Die Industrie ist das Rückgrat der Wirtschaft in Baden-Württemberg. Foto: dpa

In keiner europäischen Region ist das verarbeitende Gewerbe wichtiger als in Baden-Württemberg. Das zeigt ein umfangreicher, internationaler Vergleich.

Stuttgart - „Weltweit ist die Bedeutung der Industrie wieder stärker in den Köpfen präsent“, sagt Jürgen Dispan, Experte für Regionalanalysen und Industriepolitik beim Stuttgarter IMU-Institut. Ein starker industrieller Kern, darin ist sich Dispan mit vielen seiner Fachkollegen einig, ist die Grundlage für ein solides wirtschaftliches Wachstum. Dabei lag der Südwesten in den vergangenen Jahren nicht nur meist über dem Bundesdurchschnitt – auch der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der Bruttowertschöpfung hat weiter zugenommen: Lag er vor gut zehn Jahren noch bei 31,5 Prozent, so ist er inzwischen auf rund 33 Prozent gestiegen. Damit hat der Südwesten seinen Vorsprung gegenüber anderen wichtigen Bundesländern, aber auch im Vergleich zu anderen wirtschaftsstarken Regionen in Europa, weiter ausgebaut.

Dass dies erreicht wurde, wundert Dispan wenig: „Die Industrie boomt schon seit einigen Jahren“, sagt der Fachmann. Für ihn ist das auch ein deutlicher Beweis dafür, dass die Industriegesellschaft sich nicht irgendwann zu einer kompletten Dienstleistungsgesellschaft wandeln wird: „Es wäre nicht der Sinn des Wirtschaftens, sich nur noch gegenseitig die Haare zu schneiden“. Gerade die enge Verflechtung zwischen Industrie und industrienahem Dienstleistungen sind laut Dispan ein Grund für die erfolgreiche Entwicklung der vergangenen Jahre. Dabei geht die Bedeutung des verarbeitenden Gewerbes, also in erster Linie der Industrie, weit über ihren Anteil an der Bruttowertschöpfung hinaus: „Die Industrie ist auch eine wesentliche Säule der hohen Innovationskraft des Landes“, sagt die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU). Aus der Industrie kommen 75 Prozent der Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Südwesten, der mit einem Anteil am Bruttosozialprodukt europaweit an der Spitze liegt. Dennoch aber müssten Innovationen „einen noch höheren Stellenwert bekommen“, erklärt die Ministerin.

„Carsharing könnte sogar noch eher als disruptiver Faktor wirken als die E-Mobilität“

„Die größte Herausforderung ist jetzt, durch die gute Lage nicht träge zu werden, sagt Dispan. Entscheidend für den Südwesten ist, wie es mit den Paradebranchen Maschinenbau und Autoindustrie weitergeht. Bernhard Boockmann, einer der beiden Leiter des Instituts für angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) in Tübingen, sieht etwa für die Autoindustrie durchaus Gefahren: „Carsharing könnte sogar noch eher als disruptiver Faktor wirken als die E-Mobilität“, sagt Boockmann. Dies nicht nur, weil womöglich die Nachfrage nach Fahrzeugen sinke: „Wenn das Auto ständig gewechselt wird, wird möglicherweise auch weniger Wert auf eine individuelle Ausstattung gelegt“, so der Professor. Das sei besonders für die im Südwesten sitzenden Premiumhersteller gefährlich.

Für Christian Rammer, den stellvertretenden Leiter des Bereichs Innovationsökonomik und Unternehmensdynamik beim Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) gehört wie für seine Kollegen auch die Digitalisierung zu den Herausforderungen der kommenden Jahre: „Das bringt vor allem für die kleinen und mittleren Unternehmen Unsicherheiten“, so Rammer: „Ob und wie man eine neue Stahllegierung anwendet, das gehört bei vielen zur Kernkompetenz, die Digitalisierung aber nicht.“

Zugenommen hat die Bedeutung des verarbeitenden Gewerbes in Osteuropa

Europa Wie im Südwesten, so ist auch in Deutschland insgesamt der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der Bruttowertschöpfung im europäischen Vergleich überdurchschnittlich hoch. Er liegt seit Jahren relativ konstant bei 22 Prozent. In Frankreich dagegen ging er seit gut zehn Jahren von etwas mehr als 13 Prozent auf nur noch knapp über elf Prozent zurück. Selbst in Regionen, die zu den wirtschaftsstärksten ihrer Länder gehören, sank der Anteil. So werden neben Baden-Württemberg auch Rhone-Alpes in Frankreich, die Lombardei (Italien) und Katalonien (Spanien) zu wirtschaftlichen Motoren des Kontinents gerechnet. Doch in Katalonien nahm der Anteil des verarbeitenden Gewerbes in den vergangenen zehn Jahren von knapp 21 Prozent auf 18 Prozent ab, in Rhone-Alpes mit dem Zentrum Lyon von 16 auf 15 Prozent. Am stärksten ist das verarbeitende Gewerbe immer noch in der Lombardei vertreten – doch auch in dieser Region um Mailand gab es einen Rückgang von 23 auf nur noch 20 Prozent.

