Namdev Bhau (Namdev Gurav) findet einfach keine Stille im Eröffnungsfilm „Namdev Bhau – In Search of Silence Fotos: Festival Foto:  

Das indische Kino bietet einen frischen Blick auf universelle menschliche Ansichten. Zum Auftakt geht es um einen Mann, der dem allgegenwärtigen Lärm entfliehen möchte.

Stuttgart - Mit Ohrstöpseln sitzt Namdev am Tisch und isst eine Banane, um ihn herum tobt der ganz normale Wahnsinn: Seine Frau redet ohne Punkt und Komma und verstummt nur, wenn seine Tochter loslegt. Bei der Arbeit ist es nicht besser, Namdev chauffiert einen bessergestellten Herrn durchs laute Mumbai, der ebenfalls permanent spricht, am Telefon oder mit ihm. Wenn er mal nichts sagt, singt er vor sich hin. Namdev bleibt stumm – er hat dem Geplapper der sich selbst kreisenden Mitmenschen nichts hinzuzufügen. Er will nur fort aus dieser Hölle von Sartre’schem Ausmaß. Wie viele Lärmflüchtlinge hofft Nandev auf Erlösung im stillsten Winkel der Welt – den freilich auch andere längst entdeckt haben.

Als sanfte Komödie beginnt „Namdev Bhau – In Search of Silence“, der Eröffnungsfilm des diesjährigen Indischen Filmfestivals Stuttgart, das sich schon länger auf gehaltvolle Independent-Filme spezialisiert hat. Die junge Regisseurin Dar Gai bleibt zunächst eng an ihrem leidenden Protagonisten und öffnet ihre Bilder immer weiter, je tiefer Namdev in atemberaubende Himalaya-Kulissen mit verwunschenen Dörfern vorstößt. Und je näher ihm ein Zwölfjähriger kommt, der dem mürrischen alten Mann unterwegs zuläuft und sich einfach nicht abschütteln lässt – weil er echte Probleme hat.

Frauen stehen im Zentrum vieler Filme

In vielen Filmen des Stuttgarter Festivals spiegeln sich gesellschaftliche Verwerfungen, mit denen Indien immer wieder in die Schlagzeilen kommt: Alte, zum Teil atavistische Bräuche und Traditionen missachten Bürgerrechte und kollidieren mit den Herausforderungen der Gegenwart. Besonders betroffen sind im patriarchalisch organisierten Indien die Frauen, und auch das wird in einigen Filmen sichtbar. Die Schauspielerin Tannishtha Chatterjee, die in „Die Zeit der Frauen“ 2015 das Stuttgarter Publikum erobert hat, spielt nun in „Lihaaf – The Quilt“ die große Erzählerin Ismat Chugtai (1915–1991), die wegen einer Kurzgeschichte über eine lesbische Beziehung ins Visier von Moralaposteln geriet. Chatterjees Filmpartnerin Sonal Sehgal, die auch am Drehbuch mitschrieb, wird zum Festival anreisen.

Der gebürtige Stuttgarter Shammi Singh (30) hat sich für den Dokumentarfilm „Women’s Voice – India’s Choice“ in die indische Heimat seines Vaters aufgemacht und dort 15 Frauen zu ihrer Situation befragt. „Es ist hochspannend, was die erzählen, viele der Fragen bewegen uns auch hierzulande“, sagt der Festival-Leiter Oliver Mahn. „Mit dem Blick der anderen kann man viel über die eigene Gesellschaft lernen. Überall gilt: Man muss seine Rechte auch einfordern.“

Viele Verbindungen in den Südwesten

Ebenfalls dokumentarisch nähert sich Ranjith Kumar in „G. D. Naidu – The Edison of India“ einem großen Erfinder vom Subkontinent, der im Zweiten Weltkrieg die Bombardierung Stuttgarts überlebte und Unterschlupf fand bei der Esslinger Unternehmerfamilie Stoll (Festo); die deutsch-indische Freundschaft hält bis heute, Gerda Meier-Stoll hat ihr Kommen zugesagt. Ein Tea Talk widmet sich der indischen Medizin und deren Einfluss auf Homöopathie und Naturkosmetik – am Beispiel von Elisabeth Sigmund, die sich viel Wissen vom Subkontinent holte und Dr. Hauschka (Bad Boll) mitbegründete. Um den besonderen Blick des indischen Kinos dreht sich das Kamera-Podium „The Making of Indian Cinema“. „Da erfahren Filmemacher und interessierte Besucher, wie die Profis in einer großen Filmindustrie arbeiten“, sagt Oliver Mahn, „und man kann mit ihnen ins Gespräch kommen. So eine Möglichkeit bietet sich hierzulande nicht so oft.“

Manchmal fließen Spiel- und Dokumentarfilm zusammen. Um Witwen, Waisenkinder und Polizeiwillkür dreht sich „The Last Color“ von Vikas Khanna, vor allem aber um ungewöhnliche Freundschaften. Es ist Khannas Debüt, eigentlich ist er Sternekoch, steht für gesunde Zutaten und Nachhaltigkeit – und damit im Zentrum des Dokumentarfilms „Buried Seeds“ von Andrei Severny, der ebenfalls beim Festival läuft. Dort bewahrheitet sich auch, dass mit Humor alles besser geht: In der Komödie „#Gadhvi“ hilft ein Gandhi-Doppelgänger entrechteten Bauern gegen skrupellose Investoren.

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