Lesen ist eine Schlüsselqualifikation für gute Leistungen in allen Fächern. Foto: dpa

Im Ausland haben die Viertklässler fast doppelt so viel Unterricht, um Lesen zu lernen. Auch die Förderung von schwachen Schülern ist anderswo systematischer. Hier die wichtigsten Fakten.

Berlin - Deutschland bekommt in Bildungsstudien regelmäßig schlechte Noten. Dennoch haben diese Vergleichsuntersuchungen in den vergangenen Jahren ihren Schrecken verloren. Im Blick auf die jüngste Iglu-Studie über die Fähigkeiten und Defizite der Viertklässler beim Lesen ist dieser Gewöhnungseffekt gefährlich. Zwar liegen die deutschen Grundschüler im internationalen Mittelfeld. Aber dass jeder fünfte Schüler Texte nicht sicher lesen kann, ist besorgniserregend.

Einige Detailergebnisse der Internationalen Grundschul-Lese-Studie (Iglu) setzen sogar noch größere Alarmzeichen und zeugen von dringendem Handlungsbedarf in der Politik. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wieso haben die Lesedefizite eine so große Tragweite?

18,9 Prozent der deutschen Viertklässler sind nicht in der Lage, verstreute Informationen eines Textes verständig miteinander zu verknüpfen. Bei diesem Niveau fängt nach Einschätzung der Iglu-Studie echtes Leseverständnis aber erst an. Jeder fünfte Grundschüler bleibt hinter dieser Anforderung zurück und das hat weitreichende Konsequenzen.

„Für diese Gruppe ist zu erwarten, dass sie in der weiterführenden Schule mit erheblichen Schwierigkeiten beim Lernen in allen Fächern konfrontiert sein wird, wenn es nicht gelingt, sie maßgeblich zu fördern“, schreiben die Forscher in ihrem Abschlussbericht nüchtern. Dass die deutschen Schüler mit Sachtexten (Durchschnittsergebnis im Test: 533 Punkte) noch schlechter umgehen können als mit Erzähltexten (542 Punkte), verschärft das Problem. „Da das Lesen von Sachtexten einen wesentlichen Bestandteil des Lernens in den weiterführenden Schulen bildet, ist das schwache Abschneiden eine curriculare Herausforderung“, schreiben die Forscher in der Iglu-Studie.

Im Klartext heißt das: Die schlechten Leser aus der vierten Klasse werden nicht nur in Deutsch Probleme haben. Ihr Schulerfolg ist in allen Fächern gefährdet, weil Lehrstoff auch in Biologie, Geschichte, Physik oder Mathematik fast immer mit Texten vermittelt, an Textaufgaben gelernt und geprüft wird.

Wie groß sind die Leistungsunterschiede bei Viertklässlern?

Heute ist es auch international der Normalfall, dass Kinder mit unterschiedlichem Leistungsniveau in einer Klasse sind. Allerdings hat die Iglu-Studie gezeigt, dass die Streuweite der Fähigkeiten beim Lesen in Deutschland besonders hoch ist. Zwischen den schwächsten und den besten Lesern liegt in Deutschland eine Differenz von 257 Punkten. Vierzig Punkte entsprechen laut den Iglu-Forschern etwa dem Lernfortschritt eines Schuljahres.

Die schwachen Schüler hinken ihren leistungsstarken Klassenkameraden beim Lesen also um fast sechseinhalb Jahre hinterher. Das ist in 15 von 24 Vergleichsländern in Europa besser. Die Niederlande schneiden mit einer Differenz von 198 Punkten (fast fünf Jahre Unterschied zwischen starken und schwachen Schülern) am besten ab. Malta ist mit 294 Punkten Differenz (mehr als sieben Jahre Unterschied) Schlusslicht.

Wie macht sich die Zuwanderung bemerkbar?

Kinder, deren Muttersprache nicht die Amtssprache ist und die sich in der Schule deshalb zunächst schwerer tun, gibt es überall. Mit einem Anteil von 16,6 Prozent der Viertklässler, die zuhause nie oder nur manchmal Deutsch sprechen, liegt die Bundesrepublik etwa im internationalen Mittelfeld (EU-Durchschnitt: 14,4 Prozent).

In Deutschland liegen die Kinder mit Migrationshintergrund beim Lesen um 40 Punkte oder ein Schuljahr hinter ihren Altersgenossen mit zwei deutschsprachigen Eltern zurück. Das ist ein relativ hoher Rückstand. In anderen Ländern gelingt es besser, den Startnachteil von Kindern mit Migrationshintergrund in der Schule auszugleichen: In der EU ist die Leistungsdifferenz nur bei 32 Punkten, in Frankreich sind es 23, in Spanien und Irland 17 Punkte.

Was macht das Ausland besser?

International geben die Schulen den Kindern deutlich mehr Zeit fürs Lesenlernen. Deutsche Viertklässler haben laut der Iglu-Befragung 87 Stunden Leseunterricht im ganzen Schuljahr. Im internationalen Durchschnitt sind es 156 Stunden. In Russland, das beim Iglu-Lesetest Spitzenreiter wurde, gibt es 171 Stunden Leseunterricht jährlich, in den Niederlanden sind es 205 Stunden.

Hinzu kommt: Auch beim Förderunterricht für schwache Schüler gehen die anderen Länder zum Teil wesentlich systematischer vor. Die Bildungsforscher verweisen zum Beispiel auf Irland, wo Kinder mit Problemen beim Lesen einen verbrieften Anspruch auf schulische Förderung haben. Laut der aktuellen Iglu-Untersuchung bekommt in Deutschland dagegen nur jeder dritte deutsche Viertklässler mit Leseschwäche gezielten Förderunterricht.

Im Ausland sind dabei häufig zusätzliche Fachkräfte von Lesespezialisten über Sprachtherapeuten bis hin zu Beratungslehrern oder Hilfsassistenten im Einsatz. Hierzulande gibt es solche Kapazitäten nur für 16 Prozent der Schüler – das ist der ungünstigste Wert in der EU.

Was empfehlen die Bildungsforscher?

Sowohl die Schulen als auch die Eltern können nach Einschätzung der Iglu-Forscher mehr tun, um den Kindern das Lesen zu erleichtern Mehr Ganztagsgrundschulen, gezielte Leseförderung für die Schüler und eine bessere Lehreraus- und Fortbildung sind laut ihrem Bericht wichtige Ansatzpunkte für eine Verbesserung des Leseunterrichts. Außerdem empfehlen sie gezielte Elternarbeit, um Väter und Mütter „vom Wert des Vorlesens und auch der Bedeutung der sprachlichen Förderung im Vorschulalter zu überzeugen und ihnen dabei Hilfen anzubieten“.

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