Zugenommen hat die Bedeutung des verarbeitenden Gewerbes dagegen in mehreren osteuropäischen Ländern. In Ungarn stieg der Anteil an der Bruttowertschöpfung in den vergangenen zehn Jahren von knapp 22 Prozent auf fast 25 Prozent, in Tschechien von 25 auf knapp 27 Prozent. Dies aber nicht nur, weil Unternehmen aus dem Westen den Osten als verlängerte Werkbank entdeckt haben: „Nach Osteuropa werden inzwischen auch höherwertige Tätigkeiten ausgelagert, nicht nur kostenintensive Arbeiten", sagt Boockmann.

Gesunken ist der Anteil im klassischen Industrieland Nordrhein-Westfalen

Bundesländer Eine ähnliche Entwicklung wie in Osteuropa zeichnet sich auch in den ostdeutschen Bundesländen ab: Im strukturschwachen Mecklenburg-Vorpommern gab es seit Beginn des Jahrhunderts ein Plus von 9,5 auf elf Prozent beim Anteil an der Bruttowertschöpfung, in Sachsen von 17 auf 20 Prozent. Sachsen-Anhalt meldet eine Steigerung von knapp 16 Prozent auf fast 20 Prozent, Thüringen von 19 auf etwas mehr als 23 Prozent. Deutlich gesunken ist die Bedeutung des verarbeitenden Gewerbes dagegen in einem früheren klassischen Industrieland: In Nordrhein-Westfalen ging der Anteil an der Bruttowertschöpfung in den letzten zehn Jahren von 22 auf 20 Prozent zurück.

Landkreise In keinem anderen baden-württembergischen Landkreis ist der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der Bruttowertschöpfung höher als im Kreis Tuttlingen: In den vergangen 15 Jahren stieg er von 51 auf mehr als 54 Prozent und noch heute ist fast jeder zweite Erwerbstätige in diesem Landkreis im verarbeitenden Gewerbe tätig. Dies wegen der wohl gut gemischten Wirtschaftsstruktur mit Unternehmen aus der Medizintechnik, dem Maschinenbau und Zulieferern für die Autoindustrie – aber eben auch, weil es dort keine großen Dienstleistungsunternehmen oder Banken wie in der Region Stuttgart gibt. Am stärksten gestiegen ist der Anteil der verarbeitenden Gewerbes im Kreis Heilbronn: Lag er vor fünf Jahren noch bei 43 Prozent der Bruttowertschöpfung, sind es heute 51 Prozent. Ein Plus verzeichnet auch die Landeshauptstadt Stuttgart; dort steig der Anteil von 24,5 auf 30,2 Prozent. Insgesamt wuchs der Anteil in den allermeisten Stadt- und Landkreisen im Südwesten, doch immerhin gab es auch neun Mal einen Rückgang.

Wirtschaftskraft der Landkreise

Unsere Karte zeigt den Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der Bruttowertschöpfung der baden-württembergischen Landkreise. Wenn Sie mit dem Mauszeiger über die einzelnen Landkreise fahren (ohne Klick), erhalten Sie Informationen über Arbeitslosenquote und Innovationsindex* des Kreises. Klicken Sie in die Fläche eines Landkreises, sehen Sie Angaben über den Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der Bruttowertschöpfung sowie an der Erwerbstätigkeit des betreffenden Kreises plus ihre Veränderung in den vergangenen fünf Jahren.

*Der Innovationsindex wird alle zwei Jahre (unsere Daten gelten für 2016) vom Statistischen Landesamt veröffentlicht und gibt die Innovationsfähigkeit einer Region wieder. In den Index fließen mehrere Faktoren ein wie der Anteil von Forschungs- und Entwicklungspersonal an den Erwerbstätigen, die Zahl der Patentanmeldungen und der Anteil der Investitionen in Forschung und Entwicklung am Bruttoinlandsprodukt. Näheres zur Methodik unter https://www.statistik-bw.de/GesamtwBranchen/ForschEntwicklung/Innovation-I-MTH.jsp?y=2016

Die Informationen der Karte stammen vom Statistischen Landesamt Baden-Württemberg sowie von der Bundesagentur für Arbeit, Regionaldirektion Baden-Württemberg.

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