Nach langer Suche hat Familie Rausch dieses Haus gekauft – allerdings nicht wie geplant am Stuttgarter Stadtrand, sondern viel weiter draußen in einem Vorort von Schorndorf. Foto: privat

Wohneigentum in Stuttgart ist heute doppelt so teuer wie vor zehn Jahren. Wer den Traum vom Eigenheim wahr machen will, scheitert häufig. Maklertricks, Bruchbuden, Schulden – zwei Familien berichten von ihrer Suche.

Stuttgart - Das Reiheneckhaus in Schorndorf war für Valerie Rausch (Name geändert) ein Tiefpunkt. 400 000 Euro sollte es kosten. Die Mutter war verstorben, die Kinder verkauften das Haus. „Sie haben uns gesagt, dass schon etliche Makler bei ihnen angerufen hätten mit dem Versprechen: ‚Sagen Sie uns was der Meistbietende zahlen will und wir zahlen mehr’“, erinnert sich Rausch. „Das war’s für uns dann natürlich. Wir waren raus.“

Früher haben Valerie Rausch und ihr Mann sehr zentral nahe der U-Bahnhaltestelle Dobelstraße gewohnt. Dann kam 2013 ihr erstes Kind zur Welt. Valeria Rauschs Blick auf das Stadtleben veränderte sich. Sie bemerkte den Hundekot und die Scherben auf dem Spielplatz nahe ihrer Wohnung. Der Schulweg ihrer Kinder würde über U-Bahngleise führen. Und wie ihr Nachwuchs in der Stuttgarter Innenstadt Radfahren lernen sollte, konnte sich Rausch auch nicht vorstellen. „Also haben wir angefangen, in den umliegenden Vororten nach einem Haus zu suchen.“ Ihr Mann arbeitet am Berliner Platz und sollte weiterhin pendeln können. Ein schönes Häuschen am Stadtrand, zum Beispiel in Degerloch oder Bad Cannstatt – das war der Plan.

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Von den Preisen überrascht

Eine halbe Million Euro wollte die Familie maximal ausgeben. „Wir wollten uns nicht so extrem verschulden, dass wir nicht mehr in den Urlaub fahren können.“ Doch als die Rauschs 2013 mit der Suche nach einem Eigenheim begannen, wurde ihnen schnell klar: In einem Stuttgarter Vorort wird es mit ihren Preisvorstellungen nichts. „Nachdem wir die ersten Anzeigen gesehen haben, haben wir erst einmal Lotto gespielt“, sagt Rausch. Natürlich sei ihr klar gewesen, dass Stuttgart teuer ist. „Aber so richtig extrem ist es mir erst aufgefallen, als wir angefangen haben, zu suchen. Ich war überrascht.“

Wohneigentum in Stuttgart ist heute im Mittel mehr als doppelt so teuer wie noch vor zehn Jahren. Im ersten Quartal 2010 lag der gemittelte, um Ausreißer bereinigte Quadratmeterpreis noch bei 3100 Euro. Im dritten Quartal 2019 waren es 6262 Euro. Am stärksten sind in dieser Zeit die Preise in Stuttgart-West gestiegen.

Degerloch auf Platz zwei beim Preisanstieg

Degerloch – wo Valeria Rausch nach einem Haus suchte – liegt bei der Preissteigerung auf Platz zwei. Gebraucht eine Wohnung oder ein Haus zu kaufen, ist dort im Schnitt mittlerweile 147 Prozent teurer als noch im Jahr 2010. Was bedeutet das konkret? Das kann ein Rechenbeispiel verdeutlichen. Wer 2010 ein Haus in Degerloch für 200 000 Euro gekauft hat, hätte heute vermutlich gute Chancen, es für 494 000 Euro wieder zu verkaufen. Das entspricht einer Preissteigerung von 155 Prozent. Um die Preisentwicklung der letzten zehn Jahre zu zeigen, hat unsere Redaktion Langzeitdaten des Gutachterausschusses ausgewertet.

Den Preisanstieg hat auch Luise Lange zu spüren bekommen (Name geändert). Den Großteil ihrer Elternzeit hat die 35-Jährige mit der Immobiliensuche verbracht. „Ich habe die Kleine eingepackt und bin überall hingefahren. Wir haben um die 70 Wohnungen angeguckt, viele Wochenenden sind dabei draufgegangen. Es war sehr frustrierend.“ Lange kam vor fünf Jahren beruflich nach Stuttgart. Mit Kind wurde ihr und ihrem Mann die 2,5-Zimmer-Wohnung im fünften Stock in Stuttgart-West zu klein. „Zuerst war der Plan, eine größere Wohnung zu mieten, drei bis vier Zimmer. Aber das war so teuer, dass wir uns dachten: Dann können wir auch etwas kaufen.“

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„Privatleute wollen beim Verkauf profitieren“

In Stuttgart allerdings ging dieser Plan nicht auf. Auch Lange hat die Erfahrung gemacht: Wohneigentum in der Stadt ist zu teuer – selbst für Menschen, die einen Studienabschluss und vergleichsweise gut bezahlte Jobs haben. Ein Haus in Stuttgart-Kaltental ist Lange von der Suche in Erinnerung geblieben. „Baujahr 1930, die Steckdosen kamen aus den Wänden, die Leitungen lagen offen, man hätte kernsanieren müssen“, sagt Lange. „Die Eigentümer wollten 650 000 Euro. Das war einfach frech. Viele Privatpersonen stellen sich Preise jenseits von gut und böse vor, weil sie von der Welle profitieren wollen.“

Am Ende haben die Langes eine Vier-Zimmer-Wohnung in Freiberg am Neckar gekauft. „Vom Lebensgefühl her ist es hier natürlich etwas anders als in Stuttgart. Dort war alles in Laufnähe, in der Kleinstadt gibt’s Aldi und Rewe und vielleicht noch ein, zwei Cafés.“ Trotzdem ist Lange erleichtert, dass die Suche endlich vorbei ist. Den Austausch mit Maklern oder Privatverkäufern fand sie oft anstrengend. „Nach einigen Besichtigungsterminen ging hinterher der Email-Austausch los: Wie viel würden sie denn bieten? Obwohl vorher klar gesagt wurde, dass es kein Bieterverfahren ist“, sagt Lange.

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Eine Stunde pendeln zur Arbeit

Auch die Rauschs leben heute nicht wie geplant am Stuttgarter Stadtrand – sondern in einem Vorort von Schorndorf. „Mit dem Pendeln ist es schon so eine Sache“, sagt Rausch. Eine Stunde braucht ihr Mann jetzt von Tür zu Tür für seinen Arbeitsweg. Für Valeria Rausch war die Anfangszeit schwer, zumal sie im Ort zunächst kaum jemanden kannte und neue Freundschaften erst aufgebaut werden mussten.

Unter dem Strich fühlt sich die Familie jetzt wohl. „Ich hatte immer diesen Traum, dass ich im Haus bin und dem Kind sagen kann: ‚Geh doch schon mal raus spielen’. Und genau so ist es.“ In ihrem neuen Heimatort haben die Rauschs ein Haus mit großem, alten Garten und Kirschbaum gefunden – für weniger als eine halbe Million Euro.

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