In Betrieb: Muldenkipper beim Abbau von Muschelkalk in einem Steinbruch bei Heilbronn. Foto: Iste

Viele Müllabladeplätze von Industrieunternehmen haben sich in den vergangenen Jahren zu Biotopen verwandelt.

Marbach/Stuttgart - Robert Finke ist eigentlich ein Mann fürs Grobe. Gerade hat er mit 800 Kilogramm Sprengstoff einen halben Berg wegpulverisiert. Als sich der Rauch verzogen hat, ist er runter in sein Büro gefahren und hat für seine zwei 60-Tonnen-Muldenkipper Reifen gekauft, mit denen man glatt einen handelsüblichen Kleinwagen platt walzen könnte.

Wenn es aber auf die Bechsteinfledermaus zu sprechen kommt, weicht die zupackende Selbstsicherheit des Bergbauingenieurs einer Art ehrfürchtiger Bewunderung. Man dürfe den „kleinen Kumpel“ nicht unterschätzen, sagt er dann und: „Mit dem Kollegen müsse man immer rechnen.“

Tatsächlich ist die grade mal 15 Gramm schwere Bechsteinfledermaus (Gattung Mausohr) ein Geselle, gegen den auch tonnenschweres Gerät und kiloweise Dynamit wenig ausrichten können. Überall, wo der geschützte Segler auftaucht, setzt er nämlich ein Räderwerk aus Natur- und Artenschutzmaßnahmen in Gang, das in Deutschland schon so manches Großprojekt zum Stillstand gebracht hat. In ihrer Verhinderungswirkung dem Stuttgarter Juchtenkäfer nicht unähnlich, verzögert der Flattermann allein durch seine Präsenz immer mal wieder den Bau von Windkraftanlagen oder Wetterradars. Sogar eine Flugzeugwerft und eine Bundesautobahn wurden durch den nachtaktiven Insektenjäger schon nachhaltig ausgebremst.

„Ohne auf die Natur zu achten, geht es in Deutschland eben nicht mehr“

Finke, der für die Firma Klöpfer einen großen Steinbruch nahe Marbach am Neckar leitet, weiß um die enorme Macht des Winzlings. Und deswegen hat er sich sowohl mit der Fledermaus als auch mit dem Natur- und Artenschutz als Ganzes arrangiert. Für die Branche bedeute es zwar „einen erheblichen Mehraufwand“ und irgendwann müsse man sich schon einmal fragen, wohin immer neue Umweltvorgaben führten, sagt er. „Aber ohne auf die Natur zu achten, geht es in Deutschland eben nicht mehr.“ Immerhin: Allein für den Schutz der Bechsteinfledermaus hat das Unternehmen mittlerweile vier Leute abgestellt – 200.000 bis 300.000 Euro lässt man sich die Erforschung und Umsiedlung des Tierchens vom Steinbruchgelände kosten.

Das Umweltengagement der schwäbischen Firma ist kein Einzelfall. Die baden-württembergische Rohstoffbranche, zumal die im Industrieverband Iste zusammengeschlossenen Steinbrüche und Kiesgruben, sind zu Ökovorreitern geworden.

Vor wenigen Tagen hat die Branche mit einer Nachhaltigkeitserklärung den Schulterschluss mit dem Naturschutzverband Nabu gewagt und auch die Gewerkschaft IG Bau mit ins Boot geholt. Gemeinsam will man Klimaschutz und Artenvielfalt beim Rohstoffabbau in Baden-Württemberg weiter vorantreiben. Dass seit dem Jahr 2000 – damals trat eine Vorgängererklärung in Kraft – schon einiges geschehen ist, kann man auf knapp 500 alten Rohstofflagerstätten und Abbaugebieten begutachten, die mittlerweile unter Naturschutz stehen, wie Thomas Beißwenger, Hauptgeschäftsführer beim Iste, sagt. Darunter sind auch einige Perlen, ehemalige Rohstofflager also, die vor Jahrzehnten aussahen wie Mondlandschaften, aber heute zu extrem artenreichen Biotopen zählen.

Nahe Blaubeuren etwa ist ein ehemaliger Steinbruch des Baustoffriesen Heidelberg-Cement in den letzten Jahren zu einem Vorzeigeprojekt herangereift

Einige Kilometer von dem Ort entfernt, wo Finke und seine Mannschaft heute täglich Tausende Tonnen Sande und Muschelkalk für die Bau- und Lebensmittelindustrie gewinnen, liegt so ein Ort. Es ist der erste Steinbruch des 800-Mitarbeiter-Unternehmens aus Winnenden-Birkmannsweiler. Fast 40 Jahre lang wurde hier Kalk abgebaut. Dann wurde das Areal ein weiteres Jahrzehnt mit Schutt wieder teilweise aufgefüllt. Zwischen 2005 und 2008 erfolgte die Rekultivierung. Heute hat sich am Fuß einer 30 Meter hoch aufragenden Kalksteinwand ein kleiner See gebildet. Ein Graureiher zieht hier seine Runden, und in der Steilflanke nistet ein Wanderfalken-Pärchen mit vier Jungen. 8000 Bäume sind auf dem weitläufigen Areal neu gepflanzt worden. Der Nabu, der hier mittlerweile das Hausrecht hat, betreibt in einem alten Trafohaus eine Fledermausstation. Bürger aus der Umgebung nutzen das Areal als Naherholungsgebiet.

Industriebrachen in Ökoparadiese umwandeln, lautet die Losung, der neben klassischen Mittelständlern wie der Firma Klöpfer mittlerweile auch Konzerne folgen. Nahe Blaubeuren etwa ist ein ehemaliger Steinbruch des Baustoffriesen Heidelberg-Cement in den letzten Jahren zu einem Vorzeigeprojekt herangereift. Auf dem Gelände grasen seit Juni elf polnische Wildponys und eine Handvoll Taurusrinder. Sie übernehmen den Job von Motorsensen und verhindern, dass die renaturierten Magerwiesen zuwachsen. In den Tümpeln neben der Urzeitweide quaken Kreuzkröten und Gelbbauchunken. Durch die Art der Neunutzung entstehe auf dem Gebiet Lebensraum für gefährdete Tiere und Pflanzen, heißt es von Heidelberg-Cement.

Die Auffrischung der Nachhaltigkeitsinitiative der Steine- und Erdenindustrie im Land kommt nach Ansicht von Fachleuten zum richtigen Zeitpunkt. Der Bedarf an heimischen Rohstoffen wie Kies, Sand oder Natursteinen wird in den kommenden Jahren aller Voraussicht nach zunehmen. Allein die Energiewende, aber auch große Verkehrsprojekte wie Stuttgart 21 ziehen einen steigenden Bedarf an mineralischem Baumaterial nach sich. Die Nutzung der heimischen Ressourcen wird also immer intensiver. Da sei es wichtig, dass man sich bei Projekten frühzeitig abstimme, sagt der Nabu-Landesvorsitzende André Baumann. Je früher auch Naturschutzinteressen in Planungen einbezogen würden, desto sicherer könnten sich die Betreiber der Abbaustellen später sein, auf keine unerwarteten Widerstände zu stoßen. Das habe in den vergangenen Jahren gut geklappt, sagt er. Im Vergleich zu früheren Jahrzehnten seien die Konfliktfälle deutlich zurückgegangen.

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