Max Strecker hilft Jaqueline Krickhahn dabei, einen Hasen auszusägen. Foto: Eileen Breuer

Menschen mit und ohne Behinderung können seit einiger Zeit die selben Kurse besuchen. Dazu kooperiert das Behindertenzentrum Stuttgart-Fasanenhof mit der Volkshochschule. Die Nachfrage steigt stetig.

Fasanenhof - Fragt man Jaqueline Krickhahn, ob ihr der Kurs in der Holzwerkstatt Spaß macht, grinst sie über das ganze Gesicht und nickt aufgeregt. Sie werkelt nun schon das dritte Mal in einem solchen Kurs von der Volkshochschule mit. „Am meisten Spaß macht mir das Kistenbauen“, sagt sie. Nächste Woche will sie ein Exemplar in den Treffpunkt Rotebühlplatz mitbringen. Sie nutzt die Kiste oft: Als Transportbox hängt sie dann zum Beispiel hinten an ihrem Rollstuhl.

Jaqueline Krickhahn hat eine spastische Lähmung und kann deswegen nicht gehen. Ihr und vielen anderen Behinderten bietet die Volkshochschule (VHS) seit 2015 inklusive Kurse an, in denen sie gemeinsam mit Menschen ohne Behinderung lernen. Inklusion bedeutet dabei, niemanden auszugrenzen und jeden einzubinden. Die Bildungspartnerschaft mit dem Behindertenzentrum (BHZ), das seinen Sitz im Fasanenhof hat, macht das Angebot möglich.

Die Volkshochschule hat den Auftrag, inklusiv zu sein

Die Volkshochschule wollte inklusiv werden und kam deshalb auf das Behindertenzentrum zu. Das Ziel war es, die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen umsetzen. Diese sieht unter anderem vor, jedem Menschen das gesellschaftliche Leben zugänglich zu machen. „Das ist ein Auftrag an öffentliche Weiterbildungsinstitutionen“, sagt Katrin Wahner. Sie ist die Inklusionsbeauftragte der VHS.

Gemeinsam mit dem Behindertenzentrum setzte die Volkshochschule die Idee in die Tat um. Im ersten Schritt veranstaltete die VHS Kurse nur für Behinderte in den Einrichtungen des BHZ. „Dadurch konnten wir Schwellenängste abbauen“, sagt Rainer Gemeinhardt. Er ist der Leiter des Bereichs Berufliche Bildung beim Behindertenzentrum. Im zweiten Schritt boten die Institutionen dieselben Kurse in den Räumen der VHS im Treffpunkt Rotebühlplatz an. Seit 2014 können Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam das Kochen, den Umgang mit Werkzeugen oder die Nutzung von Smartphones lernen.

Während die Teilnehmer anfangs nur zwischen neun inklusiven Kursen wählen konnten, umfasst das Angebot inzwischen 39. „Das inklusive Programm ist ein Querschnitt aus unserem normalen Programm“, sagt Wahner. Im letzten Halbjahr gab es auf die Kurse verteilt 121 Anmeldungen von Menschen ohne und 102 von Menschen mit Behinderung. Und die Nachfrage wachse stetig, weiß Wahner zu berichten.

Das Behindertenzentrum fördert die Teilnahme seiner Mitarbeiter an den Kursen

Wollen Mitarbeiter des Behindertenzentrums an den Kursen teilnehmen, unterstützt das BHZ den Besuch mit 150 Euro pro Jahr und Person. Insgesamt gebe es aber eine Deckelung von 2000 Euro pro Jahr. „Im vergangenen Semester gab es drei Fälle, in denen ich von uns betreute Personen auf das nächste Halbjahr verweisen musste“, sagt Gemeinhardt. Zwar kämen die meisten behinderten Teilnehmer von Einrichtungen. Doch inzwischen habe sich das Angebot herumgesprochen, sodass zum Beispiel auch Eltern ihre Kinder auf die Kurse aufmerksam machen, sagt Wahner. Und das Behindertenzentrum ist auch nicht mehr der einzige Kooperationspartner. Die VHS arbeitet inzwischen auch eng mit anderen Institutionen wie beispielsweise der Caritas oder dem Landesverband der Lebenshilfe zusammen.

Max Strecker leitet den Kurs Holzwerkstatt. 25 Jahre lang betreut er nun schon Kurse, seit zwei Jahren arbeitet er dort auch mit Behinderten zusammen. „Für mich gibt es keine Behinderung. Für mich hat jeder seine besondere Konstellation“, sagt er. „Am Anfang traue ich jedem alles zu. Am Ende sehen wir, wo wir uns treffen“, beschreibt er seine Vorgehensweise. An diesem Punkt setze er dann bei den Teilnehmern an. „Ich helfe mit. Aber der Mensch hat die Fähigkeit“, sagt er.

In den inklusiven Kursen kann langsamer gelernt werden

Auch Johannes Georg lernt in dem Kurs den Umgang mit Holz. Für ihn war die Zusammenarbeit mit den Behinderten kein Auswahlkriterium für den Kurs. Er ist hier, um zu werkeln. „Der Schlüssel ist, es selbst zu erleben, bevor man sich ein Urteil bildet“, sagt er. Zwar müsse der Kursleiter sich zwangsläufig mehr auf eine Person konzentrieren. „Aber letztlich ist es persönlich bereichernd, weil man den Menschen begegnet und den Blick wegwendet von dem, was man kann oder nicht kann“, sagt er. „Wir versuchen, in unseren Kursen höchstens zwei oder drei Menschen mit Handicap zu haben. Sonst überfordert das den Dozenten, der ja auch den Stoff vermitteln muss“, sagt Wahner. Inzwischen gebe es auch viele Menschen ohne Behinderung, die speziell nach Inklusionskursen suchen, um langsamer zu lernen. „Dann merkt man: Es geht langsamer und funktioniert trotzdem“, sagt sie.

Jaqueline Krickhahn arbeitet tatkräftig an einem Hasen, den sie aus Holz aussägt. Gemeinsam mit Strecker hält sie die Säge fest in der Hand. „Ich habe noch nie jemanden wie Jaqueline gesehen, der so sehr kämpft und so sehr mit den Bewegungen mitgeht“, sagt Strecker. Viermal in vier Wochen kommen die Teilnehmer jetzt, um sich an den Holzwerkzeugen zu üben. Und wer weiß: Vielleicht entsteht auch dieses Mal wieder eine Kiste, die Jaqueline Krickhahn dann ihrer Sammlung beifügen kann.

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