14,5 Prozent aller Bundeswehrangehörigen haben ausländische Wurzeln. Foto: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa

Die Bundeswehr sei ein „Integrationsmotor“ in Deutschland, findet der Verein „Deutscher Soldat“. Dennoch fordert er die Führung auf, bei der Nachwuchssuche mehr auf die Migranten zuzugehen. Die aktuelle Internetserie „Die Springer“ sei dafür kein gutes Beispiel.

Stuttgart - Oberleutnant Gruschwitz hat von der Ausbildung im Fallschirmspringen eine klare Vorstellung: „Wer nicht fit ist, wird es jetzt merken“, tönt der Hörsaalleiter in die Runde. „Wer überhaupt nicht fit ist, schafft den Lehrgang auch nicht.“ Von der Fuß- bis zur Haarspitze sei der ganze Soldat gefordert. „Wem dies nicht gefällt, der kann eine spannende Verwendung im Amt oder irgendwo­ in der Verwaltung annehmen.“

Gruschwitz ist ein Hauptdarsteller der dreiwöchigen Social-Media-Serie „Die Springer“. An jedem Werktag erscheint nachmittags eine neue Folge auf dem Internetportal Youtube. Hautnah zeigt die Kamera Wunden und blaue Flecken der Protagonisten. Unverblümt geben sie ihre ­Empfindungen preis: „Dieser Turm ist die Hölle für mich“, bekennt Stabsunteroffizier Tobias auf dem Sprungturm in zwölf Meter Höhe. „Da darf ich nicht aus dem Fenster gucken – das geht von Schweißausbrüchen bis zu zitternden Händen.“ Was wird erst sein, wenn er aus dem Flugzeug springen soll?

Botschaft lautet: Persönliche Grenzen überwinden

Unteroffizier Ferdinand ergänzt: „Durch die Angst schießen einem so viele Gedanken durch den Kopf.“ Aber er will die große Herausforderung unbedingt bewältigen. Das ist auch die Kernbotschaft der Nachfolgeserie von „Die Rekruten“, „Mali“ und „Biwak“: Die Truppe ist nichts für schwache Nerven – Adrenalin pur. Aber bei ihr lassen sich persönliche Grenzen überwinden.

Der 22-jährige Ferdinand ist dreisprachig aufgewachsen, wie man am Rande erfährt – mit Deutsch, Französisch, Arabisch. Doch Integration spielt hier keine Rolle – zum Bedauern des Vereins Deutscher Soldat, in dem sich (ehemalige) Soldaten mit Migrationshintergrund für eine „bunte Truppe“ einsetzen. Er hätte sich gefreut, wenn sich die neue Webserie „mit Vielfalt statt speziell mit Fallschirmspringern auseinandergesetzt hätte“, sagt Vorstandsvize Dominik Wullers. Der Sohn einer Deutschen und eines Kapverdiers arbeitet nach der Offizierszeit im Ausrüstungsamt der Bundeswehr in Koblenz.

Mehr Mesut Özil als Thomas Müller

„Wir sind ein Spiegel der Gesellschaft und wollen für alle hier lebenden Menschen die Streitmacht sein – da müssen die sich auch in der Bundeswehr wiederfinden“, mahnt er. Die Migranten seien die einzige Bevölkerungsgruppe, die bei den Kindern und Jugendlichen Zuwachs verzeichne. Trotzdem „kümmert man sich nach meinem Eindruck nicht gezielt um diese Gruppe in der Personalwerbung“, moniert Wullers. „Die Jugendlichen, die sich mehr mit Mesut Özil als mit Thomas Müller identifizieren, spricht die Bundeswehr bisher noch nicht so direkt an.“ Dies sei eine „vertane Chance“. Das Personalmanagement sei eben „noch ein bisschen altbacken“. Zum Beispiel wird kaum erkannt, dass unter Zuwanderern viele Entscheidungen in den Familien getroffen werden: „Man muss Eltern, Onkel und Tanten überzeugen, dass es eine tolle Sache ist.“

Bunte Plakate helfen zur Ansprache da weniger. Vielmehr muss man auch mal mit dem örtlichen Imam reden oder eine Schnupperwoche anbieten. Die US-Streitkräfte schicken ihre uniformierten Nachwuchswerber in die Spanisch sprechende Community. Solche Ansätze fehlen der Bundeswehr. Man könne sich den ganzen Tag mit Panzern und Flugzeugen beschäftigen, aber wenn man zu wenig geeignete Leute finde, die das Militärgerät bewegen, sei man völlig wehrlos, sagt Wullers. „Insofern ist es auch eine wichtige strategische Frage.“

Umstrittene EU-Ausländer für die Truppe

Dass die Rekrutierung nicht optimal läuft, zeigen schon die Planungen, EU-Ausländer für den Dienst in der Truppe zuzulassen. „Wir wollen wachsen, dafür prüfen wir unterschiedliche Optionen“, sagt eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums. Die Idee, EU-Staatsangehörigkeiten einzubeziehen, ist zwar schon im Weißbuch zur Sicherheitspolitik von 2016 enthalten und wurde in die neu erarbeitete Personalstrategie aufgenommen. Im Moment gebe es aber da noch keine Ergebnisse, heißt es.

