Nach der tödlichen Vergewaltigung gehen indische Frauenrechtlerinnen auf die Straße – einige von ihenn werden bei Protesten festgenommen. Foto: dpa/Altaf Qadri

Eine neuerliche Gruppenvergewaltigung bringt Indien auch in die internationalen Schlagzeilen. Die Familie des Opfers wirft der Polizei Fehlverhalten vor. Indes werden Frauenrechtlerinnen festgenommen.

Neu Delhi - Der Tod einer jungen Frau nach einer Gruppenvergewaltigung entsetzt die indische Gesellschaft. Politiker und Aktivisten forderten am Mittwoch Gerechtigkeit für das 19-jährige Opfer. Die Frau war am 14. September von vier Männern im indischen Staat Uttar Pradesh vergewaltigt worden. Wie ihre Familie örtlichen Medien sagte, wurde der Teenager nackt, blutend und mit gespaltener Zunge sowie gebrochenem Rückgrat in einem Feld vor ihrem Zuhause gefunden. Sie starb am Dienstag.

Die Frau gehörte der niedrigsten Kaste in Indien an. Die vier mutmaßlichen Vergewaltiger, die alle aus einer höheren Kaste stammen sollen, wurden laut Polizei festgenommen. Der Regierungschef von Uttar Pradesh, Yogi Adityanath, beauftragte Sonderermittler mit dem Fall und versprach ein Schnellverfahren vor Gericht.

In Neu Delhi nahm die Polizei mehrere Frauenrechtlerinnen bei einem Straßenprotest fest, die mit lautstarken Rufen Adityanath und den indischen Premierminister Narendra Modi kritisierten. Auf Plakaten stand „Stoppt Vergewaltigungskultur“ geschrieben. Der Begriff bezeichnet eine Gesellschaft, die häufig duldet, dass Frauen oft Opfer von sexuellen Gewaltverbrechen werden, und dass den Opfern Misstrauen entgegengebracht sowie teils auch die Schuld zugeschoben wird.

In Indien wird alle 15 Minuten eine Frau vergewaltigt

Maimoona Mullah vom Verband All India Democratic Women’s Association kritisierte, Uttar Pradesh sei zum „Vergewaltigungsstaat Indiens“ geworden. „Im Namen des neuen Indiens akzeptieren wir Vergewaltigungskultur nicht“, sagte Mullah. Uttar Pradesh gilt im landesweiten Vergleich als unsicherster Unionsstaat für Frauen.

Im August wurde ein 13-jähriges Mädchen in Uttar Pradesh vergewaltigt und getötet, das der gleichen Kaste wie die 19-Jährige angehörte, den Dalit - die früher auch „Unberührbare“ genannt wurden. Im Dezember starb eine 23-jährige Frau der Dalit, die von Männern in Brand gesteckt wurde, als sie vor Gericht Vergewaltigungsvorwürfe erheben wollte. Fest eingeprägt hat sich die Gruppenvergewaltigung und Tötung einer 23-jährigen Studentin in Neu Delhi 2012.

Für Aufsehen sorgte nun auch die eilige Einäscherung der Leiche der 19-Jährigen. Der frühere Chef der oppositionellen Kongresspartei, Rahul Gandhi, beschrieb das Vorgehen als „missbräuchlich und ungerecht“. Die Familie des Opfers gab an, die Polizei habe ihr nicht erlaubt, letzte Riten vorzunehmen. Vikrant Veer von der Polizei bestritt die Vorwürfe.

In Indien wird nach Daten der Regierung alle 15 Minuten eine Frau vergewaltigt. 2017 verzeichnete die Polizei demnach 33 658 Fälle und damit durchschnittlich 92 pro Tag. Etwa 10 000 der gemeldeten Opfer waren Kinder. Wegen des Stigmas durch sexuelle Gewalt wird eine weitaus höhere Dunkelziffer angenommen.

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