Foto: Kraufmann

23 Vesperkirchen öffnen in dieser Saison ihre Türen - so viele wie noch nie zuvor. Die Zahl der Bedürftigen nimmt dabei zu.

Stuttgart - 23 Vesperkirchen öffnen in dieser Saison ihre Türen - so viele wie noch nie zuvor. Die Zahl der Bedürftigen nimmt dabei zu. Einige Pfarrer befürchten wegen des großen Andrangs, nicht genügend Essen bereit stellen zu können.

Die Stuttgarter Leonhardskirche in der Hauptstätter Straße macht es seit 16 Jahren vor - und mittlerweile ziehen 22 andere Kirchen im Land nach. Zu Beginn des neuen Jahres bekommen Bedürftige wieder günstige Mahlzeiten in den Vesperkirchen. In dieser Saison sind Heidenheim, Tübingen und Ludwigsburg neu dabei.

Angesichts der Wirtschaftskrise hat die Leiterin der Stuttgarter Vesperkirche, Karin Ott, Sorge, wie die Aktion finanziert werden kann. "Wir sind wie alle Vesperkirchen im Land komplett auf Spenden aus der Bevölkerung und von Unternehmen angewiesen. Die Kosten liegen bei 230.000 Euro, und davon fehlen uns derzeit noch 100.000", sagt Ott. "Bislang hat es aber noch jedes Jahr geklappt mit der Finanzierung, ich bin zuversichtlich, dass das Geld noch reinkommt."

Die Zahl der Bedürftigen nimmt landesweit zu. In Baden-Württemberg gab es im November dieses Jahres 455.785 Hartz-IV-Empfänger - im Vergleichsmonat 2008 waren es noch 416.591. In Stuttgart stieg die Zahl der Hartz-IV-Empfänger von 37.441 auf 39.613.

Die Organisatoren der Ulmer Vesperkirche sind beunruhigt, weil das Essen ausgehen könnte. "Wir hatten im vergangenen Jahr schon extrem viele Besucher - und dieses Jahr sind wir nicht scharf darauf, wieder Rekorde zu brechen", sagt Pfarrer Rolf Engelhardt. "12.000 Essen können wir in den vier Wochen bereitstellen, mehr geht nicht." Der Preis für ein Mittagessen in Ulm beträgt 1,50 Euro. "Wenn wir aber sehen, dass ein Bedürftiger nichts bezahlen kann, bekommt er das Essen auch umsonst", sagt Engelhardt. Das Mittagessen in Stuttgart, wo die Vesperkirche vom 17. Januar bis 6. März öffnet und damit am längsten im Land dauert, kostet 1,20 Euro.

Bei der im nächsten Jahr erstmals stattfindenden Tübinger Vesperkirche müssen die Besucher nichts für das Essen bezahlen. "Wir als Kirche machen das jetzt mal so - ich hoffe, dass wir dann kein Defizit erzielen", sagt der Tübinger Diakon Peter Heilemann. Die Gesamtkosten in Tübingen belaufen sich - wie in Ulm - auf 60.000 Euro. "Wenn wir zu wenige Spenden bekommen, muss die Evangelische Kirche für den Fehlbetrag gerade stehen", sagt Heilemann.

Das Problem ist, dass die Unternehmen angesichts der Wirtschaftskrise wenig Geld spenden. Bei den kleinen Beträgen aus der Bevölkerung gebe es dagegen keinen Rückgang, sagt Heilemann. "Ich bin positiv überrascht. Da geht es immer 20 bis 100 Euro, das läuft." Dieses Phänomen ist auch bei den Vesperkirchen in Stuttgart und Ulm zu beobachten: Weniger Großspenden, dafür konstante Beträge aus der Bevölkerung.

Auch bei der praktischen Hilfe in den Kirchen packen viele Menschen mit an. "Wir hatten in Tübingen innerhalb von vier Wochen 200 freiwillige Helfer - derzeit muss ich die Leute sogar vertrösten, weil wir sie nicht mehr brauchen", sagt Diakon Heilemann. Auch in Stuttgart nimmt das Interesse am Ehrenamt zu: "Wir sind voll", sagt Pfarrerin Ott. Insgesamt 5000 ehrenamtliche Helfer sind landesweit in den Vesperkirchen im Einsatz. Allein in der Stuttgarter Leonhardskirche arbeiten 600 Helfer, um täglich 600 bis 800 warme Mahlzeiten ausgeben zu können. Auch sechs ehrenamtliche Ärzte arbeiten in Stuttgart, dazu ein Tierarzt und ein Friseur. Die Solidarität im Land wächst in den Krisenzeiten.

Die Stuttgarter Pfarrerin Ott sagt, dass die Gesichter der Armut in den vergangenen Jahren immer vielfältiger geworden seien. "Das geht durch alle Altersgruppen", sagt Ott, "früher hat man mit Armut ja Penner oder Junkies verbunden." Heute fielen darunter auch Menschen, denen man ihre Armut nicht auf den ersten Blick anmerke: "Ich rechne damit, dass in dieser Saison wieder gut angezogene Leute zu uns kommen", sagt Ott. "Einige wollen sich nicht als arm outen, das ist vielen Menschen peinlich."

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) befürchtet derweil Umsatzeinbrüche durch die Vesperkirchen. Der Landesvorsitzende Peter Schmid sieht die Kirchen als billige Konkurrenz zu Gaststätten, die einen Mittagstisch anbieten: "Es kann nicht sein, dass die Kirchen einen auf Ihr Kinderlein kommet machen und allen Leuten ein Essen für einen Euro anbieten." Schmid fordert die Kirchen auf, darauf zu achten, dass nur Bedürftige das Essen bekommen - und nicht ganze Bürogruppen, die eine billige Mahlzeit bekommen wollen: "Wir Wirte kämpfen auch um unseren Berufsstand. Und da kann es nicht sein, dass die Vesperkirchen auf unserem Rücken ausgetragen werden und Schlipsträger für einen Euro Mittag essen."

Pfarrerin Karin Ott sieht die Vorwürfe gelassen. "Also wenn sich der Dehoga seine Umsatzeinbußen mit den Vesperkirchen erklären will, ist das glatt gelogen", sagt sie. "Das liegt wie in anderen Bereichen auch an der konjunkturellen Entwicklung." Es sei auch nicht so, dass ganze Bürogruppen in den Kirchen Mittag essen wollten: "In der Regel kommen ja wirklich nur Bedürftige zu uns. Und wenn doch mal wohlhabendere Menschen bei uns essen, bezahlen die meist mit einem Schein - und tun so etwas für den guten Zweck."

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