Muhterem Aras und Autorin Marion Röttgen mit ihrem Buch Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Autorin und Logopädin Marion Röttgen hat ein Buch geschrieben, das kindliche Strategien zur Integration darstellt. Davon können Erwachsene nur lernen.

Stuttgart - Tolga aus Istanbul tut sich schwer in der neuen Klasse, schwerer als Patrizia. Die aufgeweckte Hamburger Deern spricht zwar nicht Schwäbisch, aber Deutsch, während Tolga halt rein gar nichts versteht. Das öffnet Hänseleien natürlich Tür und Tor und führt dazu, dass sich die patente Patrizia schon bald mutig vor ihn stellt und Freundschaft mit ihm schließt. Mit welchen Hürden das verbunden ist, und mit welchen Ideen Patrizias Eltern Kinder und Kulturen zusammenzuführen, beschreibt Marion Röttgen in ihrem Kinderbuch „Tolga hat’s nicht leicht“, das sie im Literaturhaus vorgestellt hat.

Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Stuttgart. Sie hat in Literaturwissenschaft promoviert, Logopädie und Sprecherziehung studiert und lehrt als Professorin an der Hochschule des Internationalen Bunds. „Tolga entspricht einem viereinhalbjährigen Jungen, den ich in meiner Praxis hatte und der in die Psychiatrie eingewiesen werden sollte“, erzählt sie. Dem türkischen Vater sei diese Diagnose völlig unverständlich gewesen; zu Hause habe sich der Sohn liebenswürdig gezeigt, außer Haus aggressiv. „Ich ließ mir von dem Kind türkische Wörter beibringen, und nach wenigen Wochen war es in der Kita integriert“, sagt Marion Röttgen. Auch in ihrer ansprechend illustrierten Geschichte geht es um Verständigung und Vertrauen. Die Geschichte kommt „ohne Holzhammer aus, sie entwickelt sich Schritt für Schritt und zeigt Möglichkeiten auf, die oft nicht wahrgenommen werden“, sagt einer der Verleger, Joachim Bark, ehemals Literaturprofessor an der Uni Stuttgart und heute Studiendekan an der Musikhochschule.

Muhterem Aras als Kronzeugin

Der frühkindliche Spracherwerb und die Muttersprache, zu wissen, zu welchem Fehlverhalten Vorurteile führen können und die Geduld zu warten, „bis die Fremdelnden das Fremdelnde überwinden“, das sind aus Röttgens Sicht und Erfahrung Schlüssel zur Integration. Als Kronzeugin flankierte die Landtagsabgeordnete der Grünen, Muhterem Aras, die Buchvorstellung. Ohne ein Wort Deutsch zu können war sie im Alter von zwölf Jahren mit ihrer Familie aus Ostanatolien zugereist, lernte zwei bis drei Mal pro Woche in einem so genannten Stützkurs Deutsch und ist ohne Vorbereitungsklasse ansonsten „ins kalte Wasser geworfen“ worden. Sie fühle sich durch Röttgens Schulgeschichte an ihre eigene erinnert, auch sie habe Glück gehabt: „Eine junge Lehrerin hat mich sehr unterstützt.“ Auch dass ein kleines Mädchen der Klassengemeinschaft zeige, wie man humaner miteinander umgeht, habe sie fasziniert, „gerade in der aktuellen Debatte ist Zivilcourage sehr wichtig.“

Nun soll das Buch möglichst breit gestreut werden. Röttgen kann sich eine Lesung in der Stadtbücherei vorstellen, will sich an die Stiftung Lesen wenden, plant weitere Aktionen und auch eine Übersetzung ins Türkische – zum Vorlesen für die Eltern oder zum Selberlesen für die Kinder.

Marion Röttgen: „Tolga hat’s nicht leicht“, Opus Magnum – Edition Amici, zu bestellen per Mail unter om@edition-amici-de, 12,99 Euro.
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