Hattenhofen und Zell bildet die zweite Nachhaltigkeitsregion in Baden-Württemberg. Das Pilotprojekt wird vom Land gefördert.

Die sogenannte N-Region Raum Bad Boll ist die erste, die einen Nachhaltigkeitsbeirat hat. Bisher kennt man solche Gremien nur aus großen Städten. Der Beirat besteht aus 19 Personen. Jede Kommune ist durch ihren Bürgermeister und zwei Bürger vertreten. Da sich 100 Bürger für eine Mitarbeit interessierten, wurden die jetzigen zwölf per Los bestimmt.

Vor der Sommerpause soll ein Konzept stehen. Die Verbandsversammlung beschließt dann am 28. November die Umsetzung einzelner Projekte.

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