Harald Einsle, der Umwegkanal und die verbundenen Bienenkästen. Foto: factum/Weise

Der Hobby-Imker Harald Einsle aus Ludwigsburg hat das Rätsel um seinen merkwürdigen Fund gelöst – und dabei noch mehr gefunden: Eine hübsche Räuberpistole.

Ludwigsburg - Eine große Wiese, viele Bäume, noch mehr Bienen und mittendrin Harald Einsle. Schütteres Haar, schwarze Brille, nettes Lächeln und ein auffallend durchgestrecktes Kreuz. „Das sind sie“, sagt er und weist auf einige seiner Bienenkästen. Es gibt mehrere Gründe, die erklären, warum der Hobbyimker so aufrecht da steht und so stolz auf die Kisten zeigt. Erstens handelt es sich nicht um die gewöhnlichen Unterkünfte, in denen Bienen bei den meisten Imkern hierzulande gehalten werden.

Eine schwierige Recherche

Das Bienenbehausungssystem auf Harald Einsles Wiese ist das Resultat einer langen Suche. Dass diese Suche mit einem Fund geendet hat, ist der zweite Grund, aus dem Harald Einsle stolz ist. Begonnen hatte diese Suche im Januar. Der 44-Jährige aus Ludwigsburg steht in einem Schuppen in Bönnigheim und blickt in Kartons voller auf Holz geleimter Kunststoffklötzchen. Womit er es zu tun hat, weiß er nicht, aber er wird es herausfinden, denkt er – und packt die Kartons ein. Seine Recherche erweist sich als unerwartet schwierig. Keiner der Experten, und Harald Einsle hat viele gefragt, weiß, was es mit den Teilen auf sich haben könnte. Aber, letztlich hat er es doch geschafft. Und, das ist nun der dritte Grund, weshalb Harald Einsle stolz auf seinem Wiesle steht: Er hat dabei eine hübsche Räuberpistole ausgegraben.

Das System, das sich vom üblichen Bienenhaussystem unterscheidet, trägt den Namen Tri-Bio-System. „Tri“ deshalb, weil drei Bienenvölker miteinander verbunden sind. Und zwar über die Kunststoffklötzchen, von denen Harald Einsle so viele hat. Die genaue Bezeichnung lautet Umwegkanal. Die Bienen können dadurch ihre Nachbarn besuchen, auf dem Umweg durch den labyrinthartigen Kanal verlieren sie den Geruch ihres Volkes und bekommen problemlos Zutritt. Die Haltung und die Vermehrung der Völker soll dadurch einfacher sein. Drei Völker, stark verkürzt formuliert, machen Aufwand für nur zwei. Für Laien mögen die Eigenarten des Tri-Bio-Systems recht speziell klingen. Aber die Idee, die sein Erfinder, ein Herr Schmidt aus Widdern, verfolgte, war so groß, dass sie auch Laien nicht hätte kalt lassen können.

Das große Honiggeschäft wartet

Schmidt wollte die Bienenhaltung mit seinem System, zu dem auch spezielle Waben gehörten, so leicht und so ertragreich gestalten, dass sich einfach alle Welt für das Imkern hätte begeistern müssen. In Schmidts Vorstellung lieferten die Tri-Bio-Imker ihre vollen Honigwaben an eigens geschaffenen Stützpunkten ab, kassierten Geld und nahmen leere Waben zur erneuten Befüllung durch die Bienen mit. Das Schleudern und die Vermarktung wäre Schmidts Sache gewesen. Das ganz große Honiggeschäft – es klang so einfach.

Aber, man ahnt es, Schmidts Plan ging nicht auf. Ein maßgeblicher Grund dafür war eine gewisse Windigkeit des Herrn Schmidt aus Widdern. Schmidt, von Haus aus Schreiner, später Imker, hatte zwar alle Gerätschaften, die für sein System nötig waren, ausgetüftelt und auch ihren Bau in Auftrag gegeben. Bezahlt jedoch hat er die Werkzeugbauer nicht. Die Formenbaufirma, die diese Werkzeuge benötigte, um mit der Produktion beginnen zu können, musste sie also erst einmal auslösen.

Weil Winfried Rosenberger, der Inhaber dieser Firma, an den ausgemalten Tri-Bio-Erfolg glaubte, beglich er Schmidts Schulden – und legte los. 1992 war das. Kisten, Waben, Umlaufkanäle und allerhand anderes Zubehör hat Rosenberger gefertigt – für rund 350 000 Deutsche Mark. Amortisiert haben sich diese Kosten nie. Fast niemand interessierte sich für das System, das die Bienenhaltung revolutionieren sollte.

Mal schauen, wie es weiter geht

Ob es daran lag, dass die Imker zu bequem waren, ihre bewährte Bienenhaltung aufzugeben? Oder daran, dass die Kisten letztlich exorbitante 2300 Mark kosteten, ein Vielfaches der herkömmlichen Bienenunterkünfte? Vorbei und lange her. Herr Schmidt ist gestorben und Winfried Rosenberger hat seinen finanziellen Verlust verschmerzt – und seinen Ausflug ins Bienenbusiness fast vergessen. Bis Harald Einsle auf die Kartons mit den Umwegkanälen stieß, die Rosenberger im Schuppen seines Vaters, abgestellt hatte. Nach einem Bericht in dieser Zeitung, der von Einsles Recherche handelte, fanden sie zueinander.

Und jetzt? Nun, Harald Einsle hat sich aus seinem Fund eine eigene Dreier-Beute konstruiert und unterzieht das System einem Test. Mal schauen, was passiert.

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