Das Studentenwohnheim Campo V an der Vaihinger Seerosenstraße Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Wer im Campo V in Stuttgart-Vaihingen einzieht, lebt in einem kleinen Kraftwerk. Das Studentenwohnheim verbraucht wenig Energie, gewinnt Erdwärme und stellt damit womöglich sogar eine Weltpremiere dar.

Stuttgart - Ein Gespür für drängende, zukunftsweisende Fragen hat es bei der Familie Schaber scheinbar schon immer gegeben. Anfang des Jahrtausends sah sich Bauunternehmer Michael Schaber „aufgerufen, etwas gegen die Wohnungsnot der Studenten zu tun“. Mit seiner Firma Wohnbau-Studio errichtete er von 2006 an in Stuttgart vier Wohnheime für Studierende. Beim nun fünften Projekt der in diesem Zuge entwickelten Marke Campo nahm sich das Familienunternehmen zusätzlich ein ehrgeiziges Ziel vor: Das erste Aktivplus-Haus in Geschossbauweise in Stuttgart sollte entstehen. „Nach meiner Kenntnis ist Campo V das erste Studentenwohnheim weltweit, das mehr Energie produziert, als es verbraucht“, sagt Alexander Schaber, der mit seinen Schwestern Barbara und Christine die Geschäftsführung von Wohnbau-Studio von seinem Vater übernommen hat.

Intelligente Bauphysik, reduzierter Energiebedarf, die Gewinnung von Erdwärme, ein hoher Eigenstromanteil durch Photovoltaik und die Nutzung von Stromspeicherkapazitäten mithilfe eines Batteriesystems sollen für eine maximale Effizienz der 126 Apartments auf zusammen 2650 Quadratmeter Wohnfläche sorgen. „Campo V ist ein Vorzeigeprojekt für energieeffizientes Bauen in Ballungsräumen. Es belegt, dass nicht nur Einfamilienhäuser den Aktivplus-Standard erreichen können, sondern auch große Gebäude mit vielen Wohneinheiten“, so Alexander Schaber über die vierstöckige Anlage an der Ecke Seerosenstraße und Hauptstraße in Vaihingen.

„Wir wollen daraus für den Massenmarkt lernen“

Bei der offiziellen Eröffnung prasselten nur so die Lobeshymnen herein. „Das Haus ist Stromkraftwerk und Tankstelle gleichermaßen“, sagt Norbert Fisch vom Institut für Gebäude- und Solartechnik der TU Braunschweig. Er sieht Campo V als mustergültiges Beispiel „für die Energieversorgung der Zukunft“. So soll das Batteriesystem mit einer Speicherleistung von rund 100 Kilowattstunden nicht nur die Stromversorgung im Haus gewährleisten, sondern Überschüsse auch ins örtliche Versorgungssystem einspeisen können. Sogar der Bund war an dem Projekt interessiert und mit einer finanziellen Unterstützung im Rahmen einer Förderinitiative beteiligt. „Wir wollen daraus für den Massenmarkt lernen“, sagt Alexander Renner, Referatsleiter im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.

18 Monate lang soll Campo V wissenschaftlich begleitet werden, „ob es dann auch in der Praxis so funktioniert“. Beim Blick aus dem Innenhof des Eckgebäudes auf die Fassaden merkte Renner an: „Bei aller Wichtigkeit von klimaneutralem Bauen und Energieeffizienz ist es zugleich auch ein richtig schönes Haus geworden.“

Das Familienunternehmen ist Bauherr und Vermieter

Hans-Wolf Zirkwitz, Leiter des städtischen Amts für Umweltschutz, sieht in Campo V „einen Quantensprung im Vergleich zu den Unterkünften aus meiner Studentenzeit“. Er lobte bei diesem „Leuchtturmprojekt“, das „wunderbar zu unserer lokalen Klimapolitik passt“, auch den „sozialen Aspekt“. Schließlich schaffe Wohnbau-Studio mit dem Wohnheim dringend benötigten bezahlbaren Wohnraum in der Stadt. Das Familienunternehmen ist bei Campo V nicht nur als Bauherr, sondern auch als Vermieter aktiv. Für die zwischen 15 und 40 Quadratmeter großen Apartments fallen im Durchschnitt 570 Euro Miete an. „Da sind aber Nebenkosten wie Strom, Wasser oder Internetnutzung schon drin“, sagt Alexander Schaber. Alle Wohnungen sind bereits vermietet, viele Bewohner schon eingezogen.

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