Demonstranten vor dem Unterhaus in London: Viele Brexit-Befürworter wollen die EU notfalls auch ohne Abkommen verlassen. Foto: AFP

Wer jemals glaubte, dass die deutschen Unternehmen den Akteuren in Berlin und Brüssel in den Rücken fallen würden, um ihre Absatzmärkte in Großbritannien zu sichern, sieht sich spätestens jetzt eines Besseren belehrt, mein Thorsten Knuf.

Berlin - Die britische Premierministerin Theresa May ist dabei, vollends die Kontrolle über den Brexit-Prozess zu verlieren. Am Dienstag kündigte sie an, das Unterhaus über eine Verschiebung des EU-Austritts abstimmen zu lassen. Für den Fall, dass die Abgeordneten das vorliegende Abkommen mit Brüssel weiterhin blockieren, sollen sie die Wahl haben zwischen einem ungeregelten Ausscheiden – also dem totalen Chaos für Wirtschaft, Politik und Bürger – und einer kurzen Verlängerung der Mitgliedschaft. Wie May die Parlamentarier dazu bewegen will, im März oder später noch für das Abkommen zu stimmen, bleibt ihr Geheimnis.

Niemanden zu Zugeständnissen bereit

Auf dem Kontinent findet sich jedenfalls niemand, der May mit größeren Zugeständnissen zu Hilfe eilen möchte. So lässt sich auch die Einlassung des Bundesverbands der Deutschen Industrie verstehen. Der Verband machte erneut deutlich, dass er den Brexit für ein abenteuerliches Unterfangen hält und im Falle eines Ausstiegs ohne Abkommen mit schweren Verwerfungen im Wirtschaftsleben rechnet. Es gab eine zweite Botschaft: Die Industrie teilt ohne Wenn und Aber die Haltung der EU-Kommission und der verbleibenden Mitgliedstaaten, wonach oberste Priorität die Einheit der EU-27, des Binnenmarkts und des Wirtschaftsraums sein müsse.

Das ist auch eine Absage an all jene in Großbritannien, die immer noch glauben, im entscheidenden Moment des Brexit-Pokers werde sich die deutsche Indus­trie schon gegen die EU-Akteure stellen, um die Absatzmärkte und Lieferketten auf der Insel zu sichern. Natürlich möchten die hiesigen Unternehmen weiterhin in Großbritannien agieren. Aber eben nicht um den Preis, dass die restliche Union durch politische Kuhhandel Schaden nimmt. Auch an diesem Punkt haben sich die Brexiteers verzockt.

thorsten.knuf@stzn.de

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