„Mitnichten“ habe dies mit Personalnot zu tun, heißt es. Die Bundeswehr habe eine „konstant hohe Bewerberlage“. 2017 habe es 125 000 Bewerbungen auf 25 000 Stellen gegeben. Nun gehe es vor allem um die Fachkräfte. Doch wie toll ist das Bewerberinteresse wirklich, wenn Anforderungen an die körperliche Leistungsfähigkeit heruntergeschraubt werden müssen? Wer in Mali auf Patrouille geht, braucht keinen übergewichtigen und fußlahmen Kameraden, der unter der Sahara-Sonne sogleich umkippt.

Abkürzung zum deutschen Pass?

Doch es gibt ein weiteres triftiges Argument für die Aufnahme von EU-Soldaten: „Wir werden immer europäischer – da wollen wir diese Frage nicht ausblenden“, sagt die Ministeriumssprecherin. Gegner der Idee sind aber schon auf der Palme. Sie sehen das besondere Treueverhältnis zwischen Staat und Soldat gefährdet und damit eine Söldnertruppe heranwachsen. „Wollen wir eine Armee mit Fremdenlegionären wie in Frankreich?“, fragt ein Soldat stellvertretend für viele gegenüber unserer Zeitung. Insgeheim schreckt sie vor allem die Vorstellung, ein Offizier vom Balkan beispielsweise könnte ihr Vorgesetzter werden.

Der Verein Deutscher Soldat wirbt dennoch für eine Öffnung: „Diversity wird immer wichtiger“, sagt Wullers. „Gerade die Bundeswehr kann hier ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Frieden leisten.“ Er regt an, „eine Art Abkürzung zum deutschen Pass anzubieten“. Wer sich mit militärischem Dienst um das Land verdient mache, sollte die Chance haben, schneller die Staatsbürgerschaft zu erlangen.

Keine rassismusfreie Organisation

Insbesondere in den Bundeswehr-Universitäten Hamburg und München gehe es bunter zu als in vielen Innenstädten. Die Unis böten vielen Migrantenkindern gute Einstiegschancen, wenn deren Eltern sonst keine Hochschulausbildung bezahlen können. Er selbst habe sich in der Kaserne stets wohler gefühlt als außerhalb, schildert der frühere Offizier. „In der Bundeswehr hat man einen Dienstgrad und eine Funktion – da ist es erst einmal unerheblich, wo der Soldat herkommt und an was er glaubt, solange er seinen Auftrag erfüllt und die Kameraden sich auf ihn verlassen können.“ Diese Erfahrung habe ihm sehr geholfen, seine deutsche Identität zu finden. „Das ist eine Leistung, die die Bundeswehr völlig unabhängig vom sozialen Status und Geldbeutel der Eltern erbringt“, sagt er. „Alle tragen die gleiche Uniform – egal, ob sie vorher Gucci oder Kik trugen.“ Kurzum: „Die Bundeswehr ist ein Integrationsmotor in Deutschland.“

Trotzdem sei sie keine rassismusfreie Organisation, auch wenn die Zahl der rechtsextremistischen Vorfälle gemessen an der Größe der Armee gering sei. Das hat einen praktischen Grund: „Wenn man so eng mit den Kameraden zusammenlebt, ist kein Platz mehr für Fremdenfeindlichkeit im eigenen Trupp.“

Forderung nach Imamen in der Truppe

Etwa 1600 muslimische Soldaten leisten Dienst in der Bundeswehr. Der Mangel an militärischer Seelsorge für diese Kameraden stört den Verein Deutscher Soldat massiv: „Wir beklagen, dass es immer noch keine wie auch immer geartete Militärgeistlichkeit für Soldaten muslimischen Glaubens gibt – besonders nicht in den Einsätzen“, sagt Wullers. „Da muss sich die Bundeswehr auch symbolisch öffnen.“ Ein Beispiel: Wenn sich ein muslimischer Kamerad im Einsatz nicht sicher sein könne, dass er im Todesfall nach den eigenen religiösen Riten bestattet wird und dass die Eltern von einem Imam statt von einem anderen Militärpfarrer benachrichtigt werden, „dann beruhigt das nicht unbedingt“.

In der Nachwuchskampagne ist zu viel Nachdenklichkeit über das Gelingen von Integration offenbar tabu – jedenfalls kratzt die Webserie „Die Springer“ sehr an der Oberfläche. Unteroffizier Ferdinand muss leiden: Bei den Übungen am Sprungturm hat er sich so oft auf die Lippen gebissen, dass er kaum noch verständlich reden kann. „Ich möchte jetzt noch einen perfekten Landefall sehen, wo die Beine sich keinen Millimeter bewegen“, fordert ihn Ausbilder Gruschwitz bei der Pendelprüfung in der Halle barsch auf. Und mehr Flexibilität in der Hüfte! Ferdinand besteht den Test, ahnt aber schon: „Im Flugzeug wird es anders – das wird einem bewusst, wenn man drinsitzt und merkt: Was mache ich hier eigentlich?“

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