Gegen den Strom: Die Migrationsforscherin Sandra Kostner Foto: Leif Piechowski/LICHTGUT

Die Migrationsforscherin Sandra Kostner entzündet mit ihren Aussagen Debatten – und analysiert die heftig umstrittene Identitätsfrage des Islam.

Stuttgart - Sandra Kostner ist der Boris Palmer unter den Migrationsforschern: Wie der Tübinger Grünen-Oberbürgermeister schwimmt sie gegen den Strom, entzündet Debatten, bleibt dabei unerschrocken sie selbst, wenn ihre Kritiker die Rassismus-Keule schwingen.

Seit gut zehn Jahren Geschäftsführerin des Masterstudiengangs „Interkulturalität und Integration“ an der PH Schwäbisch Gmünd, erregt die 45-jährige überregional Aufsehen. Gerade erst mit einem provozierenden Buch zur „Läuterungsagenda“, in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und in der „Neuen Zürcher Zeitung“.

Boris Palmer zitiert sie häufig

In Deutschland ist der Aufruhr stets dann am größten, wenn er den Ausgangspunkt in einem Identitätskonflikt nimmt. Mit ihren Themen wie die Rolle von Minderheiten und dem Islam watet sie voll hinein in die bundesdeutschen Empörungswellen: „Der Konflikt um Identität wird durch das Interesse der Tätergruppen sich reinzuwaschen, genauso befeuert wie durch das Interesse der Opfergruppen, daraus Vorteile zu ziehen“, sagt sie. Das sieht Boris Palmer ähnlich und zitiert sie häufig.

Man fördere dadurch die Spaltung der Gesellschaft, eine „Wir-gegen-die-Mentalität“ zwischen Migranten und der Mehrheitsgesellschaft. Man untergrabe Integration und sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft. Für Kostner ist das Ganze ein „integrationspolitisches Desaster“. Sie fordert eine Rückbesinnung auf die Werte des Grundgesetzes: „Um sozialen Zusammenhalt und gleiche Freiheit für alle zu verwirklichen, ist die freiheitlich verfasste Einwanderungsgesellschaft darauf angewiesen, Menschen als Individuen und nicht als kollektive Merkmalsträger zu behandeln.“

Ganz wichtig dafür ist in ihren Augen die Religionsfreiheit, laut Grundgesetz und Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts ein vorrangiges Grundrecht. Die Soziologin startet daher mit dem Stuttgarter Hospitalhof an diesem Donnerstag eine Reihe von Vorträgen und Podiumsdiskussionen mit hochkarätigen Experten, darunter der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad und die säkulare Sozialdemokratin Lale Akgün.

Und wie soll der Staat reagieren?

Vor allem die Islamdebatten der vergangenen Jahre haben in den Augen Kostners die Gemüter erhitzt, den Staat herausgefordert und die Gerichte beschäftigt. Warum entzünden sich in einer immer säkulareren Gesellschaft gerade am Islam so viele Konflikte – vom Kopftuch bis zum islamischen Religionsunterricht? Weil in den dominanten theologischen Strömungen dieser „eingewanderten“ Religion „weder die religiöse Selbstbestimmung des Einzelnen noch ein säkulares Staatswesen vollumfänglich akzeptiert wird“, meint Kostner. Deshalb bleibe das „Zumutungspotenzial“ beachtlich.

„Wir haben völlig vergessen, wie autoritär und totalitär Religion sein kann, die Menschen noch über den Tod hinaus in ihrem Bann hält“, meint die Expertin. Und wie sollte der Staat reagieren? Das Grundgesetz fordere nur „die gleiche Freiheit aller Religionsgemeinschaften vom Staat“.

Daraus lasse sich aber nicht ableiten, dass diese Gemeinschaften, unabhängig von ihren Lehren und Aktivitäten, auch einen Anspruch auf „Gleichheit gegenüber dem Staat“ hätten, so Kostner. Bund und Länder sollten keine Gemeinschaften fördern, die den freiheitlichen Staat nicht wirklich akzeptieren. „Gerichte, Politik und staatliche Institutionen müssen darauf reagieren, dass der politisch-identitäre Islam das Grundrecht auf Religionsfreiheit missbrauche, um seine anti-freiheitliche Agenda voranzutreiben.

Rechtsstaat darf keinen Millimeter abrücken

Die Gesellschaft reagiert zuverlässig entflammbar auf die Identitätsfrage Islam. Die unbequeme Denkerin warnt: „Wir müssen der in Teilen der Gesellschaft vorhandenen Muslimfeindschaft entschieden entgegentreten.“ Für sie bedeutet das, es darf keine Diskriminierung, aber auch keinen Rechtebonus geben. Der Rechtsstaat dürfe keinen Millimeter von seinen Grundsätzen abrücken.

Es gilt diejenigen Muslime zu unterstützen, für die Kritik und Toleranz Realität sind, die einen Islam schaffen wollen, der zu Deutschland passt. Und nicht die rückwärtsgewandten politisch-identitären Islamverbände. Die Hauptverantwortung für die Fehlentwicklung der jüngsten Zeit trage die Linke: „Je mehr die spalterische Identitätspolitik von linker Seite vorangetrieben wird, desto mehr profitiert davon der rechte Gegenpol“, sagt Kostner. Die freiheitlich verfasste Einwanderungsgesellschaft gerate dabei unter die Räder.

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